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Ethik & Gesellschaft

Der etwas andere Kiez-Abend

Freitagabend auf dem Hamburger Kiez. Der Gedanke an einen 17-jährigen Jungen, der sein Buch vorstellt, in dem er von seinem verstorbenen Bruder und den Reisen mit seiner Mutter, seinem Vater und dessen neuer Frau oder der Reise-Tante spricht, liegt da nicht so nah. Aber auf Sankt Pauli ist alles möglich.

Veröffentlicht von Pia Kracke am 4. November 2019

Um 18 Uhr werden die ersten Gäste von dem jungen Autor Marian Grau und der Elbdiakonie, insbesondere KidsAnker, einem ambulanten Kinderhospizdienst, in der St. Pauli Kirche begrüßt. Der Blick in die Kirche ist beeindruckend, egal ob gläubig oder nicht. Am Altar steht ein kleiner Tisch mit einer schwarzen Tischdecke. Auf der linken Seite steht ein Bild von einem Kind, mit einem Kuscheltier, das glücklicher nicht schauen könnte. Auf den Stühlen im Kirchenschiff befinden sich Fotos, die wieder genau diesen Jungen mit seiner Familie zeigen. Weiter sind dort Bilder, die man noch nicht wirklich zuordnen kann, aber das hat alles seinen Sinn, denn Marian hat genau diese Fotos ausgewählt, um seinen Worten aus dem Buch nicht nur eine Stimme, sondern auch ein paar, für ihn wichtige, Gesichter zu geben. So zeigt ein Bild ihn mit seiner Mutter in einer Traube kambodschanischer Brüder, ein Foto zeigt seinen Familien-Verein, wie er seine Familie liebevoll nennt, sowie ihn in Paris und auch Marlon, seinen verstorbenen Bruder in Farbe. Diese Bilder sollen die vorgetragenen Auszüge aus seinem Buch unterstreichen. Durch die Bilder gelingt es ihm Marlon in unsere Mitte zu holen, auch wenn er vor knapp sechs Jahren verstorben ist.

Eine Stunde später begrüßt Frau Sonja Schneider-Koch, die Leiterin der Elbdiakonie, die Gäste mit St.Pauli Perle Sekt und Wein, Wasser sowie Softgetränken und wünscht allen einen schönen Abend. Wahrscheinlich werden die ersten kritischen Stimmen laut, die Fragen, ob man einen schönen Abend haben kann, wenn es im Grunde um einen Jungen geht, der von seinem toten Bruder spricht. Um die Antwort mal direkt vorwegzunehmen: Ja es geht.

Marian beginnt die Lesung mit einer Reise, genauso wie im Buch, denn eine normale Autobiografie kann jeder, sagt er. Er möchte es anders machen, denn das Leben folgt auch nicht immer einer geraden Linie  und oftmals sind die kleinen Umwege und Verschnaufpausen genau das, was das Leben so lebenswert macht. Zwischen seinen Buchausschnitten erzählt Marian auch von seinem Leben, sowohl vom heutigen, in dem er das Reisen für sich entdeckt hat, als auch von dem Leben, als Marlon, sein großer Bruder, noch bei ihnen war. Er macht deutlich, dass man alles schaffen kann was man möchte, wenn man nur daran glaubt und arbeitet. Untermauern tut er das mit dem Leben seines Bruders. Marlon wurde eine Lebenserwartung von zwei Jahren zugeschrieben. Gefeiert hat er dreizehn Geburtstage. Er hat Marian und seinem Familien-Verein auch ohne Worte immer gezeigt wie wichtig es ist, die Momente zu leben, diese zu realisieren und zu genießen. Eine Tugend, die in der heutigen Zeit immer wichtiger wird. Kaum einer hält inne, um das Erlebte zu begreifen, es geht immer weiter, es gibt immer etwas Neues und kaum Zeit zu verschnaufen. Auch wenn Marian heute das Reisen über alles liebt, ist ihm es wichtig, diese Momente mit Menschen gemeinsamen zu erleben. Denn die gesammelten Erinnerungen kann ihnen keiner mehr nehmen. Sie sind in seinen Kopf und seinem Herzen, genau dort, wo sie viel bewegen aber auch enorm viel Wärme verteilen.

Im Zuge der Klimadebatte kommt die Frage auf, ob das Reisen immer dem Flugzeug bedarf oder ob es nicht andere Reisemöglichkeiten gibt, die umweltfreundlicher sind. Auch hier findet Marian folgende klare Antwort: „Nein!“ – er liebt das Entdecken von neuen Routen, so ist die Zugfahrt von Stuttgart über Oldenburg nach Hamburg genauso spannend für ihn, wie ein Flug ans andere Ende der Welt. Er sagt, dass für ihn jedes Reiseticket eine Eintrittskarte in ein neues Leben ist. „Wer vorher lediglich sein Zuhause, den Weg zur Schule und die Schule kannte, ist jeder neuer Ort eine Bereicherung.“, so Marian.

Seine Lesung schließt er mit wunderbaren, sehr schätzenden Worten für die Hospizarbeit. Er dankt zunächst einmal dem Kinderhospiz Olpe, einem ehemaligen Preisträger des HanseMerkur Preis für Kinderschutz, für die Möglichkeit Urlaub machen zu können. Während die Fahrt der Familie Grau ins Kinderhospiz eher einem Umzug in eine Pflegestation glich, bedeutete das Ankommen dort immer eine Entlastung für die Eltern sowie Zeit für die Familie. Marian dankte aber nicht nur dem stationären sondern auch den ambulanten Hospizdiensten, wie beispielsweise KidsAnker. Gerade diese Einrichtungen leben von engagierten Ehrenamtlichen, die ein bis zweimal in der Woche in die Familien kommen. Sie beschäftigen sich mit dem erkranken Kind, den Eltern und dem Geschwisterkind und schenken diesen für zwei bis drei Stunden Normalität. Eine dieser Ehrenamtlichen war in der schwersten Zeit für ihn da. Sie ist ins Krankenhaus gekommen, als Marlon starb und mit Marian zusammen in den Park gegangen und war einfach da. Er sagt tief beeindruckt: „Sie hat auch dann noch mit mit gesprochen, als kein anderer mit mir sprechen wollte und konnte.“

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