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Ethik & Gesellschaft

Dialog über Obdachlosigkeit

Im dritten Teil der Veranstaltungsreihe „Hamburger Dialoge über Obdachlosigkeit“ erzählte Johan Graßhoff, Diakonie-Hilfswerk Hamburg, am Freitagabend aus seinem Alltag als Straßensozialarbeiter. Rund 60 Zuschauer hörten ihm im Dialog mit Susanne Groth (Leben im Abseits e. V.) gespannt zu und hatten viele Fragen.

Veröffentlicht von Silke Hirschfeld am 29. Januar 2019

Am Freitagabend zeigte die Hansestadt ihre schmuddeligstens Winterwetterseite. Bei Temperaturen um die Null Grad und einem Schneegriesel, der nicht aufhören wollte, beeilte sich jeder, um ins Warme zu kommen.

Eine anschaulichere Kulisse hätte es für Susanne Groth (Leben im Abseits e.V.) und Johan Graßhoff (Diakonie-Hilfswerkt Hamburg) für ihren Dialog über Obdachlosigkeit kaum geben können. Denn jeder der rund 60 Gäste, die an diesem Abend den warmen Veranstaltungsraum des Ledigenheims betraten, konnte ein bisschen nachvollziehen, wie es sich da draußen gerade anfühlt.

Graßhoff betreut seit fünf Jahren als sogenannter Aufsuchender Sozialarbeiter den Hamburger Innenstadtbereich zwischen Hauptbahnhof und Michel. In kaum einem anderen Stadtteil sind die Obdachlosen so präsent und die Kluft zwischen Armut und Reichtum so groß. So ist es kein Wunder, dass Inhaber von Luxusgeschäften bei ihm anrufen und melden, dass jemand im Schlafsack vor ihrem Schaufenster bettelt. Sie wollen, dass dieser bettelnde Mensch entfernt wird.

Doch das ist nicht Graßhoffs Aufgabe. Seine Aufgabe ist es, die Notleidenden aufzusuchen. Er stellt sich ihnen vor, sucht das Gespräch und fragt, ob jemand Hilfe braucht. Seine Hilfe ist individuell und richtet sich nach der Verfassung und den Bedürfnissen des Obdachlosen. Manche sind nicht mehr mobil genug,  um sich selbst zu versorgen. Dann geht der Streetworker auch schon einmal los und erledigt Besorgungen. Manche brauchen einfach jemanden zum Reden und bei manchen ist der gesundheitliche Zustand so bedenklich, dass Graßhoff eine medizinische Betreuung sicherstellt. Oft begleitet er die Menschen auch einfach zu Behörden und führt sie durch den Formular- und Paragraphendschungel. Was auch immer der aufsuchende Sozialarbeiter tut, geschieht im Tempo dessen, für den er es tut.

Auf seinen Wegen durch die Innenstadt hält er immer die Augen auf und sucht nach Bedürftigen. Ihre Zahl wächst stetig. Mittlerweile sind rund 30 Prozent von ihnen Frauen. Sie haben es wesentlich schwerer, weil sie nicht nur täglich um ihr Überleben kämpfen, sondern ohne geschützten Raum regelmäßig Opfer sexueller Gewalt werden. Verständlich, dass sie versuchen, sich möglichst unsichtbar zu machen. Umso schwerer für Graßhoff und seine Kollegen sie zu finden und ihnen Hilfe anzubieten.

So zahlreich das Publikum an dem Abend erschienen war, so vielfältig waren auch die Fragen an den Straßensozialarbeiter. Für manch einen ist es schwer zu verstehen, wie es in einem Land wie diesem überhaupt zur Obdachlosigkeit kommt. Doch es reicht oft ein einziger Schicksalsschlag, um den Halt im Leben zu verlieren. Graßhoff erklärt die Hürden mit den Behörden: zum Beispiel einen Antrag zu stellen, ohne die dafür nötigen Papiere zu haben; wie schwierig es ist Papiere zu bekommen, ohne eine gültige Meldeadresse, das Geld für die Bearbeitungsgebühr und ein Foto zu haben. Und er erklärt, wie schnell jemanden, der so weit gefallen ist, der Mut verlässt, er sich zurückzieht und in alte Muster verfällt.

Eines sollte jedem spätestens an diesem Abend klar geworden sein: Niemand ist freiwillig obdachlos und niemand, der bettelnd auf der Straße sitzt – egal welcher Nationalität er angehört oder ob er nüchtern oder betrunken ist – ist ein gerissener Abzocker oder Gewinner. Er ist ein Mensch. Einer, der Hilfe braucht.

Zwei Dialoge über Obdachlosigkeit werden in Kürze noch stattfinden:

  • Am 15. Februar um 19.00 Uhr spricht Susanne Groth mit dem Sozialarbeiter Sören Kind, Caritas Hamburg, im Kulturladen St. Georg, Alexanderstraße 16, über „Armut und Gesundheit: Medizinische Hilfe für Obdachlose“
  • Am 15. März um 19.00 Uhr ist Hilde Tinney, Bürgernahe Beamte der Davidwache St. Pauli, zu Gast bei Susanne Groth. Im Café Augenblicke, Schulterblatt 63, spricht sie über „Obdachlose Frauen – unauffällig und besonders gefährdet“

Der Eintritt ist frei – und Sie sind herzlich eingeladen.

 

 

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