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Umwelt & Nachhaltigkeit

Der erste Bio-Bundesstaat der Welt

Sikkim ist der zweitkleinste Bundesstaat Indiens. Umso größer ist seine Vorreiterrolle und Visionen. Denn Sikkim ist der erste Bundesstaat der ausschließlich Bio-Anbau zulässt – beschlossen von der Regierung. 

Veröffentlicht von Marie Mävers am 3. September 2019

Das Öko-Projekt Sikkims geht ins vierte Jahr. Bereits im Januar 2016 erklärten der indische Premierminister Narendra Modi und Sikkims Premierminister Pawan Kumar Chamling, dass die gesamte Landwirtschaft im Staat nur noch nach ökologischen Kriterien erfolge. Seitdem ist kein Gramm Kunstdünger und Pflanzenschutzmittel mehr auf den Hängen des Himalaya-Staates verstreut worden. Bereits 2003 startete der seit 1994 ununterbrochen amtierende Premierminister Chamling, sein Projekt, die Bevölkerung von dem „total organic state“ zu überzeugen. „Der Gebrauch von chemischen Mitteln“, sagte Chamling damals, „gefährdet das Leben von Mensch und Tier.“ Im Zuge dieser Bewegung wurden auch Plastiktüten bereits vor zwanzig Jahren abgeschafft.

Chamling erkannte früh was die Öffnung der Agrarindustrie für große ausländische Unternehmen im Jahr 1991 für Indien bedeuten würde. Seine Ängste wurden bestätigt – heute ist Indien eine günstige Produktionsstätte für die ganze Welt. Denkt man an Indien kommen einem Bilder von Massenproduktion, dreckigen Flüssen, vollen und lauten Straßen und große Mengen an Abgasen in den Sinn – nicht die Idylle von weiten Feldern, Naturverbundenheit und Sauberkeit. Doch genau darauf baut die Geschichte Sikkims auf. Die Natur wurde von der Bevölkerung Sikkims schon immer verehrt. „In der westlichen Welt würde die Politik von Chamling als grün gelten. Bei uns ist sie ganz normal“, erklärt auch Prem Das Rai, der einzige Abgeordnete den das 610 000 Einwohner kleine Sikkim in der ersten Kammer des indischen Parlaments stellt.

So romantisch diese Vorstellung klingt, umso drastischer ist die Realität. Der Bio-Bundesstaat würde nicht ohne strenge Gesetze funktionieren. Zwar lässt sich mit ökologischer Landwirtschaft inzwischen auch großes Geld verdienen, es gibt aber auch immer Bauern und Händler die durch das System rutschen.

Anfang des Jahres demonstrierten Händler und Bauern in Sikkims Hauptstadt Gangtok, weil die Vernichtung illegal eingeführter konventioneller Lebensmittel die Preise in die Höhe trieben. Außerdem haben fast alle Bauern immer wieder  mit Schädlingsbekämpfung und Ernteausfall zu kämpfen. Die Subventionen und günstigen Kredite, die Bauernfamilien für den Umstieg auf einen Bio-Betrieb erhalten, kann in dem großen Umfang nie allen gerecht werden und so klagen die Hälfte aller Bauern, nicht genügend Hilfe der Regierung erhalten zu haben.

Auf der anderen Seite steht das von Anfang an durchdachte Konzept Chamlings und seiner Regierung. In Modelldörfern ließ er Komposthaufen anlegen und Naturdünger verteilen. Entwickelte umfangreiche Schulungsprogramme für Biolandwirtschaft und engagierte Agenturen, um die Felder als Bio-Ackerland zu zertifizieren. Heute kümmern sich Behörden fortlaufend darum, dass aus Kompost und Mist Biodünger wird und dass Krankheiten und Schädlinge mit natürlichen Mitteln in Schach gehalten werden.

Nicht ohne Grund erhielt der Regierungsstab um Chamling kürzlich den Future Policy Award, eine Auszeichnung für die weltweit besten Gesetze zum Schutz der Lebensbedingungen, gefördert von der Welternährungsorganisation. Welche Hürden er bewältigen musste spiegelt allein die Tatsache wieder, dass Kunstdünger in Indien seit Jahrzehnten hoch subventioniert wird – zusammen mit den Zuschüssen für Bewässerung und Elektrizität macht das fast ein Viertel des Budgets der indischen Zentralregierung aus. Bis heute ist es harte Arbeit, teilweise Kampf, das Land vor konventionellen Lebensmitteln und Gift zu schützen. An den Grenzen wir nach illegalen Lebensmitteln Ausschau gehalten und für die illegale Einfuhr Geld- und Haftstrafen verhängt. Hinter der seit 2015 zertifizierten Marke „Sikkim Organic“ stecken folglich mehr Gesetze und harte Arbeit, als Naturverbundenheit und Romantik.

„Die Zukunft der Ernährung ist frei von Glyphosat. Keine Mutter will solche Nahrung für ihre Kinder, ob in Stuttgart oder Sikkims Hauptstadt Gangtok“, denkt auch John Paull, ein australischer Agrarwissenschaftler und Spezialist auf dem Gebiet Bio-Revolution. Er prognostiziert, dass das Beispiel Sikkim nicht einzigartig bleibt und viele Staaten diesem Vorbild folgen werden. Auch das benachbarte Königreich Bhutan verfolgt die Vision des „organic only“, und der indische Bundesstaat Uttarakhand plant, ab April 2018 ähnliche Gesetze wie in Sikkim zu verabschieden. Es bleibt spannend zu beobachten, ob Sikkims Vorbild nur eine Vision für die Welt bleibt.

 

Einen bildlichen Einblick in Land, Leute und Visionen Sikkims erhalten Sie in der ZDF-Reportage „Die Öko-Rebellen vom Himalaya“ .

*Anfang Juni fanden Wahlen in Indien statt. Dementsprechend auch in dem Bundesstaat Sikkim. Nach 25 Jahren kam es zu einer Amtsablösung Pawan Kumar Chamlings als Premierminister. Neuer Amtsinhaber ist Prem Singh Tamang, von dem erwartet wird, den Ökobundesstaat im Biointeresse fortzuführen.

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