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Ethik & Gesellschaft

Empathie auf Zeit

Zwölf Kinder und ein Erwachsener in einer thailändischen Höhle, rund 100 Flüchtlinge jeden Alters auf dem offenen Meer nahe der libyschen Küste und der Kommentar eines jungen SPIEGEL-Journalisten entfachen in Deutschland eine längst überfällige Debatte über Moral und Empathie.

Veröffentlicht von Silke Hirschfeld am 20. Juli 2018

Keine zwei Wochen ist es her, dass im Norden Thailands 12 Kinder einer Fußballmannschaft und ihr Trainer aus einer Höhle gerettet wurden. Die Welt hatte das Schicksal und vor allem die Rettung gebannt verfolgt.

Zeitgleich schrieb SPIEGEL-Journalist Peter Maxwill in seinem empörten Kommentar:Im äußersten Süden des Mittelmeers, nahe der libyschen Küste, treiben Dutzende Leichen im Wasser. Ein Boot mit etwa hundert Migranten war dort vor einigen Tagen gekentert, die Marine rettete nur wenige Überlebende. Bewegt das Schicksal dieser großen Gruppe Millionen Menschen? Zu merken ist davon wenig.“ Einen Erklärungsversuch für diese Ignoranz gab er selbst: „Migranten … treten als Menschen kaum noch in Erscheinung. Es gibt zwar regelmäßig Berichte über bedrückende Einzelschicksale, aber in der politischen Öffentlichkeit sind sie weitgehend zur amorphen Humanmasse verkommen: zu Flüchtlingswellen.“

Fritz Breithaupt, Kultur- und Kognitionswissenschaftler der Indiana University, analysierte das „Phänomen Mitgefühl“ etwas genauer. Gegenüber der WELT sagte er: „Das Anziehende am Schicksal der thailändischen Jungen besteht genau darin, dass sie wieder zurückwollen – aus der Höhle raus an die Oberfläche. Die sind in einer Situation, die wir verstehen. Wenn sie da rauskommen, ist es zu Ende – dann brauchen sie uns und unser Mitgefühl nicht mehr. Das ist bei den Flüchtlingen natürlich ganz anders. Ihr Schicksal endet nicht mit der Überfahrt. Sie wollen weiter, sie wollen zu uns. Wenn wir unser Mitleid weiterdenken, kommt es dann ziemlich schnell auf uns an: Wir müssen ihnen Sympathien entgegenbringen, sie brauchen Helfer und Freunde. Das ist eine Verpflichtung auf Dauer. Und davor scheuen wir uns sehr.“ Er erklärt weiterhin, dass Mitgefühl für uns am attraktivsten ist, wenn es zeitlich begrenzt und komplett risikofrei ist.

Breithaupt erklärt in dem Interview aber noch ein ganz anderes Phänomen: „Wir versetzen uns die Helfertypen hinein. Es findet eine Heldenidentifikation statt. Wir stellen uns vor: Was würden wir machen? Würden wir auch in die Höhle tauchen? Wir können uns dann selber dafür loben, dass wir Gutes tun oder Gutes wollen. Auch wenn wir eigentlich nur zu Hause auf dem Sofa sitzen.“ Etwas ähnliches passierte bei uns, als auf dem ersten Höhepunkt der Flüchtlingskrise eine Solidaritätswelle durch die Bevölkerung ging. Doch die Krise dauert wohl schon zu lang und ist eben nicht risikofrei. „Im Prinzip wollte man sehen: Die Flüchtlinge integrieren sich schnell, bedanken sich bei uns, lernen Deutsch und benehmen sich gut.“, so Breithaupt.

Der Kommentar von Peter Maxwill, das Interview mit Fritz Breithaupt – zwei lesenswerte Beiträge, die sehr nachdenklich machen. Interessieren uns Menschen auf der Flucht nicht mehr, weil zu viele fliehen oder sie einfach schon zu lange auf der Flucht sind? Oder sehen wir lieber weg, aus Angst, dass sie auf der Flucht nicht sterben, sondern bei uns ankommen und wir dann konsequenterweise empathisch handeln und helfen müssten? Brauchen wir eine unüberwindbare Kluft zwischen dem Leid anderer und uns, um risikofrei mit ihnen fühlen zu können? Dreht sich unsere Welt mittlerweile so schnell, dass unser Interesse nur noch kurzweiligem Leid gilt? Oder um es mit den Worten Maxwills zu sagen: Berührt uns nur „Elend in Echtzeit“?

 

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