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„In der digitalen Medizin ist Deutschland EU-Schlusslicht“

Im Forum Zukunftsmedizin der Rheinischen Post stehen unter dem Aspekt der modernen und individualisierten Datenmedizin die großen Krankheitsbilder der Kardiologie, Neurologie und Onkologie im Mittelpunkt. Als Projektpartner dieser Plattform sprachen wir mit Spitzenmedizinern der fokussierten Fachdisziplinen. Den Auftakt unserer kleinen Interview-Reihe macht der Ärztliche Leiter und Klinikdirektor des Universitären Herz- und Gefäßzentrums am UKE in Hamburg, Prof. Dr. med. Stefan Blankenberg.

Veröffentlicht von Heinz-Gerhard Wilkens am 4. Februar 2020

Zusammen mit der Kühne-Stiftung und dem Universitätsspital Zürich führt das UKE seit Oktober 2019 eine Ganzgenomsequenzierung von 9.000 Probanden durch, um über diese Bioproben neue Optionen zur Prävention, Diagnostik und Therapie von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu entwickeln. Welche Erkrankungen stehen im Fokus und welche Erkenntnisse versprechen Sie sich aus diesem auf fünf Jahre angelegten Forschungsprojekt?

Zunächst möchte ich betonen, wie dankbar ich der Kühne-Stiftung bin, dass wir dieses einzigartige Projekt in einer hervorragenden Kooperation UKE/Davos/Zürich durchführen können. Am Anfang des Projektes stehen Volkserkrankungen wie Herzschwäche, Vorhofflimmern und Arteriosklerose bzw. Herzinfarkt im Fokus. Darüber hinaus werden dann aber alle in der Hamburg City Health Studie adressierten Erkrankungen analysiert. Das Ziel ist ambitioniert, aber klar und eindeutig. Erstens wollen wir die genetischen Variationen identifizieren, die mit dem Auftreten der Erkrankungen einhergehen; danach werden wir prüfen, inwieweit diese Variationen für die Diagnose und Prävention der Erkrankungen hilfreich sein können. Das ultimative Ziel jedoch ist es, über die Identifizierung genetischer Regionen und pathoyphysiologischer Pathomechanismen neue Therapieformen zu entwickeln.

Sie waren seitens des UKE Betreuer einer im Dezember 2019 veröffentlichten internationalen Studie, die 400.000 Datensätze ausgewertet hat und wonach Sie jetzt erstmals berechnen können, was ein erhöhter Cholesterinspiegel für Männer und Frauen jedweden Alters für die Prädisposition für Herzinfarkt und Schlaganfall bedeutet. Was sind für Sie die wichtigsten Erkenntnisse aus der Auswertung der Studienergebnisse?

In der Tat hat diese Studie weltweit für Aufsehen gesorgt und wurde durchaus auch kritisch diskutiert. Unsere Botschaft ist klar und eindeutig. Cholesterinspiegel – auch schon in jugendlichen Jahren zwischen 25 und 45 – haben für zukünftige Herz-Kreislauferkrankungen eine hohe Vorhersagekraft. Wir postulieren, dass die Bestimmung der Cholesterinspiegel schon im jungen Erwachsenenalter durchgeführt werden sollte. Inwieweit dann eine frühzeitige Behandlung der Cholesterinspiegel sinnvoll ist, ist eine andere Frage. Es sollte nur jede und jeder wissen, dass auch Werte, die heute als scheinbar „normal“ klassifiziert werden und unter 130 mg/dl liegen, eine hohe Vorhersagekraft des Langzeit- oder gar Lebenszeitrisikos besitzen und ein Wert von 125 mg/dl mit einer ganz anderen Risikokonstellation verbunden ist als ein Wert von 97 mg/dl. Es geht um persönliche Selbstverantwortung, Wissen und eigene Entscheidung. Pharmainteressen spielen hier gar keine Rolle.

Ein internationales Wissenschaftlerteam, darunter Kollegen aus dem Herz- und Gefäßzentrum des UKE haben mit dem online verfügbaren Risiko-Kalkulator „Compass MI“ eine Diagnosehilfe für Patienten mit Verdacht auf einen akuten Herzinfarkt geschaffen. Wie funktioniert dieses neue Konzept der Infarktdiagnose?

Auch hier konnten wir im  Sommer 2019 eine große Publikation im New England Journal of Medicine veröffentlichen, welche die Art und Weise der Diagnose des Herzinfarktes, wie sie heute durchgeführt wird, hinterfragt und Weiterentwicklungen anbietet. Die Grundlage der Diagnose des Herzinfarktes stellt die Bestimmung des Troponinwertes dar. Bis vor 10 Jahren war die Sensitivität dieses Bluttestes noch gering, er wurde wie ein Schwangerschaftstest mit „positiv“ (Herzinfarkt) und „negativ“ (kein Herzinfarkt) angewandt. Mit der Verwendung der sog. „hoch sensitiven Teste“ besteht nun die Möglichkeit, diese Ergebnisse zu quantifizieren. Das wiederum birgt jedoch die Gefahr, dass die Diagnosestellung eines Herzinfarktes schwieriger und uneindeutiger wird. Wir haben nun in einem globalem Konsortium die wesentlichen Elemente der Diagnosestellung eines Herzinfarkts – Basistroponinwert, Zeit zwischen beiden Troponinbestimmungen, zweiter Troponinwert und somit die Troponinentwicklungsrate, EKG, Alter und Geschlecht – in einen Algorithmus klassifiziert. Dem Arzt und der Ärztin in der Notaufnahme ist es nun möglich, digital eine App anzuwenden, genau diese Variablen einzugeben und eine hohe Diagnosepräzision zu ermitteln. Kurz: Kommt der Leser bzw. die Leserin mit dem Verdacht auf einen Herzinfarkt in die Notaufnahme, erhält der Anwender dieser App eine viel höhere Diagnosepräzision als durch klassische Methoden. Die klinische Einschätzung jedoch bleibt unbenommen.

Welche Bedeutung für die rechtzeitige Intervention schreiben Sie der Telemedizin, etwa über die gerade entstehenden EKG-Datenbanken – etwa bei Vorhofflimmern – zu, die bei Auffälligkeiten vom Smartphone Arzt oder Notdienst informieren?

Telemedizin ist ein extrem wichtiger, in Deutschland leider viel zu wenig entwickelter Bestandteil der Medizin. Beispielsweise wissen wir, dass die Rhythmusstörung Vorhofflimmern – häufig unerkannt – mit dem Schlaganfallrisiko einhergeht. Kann Vorhofflimmern mittels eines dauerhaft   und einfach anwendbaren EKG Systems (d.h. über 3-4 Monate über eine Armbanduhr) problemlos erkannt und an einen Arzt übermittelt werden, kann dies eine unmittelbare präventive Behandlungsfolge haben. Diese wiederum verhindert dann Schlaganfälle. Es gibt viele weitere Beispiele dieser Art. Ich muss leider unmissverständlich feststellen, dass wir in Deutschland aufgrund vieler Hindernisse in der Anwendung der digitalen Medizin das Schlusslicht im europäischen Vergleich darstellen.

Roboterassistierte Operationen sind in aller Munde, Kardiotechniker drängen in die OPs. Wo wird Da Vinci schon eingesetzt und wo kann er ggf. präziser sein als der menschliche Chirurg?

Na, da fragen Sie aber einen Internisten und interventionellen Kardiologen….  In der Herzchirurgie findet das da Vinci System trotz initial großer Versprechungen aus verschiedenen Gründen wenig Anwendung, in der Martiniklinik – unserer weltweit renommierten Klinik zur Prostatabehandlung – wird das System häufig und mit großem Erfolg angewandt. Es hängt von der Indikationsstellung ab, inwieweit Roboter-assistierte Systeme Verbreitung finden.

Weitere Informationen unter www.forum-zukunftsmedizin.de.

 

Prof. Dr. Stefan Blankenberg, Universitäres Herzzentrum Hamburg, UKE

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