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Ethik & Gesellschaft

Auf Sinnsuche im Regenwald

Fernanda Brandao legt Anfang Oktober 2019 bei Edel Books in Hamburg mit „KAXINAWA – Meine Reise zurück zu mir“ auf 208 Seiten eine Suche nach ihren eigenen Wurzeln im brasilianischen Regenwald vor. Denn die Tänzerin, Sängerin und Moderatorin kam erst als Neunjährige mit ihrer Mutter aus Rio in die Hansestadt, von der sie heute schreibt: „Hamburg empfing uns mit offenen Armen“. Und spätestens seit ihrer Arbeit für die ARD zur Fußball WM im Jahre 2014 und dem Tod ihres brasilianischen Großvaters ein Jahr später, eines Freigeists und einer Künstlerpersönlichkeit, stellte sich die Einwanderin mit der Bilderbuchkarriere existentielle Fragen, die sie direkt ins Amazonasgebiet führten.

Veröffentlicht von Heinz-Gerhard Wilkens am 24. September 2019

Brandao wuchs in einer matriarchalisch geprägten Großfamilie auf. Ihre Ururgroßmutter lebte bis zum 12. Lebensjahr in einem Indianerdorf und verfügte über ein großes Wissen zu Heilpflanzen. Ihre Mutter spielte Theater, managte eine Band und als Spross einer durch und durch musikalischen Familie tanzte sich Fernanda – mittlerweile der Militärdiktatur Richtung Deutschland entflohen – in ihr neues Leben: bei Konzerten von Pink, Sarah Connor oder Modern Talking. Schon mit 16 war sie Deutschlands jüngste lizensierte Fitnesstrainerin. Mit den Hot Banditoz kam ihr Durchbruch. 2011 saß sie in der Jury von „Deutschland sucht den Superstar“. Mit ihrem angeborenen Pflichtbewusstsein, mit Ehrgeiz, Disziplin und Fleiß hätte es immer so weiter gehen können, aber die Fantasie- und Unterhaltungswelt, Showbiz, Glamour und Luxus fühlten sich irgendwann schal an. Im Jahre 2015 war Brandao „ausgepresst wie eine Orange“ und fragt sich: „Was macht es mit uns, wenn das eigene Leben zu einer Werbefläche wird?“. Sie besinnt sich auf ihre Wurzeln: „Erst der Entschluss, mich für die Bewohner des Regenwalds zu engagieren, hat meine kindliche Begeisterung, Neugier und Leidenschaft wieder geweckt“. Die Sinnsuche beginnt…

Zwischen Dezember 2015 und Mai 2018 begibt sich Fernanda Brandao auf vier längere Reisen nach Acre, einen nordwestlichen Bundesstaat im Amazonasgebiet wenig südlich des Äquators, genau gesagt nach Rosa Branca, in ein Dorf der „Terras Indigenas“, jener den Indianern vorbehaltenen Territorien. Hier lebt in 36 Dörfern das Volk der „Huni Kuin“ („Wahre Menschen“), das auch unter dem Namen „Kaxinawa“ („Fledermausmenschen“) firmiert. Insgesamt 7.000 Indigene, über die Brandao in Kontakt mit Spiritualität, schamanischen Bräuchen zum Heilen von physischen und geistigen Leiden und mit transzendenten Erlebnissen über den psychoaktiven Ayahuasca-Trank, einer Kräutermedizin zur Entgiftung von Geist und Seele, kommt. Erst vor 100 Jahren während des Kautschuk-Booms hatten die Huni Kuin erstmals Kontakt zu Weißen. In deren Augen waren sie „unkultiviert, ungläubig und primitiv. Manche sehen sie bis heute so – zum Beispiel unser aktueller Präsident Bolsonaro“, schreibt Brandao.

Faszinierend sind ihre Beschreibungen sowohl des rituell-spirituellen Geschehens als auch des Kulturschocks durch den Kontakt mit unvorstellbarer Armut, haarsträubenden hygienischen Zuständen und einer nicht ungefährlichen Flora und Fauna. Aber sie lässt sich ein auf „einen elenden Außenposten der Menschen in einer Gegend, die bestens ohne Menschen auskäme.“ Brandao ist weit davon entfernt, die Regenwaldindianer als die edlen Wilden zu porträtieren und warnt sogar vor deren Romantisierung. Auch sie haben gute und schlechte Führer, gehen pfleglich oder nachlässig mit der Natur um, aber, so Brandao: „Sie sind in Not, so wie die meisten Naturvölker – und das hat nicht nur mit dem kargen Boden, dem Kinderreichtum und der fehlenden Bildung zu tun, sondern auch mit dem Abholzen des Regenwalds und dem Klimawandel. Also mit unserem westlichen Lebensstil, der sehr viel tiefere Zerstörungen hinterlässt, als die Indianer sie jemals anrichten könnten. Ihr Lebensraum verschwindet – und damit der Schutzmantel unseres Planeten.“

Und so wird Fernanda Brandao seit Jahren nicht müde, sich über Filme, Kunstausstellungen und Vorträge für die Children of the Forgotten“, so der Name ihre Hilfsprojekts, einzusetzen, für autarke Stromversorgung, sanitäre Einrichtungen, sauberes Trinkwasser über Brunnenbau, für medizinische Versorgung, eine ausreichende und ausgewogene Ernährung und Bildung. Ihr Selbstfindungsprozess dauert derweil an: „Meine Reise in den Regenwald und mein Hilfsprojekt dort heißt immer noch: ich lerne etwas über mich selbst und meine Leben.“ Brandao verfolgt ihr Amazonasprojekt ähnlich ambitioniert wie ihre künstlerische Karriere, lässt sich ein und geht vor Ort nicht selten über ihre Grenzen. Im September 2019 besuchte sie mit einem TV-Team erneut den Regenwald und gibt den Huni Kuin eine kraftvolle Stimme. Chapeau!

Am 10. Oktober 2019 stellt die Deutsch-Brasilianerin im Atrium der HanseMerkur im Rahmen einer geschlossenen Veranstaltung ihr Buch vor und sorgt auch für die Versteigerung indigener Kunstwerke, Webarbeiten und Schmuck zugunsten der Kaxinawa, die ihr so ans Herz gewachsen sind.

Fernanda Brandao

KAXINAWA – Meine Reise zurück zu mir

Edel Books Hamburg

208 Seiten

ISBN: 978.-3-8419-0671-7

17,95 Euro

Erscheinungsdatum: 1.10.2019

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