HanseMerkur

Achtung: Neue Bewerbungsfrist!

Bewerben Sie sich schon jetzt für den HanseMerkur Preis für Kinderschutz 2020. Die Bewerbungsfrist endet am 30. September 2020. Weitere Informationen finden Sie hier.

Ethik & Gesellschaft

Du bist was du isst

Es wird aktuell viel diskutiert und gespannt in die Zukunft geschaut, was diese für unsere Gesellschaft bereit hält. Viele sprechen von einer neuen Normalität, eine Welt in der wir lernen müssen, mit dem Coronavirus und anderen Viren zu leben. Eine Zeit mit dem Titel: „nach Corona“ scheint hingegen undenkbar. Doch welche Schlüsse lassen sich aus dieser Krise ziehen und wie können wir unsere Welt wieder zu einer besseren machen? Um diese Frage zu beantworten widme ich mich heute dem Thema Tierschutz und Fleischkonsum in unserer Gesellschaft.

Veröffentlicht von Marie Mävers am 15. Juni 2020

„There is no free lunch“ lautet die amerikanische Redensart: Irgendjemand zahlt immer den Preis. Das gilt auch für das billige Fleisch, welches die Konsumenten in den reichen Industrienationen so gerne verzehren. Diese traurige Wahrheit zieht leider mehrere negative Folgen nach sich. Zum einen sind es die teilweise menschenunwürdigen Bedingungen in den Großschlachtereien, unter denen Hunderte ausländische Arbeiter auch hier in Deutschland leben. Einmal mehr wurde diese Situation in der gegenwärtigen Corona-Krise aufgedeckt, als mehrere Großschlachterein in Deutschland als Brandherde für Infektionen ausgemacht wurden. In diesem Fall sind es die Arbeiter, die für das billige Fleisch zahlen müssen – im schlimmsten Fall sogar mit ihrem Leben.

Eine weitere negative Folge, kriegt der Verbraucher zu spüren. Denn die Masse nimmt das billige Fleischangebot wahr, obwohl es mittlerweile unzählige wissenschaftliche Studien zu dem Thema gibt, dass der übermäßige Konsum Krankheiten und Antiobiotika-Resistenzen nach sich ziehen kann und die Fleischproduktion das Grundwasser vor Ort belastet, weil viel zu viel Gülle auf den Feldern landet. Das wohl verheerendste Beispiel für diese Tatsache ist der Krankheitserreger COVID-19, der mit großer Wahrscheinlichkeit durch den Konsum von Tieren aus nicht artgerechter Haltung auf uns Menschen übertragen wurde.

In Deutschland gibt es seit einem Jahr auf den Fleisch-Verpackungen in den Supermärkten – Edeka, Rewe, Aldi und Lidl – ein Label, das die Haltungsform der Tiere angibt. Verbraucherschützer machen auch Druck für ein lange geplantes staatliches Logo. Doch das steckt aktuell politisch fest. Die Fleischverpackung sind mit der Einstufung der „Haltungsform“ auf der Verpackung gekennzeichnet. Vielleicht haben auch Sie diese Kennzeichnung schon wahrgenommen – sie wird in vier Stufen gekennzeichnet: (1) „Stallhaltung“ die gesetzliche Mindestanforderungen; (2) „Stallhaltung Plus“, die mindestens zehn Prozent mehr Platz und zusätzliches Beschäftigungsmaterial verspricht; (3) „Außenklima“ garantiert den Tieren noch mehr Platz und Frischluft-Kontakt; (4) „Premium“ haben die Tiere zudem Auslauf im Freien. Auch Biofleisch wird in diese Stufe eingeordnet. Auf das Konsumverhalten des Verbrauchers haben sich diese Kennzeichnungen aber bisher noch nicht sonderlich positiv ausgewirkt. Auch nach einem Jahr stammen 90 Prozent des gekennzeichneten Rindfleischs und rund 80 Prozent des Schweinefleischs aus Betrieben, die lediglich die gesetzlichen Mindestanforderungen „Stallhaltung“ entsprechen. Bei der Geflügelhaltung lässt sich ein positiver Trend zumindest erahnen: Hier kommen aktuell rund 85 Prozent der Hähnchen und 98 Prozent der Puten immerhin aus Stufe 2 „Stallhaltung Plus“.

Und hier schließt sich auch der Teufelskreis, denn die enttäuschende Sortimentsgestaltung wird maßgeblich vom Kaufverhalten der Kunden bestimmt. „Kein Händler legt sich die Ware ins Regal, wenn er nicht davon ausgehen kann, dass er sie auch verkaufen kann.“, erklärt der Geschäftsführer der Initiative Tierwohl Alexander Hinrichs. Denn je höher die Stufe der Haltungsform, desto höher in aller Regel auch der Preis. Und eine größere Zahlungsbereitschaft der Verbraucher scheint begrenzt. Diese Erklärungen bringen auch regelmäßig die führenden Supermarktketten in Deutschland hervor. Wenn der Handel mit dem Kennzeichen wirklich etwas für den Tierschutz tun möchte, „müsste er konsequent die ersten beiden Stufen auslisten und weggehen von der Billigpreispolitik“, ist Claudia Salzborn von Tierwohl der Meinung.

Die Lösung für die beiden fatalen Negativauswirkungen, liegen meiner Meinung nach in den Vorgaben der Regierung. Es müsste zwingend ein staatliches Label an den Start gehen. An diesem Label arbeitet die Bundesagrarministerin Julia Klöckner bereits und sieht ein Modell in drei Stufen mit steigenden Anforderungen vor. Diese sollen über der „gesetzlichen Mindestanforderung“ (1) beginnen. Der Gesetzesentwurf findet aber bisher keine Mehrheit, weil keine Strategie zur Vorgabe artgerechter Nutztierhaltung vorliegt. Darauf müsste aber die Kennzeichnung aufbauen.

Dass ein Umdenken, angetrieben durch die Corona-Kirse, bei der Masse der Gesellschaft von alleine beginnt, glaube ich leider nicht und gehe mit dem Gedicht und der traurigen Erkenntnis von Günter Kunert einher. In seinem Gedicht „Über einige Davongekommene“ heißt es:

„Als der Mensch / unter den Trümmern / seines / bombardierten Hauses / hervorgezogen wurde, / schüttelte er sich / und sagte: / Nie wieder. / Jedenfalls nicht gleich.“ 

„Noch nie haben Menschen aus Kriegen etwas gelernt – jedenfalls nicht die entscheidende Lehre, dass es besser ist, sie nicht zu beginnen. Warum sollte ein bloßes Virus irgendwelche nachhaltigen Effekte haben?“, ein Denkanstoß zu der Corona-Krise aus Die Welt von Alan Posener.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*