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Ethik & Gesellschaft

Gewalt auf der Straße

Wir sehen sie jeden Tag und nehmen sie meist nicht wahr. Erst wenn es in den Nachrichten wieder heißt: „Obdachloser mit Benzin übergossen und angezündet“, werden wir kurz aufmerksam, sind betroffen und verständnislos.

Veröffentlicht von Silke Hirschfeld am 15. August 2018

Seit 2012 weist das Bundeskriminalamt Straftaten gegen Obdachlose separat aus. Seitdem ist die Rate um 120 Prozent gewachsen. Wie so oft, ist die Dunkelziffer wesentlich höher, denn viele Opfer bringen die Tat nicht zur Anzeige, wie zum Beispiel Maggy. Dem Straßenmagazin Hintz & Kuntz sagte sie, dass sie im vergangenen Jahr auf der Mönckebergstraße von zwei Männern vergewaltigt wurde. Angezeigt hat sie die Tat nicht, weil das es nichts mehr verändert hätte.

Gerade nachts sind Wohnungslose schwache und wehrlose Opfer. Das Leben auf der Straße und die ständige Angst davor einzuschlafen zehren an ihren Kräften. Der 33-jährige Asen lebt seit 16 Jahren auf der Straße. Er versucht immer erst dann einzuschlafen, wenn morgens wieder Betrieb auf den Straßen herrscht. Zu oft sind ihm im Schlaf Sachen gestohlen worden, die er ganz nah an seinen Kopf gelegt hatte. Er hat es nicht gemerkt. Nicht weil er betrunken war, sondern einfach nur unfassbar müde.

Gegenüber Hintz & Kuntz versucht die Kriminologin Daniela Pollich von der Kölner Fachhochschule für öffentliche Verwaltung die Entwicklung zu erklären: „Gerade nachts sind häufig Wohnungslose auf der Straße verfügbar, wenn jemandem danach ist, jemanden zu verprügeln.“ Hinzu kommt das Desinteresse unserer Gesellschaft an Wohnungslosen: „Wenn man seinen Nachbarn vermöbelt, muss man eher mit gesellschaftlichen Konsequenzen rechnen, als wenn man sich jemanden aussucht, der in einer dunklen Ecke sehr schutzlos und unbeachtet von der Gesellschaft lebt.“, so Pollich. Die Täterstruktur und deren Motive sind sehr unterschiedlich und schwer zu erforschen. Oft sind die Täter Menschen, deren eigenes soziales Niveau nicht weit von dem der Wohnungslosen entfernt ist und die sich mit ihrer Tat aufwerten, indem sie die anderen abwerten. Häufig lassen aber auch Täter ihren Aggressionen freien Lauf, in deren Weltbild keine Obdachlosen passen, weil sie sie für faule und nutzlose Schmarotzer halten. Die Liste der Vorurteile ist lang und die, die sie haben, kommen aus allen sozialen Schichten.

Eine, die sich gut auskennt mit diesen Vorurteilen ist Susanne Groth. Die freie Journalistin hat im vergangenen Jahr den Verein Leben im Abseits e. V. gegründet. Gemeinsam mit sechs Vereinsmitgliedern will sie genau die sichtbar machen, vor denen die meisten die Augen verschließen. Regelmäßig ist sie in St. Pauli unterwegs und hält Kontakt zu den Wohnungslosen, Sozialarbeitern und den Polizisten der Davidwache. „Obdachlose Menschen haben keine Lobby. Sie werden ungern angesehen oder beachtet. Für viele Menschen, die auf der Straße leben, ist der soziale Tod oft noch  schwerer zu ertragen als das würdelose und gefährliche Leben auf der Straße. Von einigen Mitmenschen werden sie aber gern als Zielscheibe benutzt. Sie werden angezündet, auf sie wird uriniert oder sie werden geschlagen.“, erklärt Groth. „Was mich aber fassungslos und wütend macht, ist die Tatsache, dass solche Gewaltüberfälle auf obdachlose Menschen unter den Augen so genannter zivilisierter Mitmenschen passieren. Es wird ein obdachloser Mensch direkt vor dem St. Pauli Theater mit einer von Nägeln durchsiebten Dachlatte schwer verletzt. Und anstatt, dass jemand von den Passanten, die auf Einlass zum St. Pauli Theater warten oder einen Abendbummel auf der Reeperbahn machen, läuft niemand zur Davidwache, die nicht mal 50 Meter entfernt ist, sondern schaut lieber weg.“

Welche schlimmen Konsequenzen Ignoranz und Passivität nach sich ziehen kann, zeigte sich vor kurzem: „Eine Meldung der vorletzten Woche macht mich immer noch sprachlos. Ein Mann lag stundenlang auf dem Boden der S 3 in Hamburg. Eine Bahnlinie, die von vielen Menschen auf dem Weg zur Arbeit genutzt wird. Als endlich jemand den Notruf betätigt hat, konnte nicht nur der Tod des Mannes festgestellt werden, sondern es hatte auch bereits die Leichenstarre eingesetzt. Ich frage mich: Was gehört dazu, über einen Menschen zu steigen, der stundenlang am Boden liegt? Nicht zu schauen, ob er Hilfe benötigt oder aber die Notbremse zu ziehen?

Auch ich nutzte die öffentlichen Verkehrsmittel und schaue mir jetzt immer die Mitreisenden an. Ich frage mich: Mit welchen MENSCHEN fahre ich Bahn? Sind das alles gesellschaftsfähige Menschen, die bei Hilflosigkeit und Not wegsehen und sogar über das Elend und die Not hinüber steigen? Mir fehlen wirklich die Worte für so ein Verhalten, was mit Sicherheit in unserer Gesellschaft kein Einzelfall ist.“

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