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Ethik & Gesellschaft

Der gescannte Obdachlose

Schließen Sie die Augen und stellen Sie sich vor, Ihr Geldgeber – was bei den meisten der Arbeitgeber oder eben Vater Staat sein dürfte – legt Ihnen ein Halsband um, auf dem sich ein Barcode befindet. Dort hinterlegt sind Ihre persönlichen Daten. Ab sofort wird jede einzelne Ausgabe von Ihnen überwacht. Wenn Sie Ihr Gehalt oder Ihre Transferleistung für Alkohol, Zigaretten oder andere schädliche Dinge ausgeben, gehören Sie zu den „Schlechten“ und müssen um Ihre Bezüge bangen. Geben Sie Ihr Geld für gesunde Ernährung und das Fitness-Studio aus, brauchen Sie sich um den weiteren Geldfluss wahrscheinlich keine Sorgen zu machen.

Veröffentlicht von Silke Hirschfeld am 8. Januar 2019

Nein, wir haben nicht den Verstand verloren. Zudem sind auch uns als Versicherer  die Auflagen zum Thema Datenschutz durchaus bekannt. Umso fassungsloser waren wir, als wir am 4. Januar in der taz einen Artikel über diese skurrile Big Brother-Adaption entdeckten.

Es handelt sich dabei nicht um ein Fantasie-Projekt: Der ehemalige Oxford-Student Alex McCallion entwickelte die App „Greater Change“, mit der man die persönlichen Daten von Obdachlosen abrufen und ihnen bargeldlos etwas spenden kann. Sie scannen dann also den Barcode am Hals „Ihres“ Obdachlosen und können in der App sehen, wofür er das Geld benötigt. Wenn sich herausstellt, dass er Alkoholiker ist und Sie das kategorisch ablehnen, scannen Sie einfach ein paar Obdachlose mehr, bis Sie einen gefunden haben, der beispielsweise für die Mietkaution einer Wohnung spart. Dann können Sie per App Ihren Euro bargeldlos investieren und mussten dafür nicht einmal mit ihm sprechen.

Der 23-jährige McCallion begründet seine Erfindung ganz pragmatisch: „Viele zögern, an Obdachlose zu spenden, weil sie nicht wissen, was die mit dem Geld machen“, erklärte er der taz. Für ihn ist es wie Crowfunding, wenn jemand auf der Straße Geld sammelt. Und bei seriösem Crowfunding ist Transparenz unerlässlich. Immerhin machen es die großen NGOs genauso. Zum Datenschutz äußerte er sich gegenüber der Zeitung nicht. Ebenso scheint es ihn nicht zu interessieren, dass ein kalter Entzug für einen Suchtkranken tödlich sein kann.

Nun wechseln wir einmal von der jung-dynamischen, sterilen Welt des Alex McCallion, hin zur schmutzigen realen Straße: Ein Obdachloser ist keine NGO, sondern ein Mensch, den in den meisten Fällen ein schwerer Schicksalsschlag so sehr aus der Bahn geworfen hat, dass er am Ende auf der Straße gelandet ist. Dort führt er einen täglichen Überlebenskampf, der gravierende körperliche und seelische Spuren hinterlässt und der von Selbstmarketing und Crowfunding ganz weit entfernt ist. Wie gesagt, er ist ein Mensch. Menschen hängt man keine Barcodes um und erlaubt jedem X-Beliebigen diesen zu scannen, um ein persönliches Schicksal öffentlich zu machen.

Im Klartext: Niemand muss einem Obdachlosen Geld geben. Aber wenn man ihm Geld spendet – und wir reden dabei von Kleinstbeträgen bis zu wenigen Euro – dann ist das ein Geschenk an ihn und dann darf er damit auch machen, was er für richtig hält. Und wenn er sich dafür Alkohol oder Zigaretten kauft, um seinen Straßenalltag damit einigermaßen erträglich zu machen, dann ist das sein gutes Recht.

Verständlich, dass sich mit dieser Tatsache nicht jeder anfreunden kann. In diesem Fall gibt es aber diverse Initiativen, die sich für Obdachlose einsetzen, sie schicken Sozialarbeiter auf die Straßen, die den Kontakt suchen und Obdachlose je nach Bedarf mit Essen, Hygieneartikeln, Kleidung und Schlafsäcken versorgen. Sie suchen das Gespräch, kümmern sich nötigenfalls um medizinische Versorgung und sehen, wie sie ihre Schützlinge unterstützen können. Die Ehrenamtlichen der Alimaus  sind seit einigen Nächten mit dem sogenannten Kältebus auf den Straßen. Susanne Groth vom Verein Leben im Abseits ist im regelmäßigen Kontakt mit den Beamten der Hamburger Davidwache und mit ihnen auf St. Pauli unterwegs . Das alles geschieht völlig Barcode-frei in Würde und mit Wertschätzung. Diese Organisationen arbeiten meist spendenbasiert und freuen sich über Ihre Unterstützung – ganz klassisch – in Form einer Sachspende oder einer Banküberweisung.

 

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