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Ethik & Gesellschaft

501 Gramm. Ein entscheidendes Gramm

„Sternenkinder“ werden Ungeborene genannt, die noch im Mutterleib versterben. Viele von ihnen erleben die zwölfte Schwangerschaftswoche nicht, sondern versterben in den ersten drei entscheidenden und bewegenden Monaten. Während der Zeitpunkt des Abgangs für viele werdende Eltern keine Rolle spielt, ob sie in der zwölften Schwangerschaftswoche oder dem siebten Monat ihr Kind verlieren, zieht der Gesetzgeber in einigen Bundesländern bei 500 Gramm eine klare Grenze.

Veröffentlicht von Pia Kracke am 7. Januar 2020

Tod ist ein Thema, das nur schwer als gesellschaftsfähig angesehen wird. Geburt und Leben okay, aber Tod, nein danke. Damit möchten sich viele nicht beschäftigen und schieben es gerne vor sich her. Doch was geschieht, wenn das Kind im Mutterleib nicht mehr lebensfähig ist und abgeht? Für die werdenden Eltern ist es vermutlich eine der schlimmsten Erfahrungen ihres bisherigen Lebens. Die Träume und Wünsche für ihr möglicherweise lang ersehntes, schon arg ins Herz geschlossenes Kind werden sich nicht erfüllen. Es wird ihnen nie in die Augen schauen, sie umarmen oder ihnen Geschichten erzählen.

Ein große Last, die sie nun mit sich tragen. Möglicherweise können sie diese mit ihrer Familie und ihren Freunden teilen, aber auch für die ist die Situation schwer. Die Familie und Freunde haben kein Bild von dem Kind, haben nie gespürt, wie es getreten hat oder die Herztöne gehört. Seit 2013 gibt das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Kinder den Eltern die Möglichkeit ihr Kind standesamtlich einzutragen. So ist das Kind auch ohne langes Leben offiziell Teil der Familie und für die Freunde greifbarer. In Hinblick auf die Bestattung zieht der Gesetzgeber jedoch, je nach Bundesland, eine klare Grenze. Die Unterscheidung ist für viele Eltern schwer nachvollziehbar, da sie sich eigentlich nur einen liebevollen und warmherzigen Platz für ihr Kind wünschen, an den sie gehen können, sollten sie das Verlangen danach haben. Ganz gleich, wie alt ihr Kind geworden ist.

In Hamburg gibt es zwei Gruppen. Während für die  Föten über 1.000 Gramm, die Bestattungspflicht greift, wird dem verstorbenen Kind unter 1.000 Gramm die Möglichkeit der Bestattung versagt. Sie unterliegen dem Forschungszweck, wenn diesem vor dem Versterben zugestimmt worden ist, oder der fachgerechten Entsorgung.

Im Nachbarbundesland Schleswig-Holstein wird in drei Kategorien unterschieden. Bei der Fehlgeburt wiegt das Kind keine 500 Gramm, ist somit nicht bestattungsfähig und unterliegt, wie in Hamburg der fachgerechten Entsorgung. Bei der Totgeburt hat das Kind die 500 Gramm überschritten. Es kann bestattet werden, hierzu bedarf es aber eine formlose ärztliche Bestätigung, dass das Kind beerdigt werden kann. Ab 1.000 Gramm wird keine Bestätigung mehr gebraucht, das Kind unterliegt dem Bestattungsgesetz und wird in einem Kindersarg beerdigt.

Zu der Fassungslosigkeit kommt die Trauer, der gesellschaftliche Druck, wieder zu funktionieren und mögliche finanzielle Schwierigkeiten, denn ein Kindersarg wird in aufwändiger Handarbeit hergestellt und ist dadurch relativ teuer. Außerdem ist es für viele Eltern nicht verständlich, warum ihr 501 Gramm schweres Kind in ein Einheitsgrößen-Kindersarg beerdigt werden muss, in dem es verloren aussieht. Auf der anderen Seite stehen die Eltern, die keinen festen Ort der Trauer haben, weil ihr Kind als nicht bestattungsfähig gilt und sie die Frage nach dem Verbleib ihres Kindes umtreibt.

Immer mehr Ehrenamtliche, aber auch Hauptberufliche beschäftigen sich mit den Sternenkindern. So arbeitet ein Bestatter aus Rellingen mit dem Krankenhaus in Pinneberg zusammen. Die verstorbenen Föten bestattet er auf eigene Kosten, gekleidet in kleinen, ehrenamtlich gehäkelten Mützen und Handschuhen, gebettet in liebevoll gestaltete Schachtel, entsprechend der Größe des Kindes. Den Eltern steht es frei bei der Beerdigung dabei zu sein. Ihnen wird so aber auch nachträglich die Möglichkeit eines Ortes der Trauer gegeben, an den sie sich zurückziehen können, wenn ihnen danach ist. Auch auf dem Ohlsdorfer Friedhof finden Eltern einen Bereich, in dem Sie ihr verstorbenes Kind beerdigen und später besuchen können.

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