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Ethik & Gesellschaft

Alternative Nobelpreise für Menschenrechtler

Seit 1980 verleiht die schwedische Right Livelihood-Stiftung den alternativen Nobelpreis „für die Gestaltung einer besseren Welt“. In diesem Jahr gingen am 1. Oktober die vier Auszeichnungen an Menschenrechtler aus Belarus, Nicaragua, den USA und dem Iran, um ein „Schlaglicht auf die weltweite Bedrohung der Demokratie“ zu werfen. Ganz im Sinne des Stifters Jacob von Uexküll, der Menschen auszeichnen möchte, die weitgehend unbeachtet von Medien, Politik und Öffentlichkeit Großes leisten. Berücksichtigt wurden in diesem Jahr 182 Nominierungen aus 71 Ländern.

Veröffentlicht von Heinz-Gerhard Wilkens am 16. Oktober 2020

1. Der 58-jährige Demokratieaktivist Ales Bjaljazki aus Belarus kämpft schon seit 1988 für demokratische Freiheiten im damals noch zur Sowjetunion gehörenden Weißrussland. Er teilt sich jetzt den mit 90.000 Euro dotierten Preis mit dem von ihm 1996 gegründeten Menschenrechtszentrum „Wjasna“, der führenden Nichtregierungsorganisation  des Landes. Heute ist Bjaljazki Mitglied des oppositionellen Koordinierungsrats, der den Widerstand gegen Machthaber Lukaschenko, den „letzten Diktator Europas“, organisiert. Er sagt: „Der Grad der Repression ist aktuell extrem hoch, so etwas haben wir noch nie gesehen. Wir erleben gerade wirklich ein gesellschaftliches Desaster.“ Dabei hat der Aktivist schon Einiges erlebt: 26mal landete er bis heute im Gefängnis, davon einmal 1052 Tage am Stück. Von Paris und Genua wurde er zum Ehrenbürger ernannt. Er erhielt bereits den „Petra-Kelly-Preis der Heinrich-Böll-Stiftung“ (2012) und den Václav-Havel-Menschenrechtspreis. 

2. Eine tragische Gefängnis-Erfahrung macht auch derzeit im berüchtigten Evin-Knast in Teheran die iranische Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotoudeh durch. Die 57-Jährige Mutter zweier Kinderund Sacharow-Preisträgerin wird seit 2010 immer wieder verhaftet, kommt wegen internationalen Drucks wieder frei und wird  im Sommer 2018 wegen staatsfeindlicher Propaganda, Störung der öffentlichen Ordnung und sündhaften Handlungen (weil sie bei öffentlichen Auftritten keinen Hidschab trug) zu 38 Jahren Haft und 148 Peitschenhieben verurteilt. Sotoudeh setzte sich vor ihrer Verhaftung für die Rechte von Kindern, Frauen, Journalisten und Dissidenten ein. Sie begann im August 2020 einen Hungerstreik im Gefängnis, wog zuletzt nur noch 47 Kilo. Ihr Mann, der Grafiker Resa Chandan, sagte kürzlich in einem Interview mit der Wochenzeitung DIE ZEIT über die Situation im Iran: „Die Opposition ist unorganisiert, schwach und unerfahren. Ein Regime, das bereit ist, so viel Gewalt einzusetzen, kann regieren mit der Zustimmung von 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung. Und die hat es.“

3. Der Amerikaner Bryan Stevenson hat Rassismus am eigenen Leib erlebt, wo er in Milton im US-Bundesstaat Delaware als Kind die Zahnarztpraxis durch die Hintertür betreten oder stundenlang für eine Polio-Impfung Schlange stehen musste, die seine weißen Schulkameraden sofort bekamen. Der heute Sechzigjährige ist er einer der führenden US-amerikanischen Bürgerrechtsanwälte, brachte fünfmal Fälle vor den Obersten Gerichtshof, die er alle gewann. Dazu zählte 2012 ein Urteil, das es US-Gerichten verbietet, Kinder zu lebenslangen Haftstrafen ohne Bewährung zu verurteilen. In Alabama bewahrte er schon mehr als hundert Todeskandidaten vor der Hinrichtung und setzt sich mit seiner „Equal Justice Initiative“ für die Abschaffung der Todesstrafe ein. Sein Fazit: „Die meisten Opfer der US-Justiz sind arm, haben schlechten Zugang zu Bildung und sind schwarz“. Dies scheinen Zahlen auch zu belegen. Jeder dritte Häftling im Todestrakt ist farbig, obwohl Afroamerikaner nur 13 Prozent der US-Bevölkerung stellen. In seinem 2015 erschienen Buch „Ohne Gnade“ nimmt Stevenson das Gefängnissystem der Vereinigten Staaten ins Visier: es sei ungerecht und diene dazu, dem immer noch präsenten Rassismus eine juristische Form zu geben. 

4. In Nicaragua macht sich die 61-jährige Rechtsanwältin Lottie Cunningham für die indigene Gruppe der Miskito, Sumo und Rama stark, ein Volk, das an der Grenze zu Honduras an der Atlantikküste lebt. Sie ist Präsidentin des Zentrums für Gerechtigkeit und Menschenrechte und selbst Afro-Nicaraguanerin. Der Lebensraum der Indigenen ist durch viele Faktoren bedroht. Bewaffnete Farmer machen ihnen das Leben schwer, die aggressive Rohstoffindustrie beutet ihr Land aus, das Wasser zum Überleben wird knapp. Dazu kommt der von China finanzierte Bau des gigantischen Interoceanic Grand Canal, der Atlantik und Pazifik verbinden soll und das von den Miskito bewohnte Ökosystem zerstören würde. Auch hier kämpft Cunningham für die Urbevölkerung, ebenfalls  für die Rechte indigener Frauen. Sie hat Programme gegen häusliche Gewalt aufgebaut und Jugendlichen erklärt, wie sie Menschenrechtsverletzungen publik machen können. Der Right Livelihood Award gibt ihr, die 2015 nur knapp einem Entführungsversuch entkam, die Kraft, weiter gegen Ausbeutung und Plünderung sowie für Umweltschutz zu kämpfen. 

Ales Bjaljazki
Foto: Right Livelihood Award
Nasrin Sotoudeh
Foto: Right Livelihood Award
Bryan Stevenson
Foto: Right Livelihood Award
Lottie Cunningham
Foto: Right Livelihood Award

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