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Ethik & Gesellschaft

In Deutschland Willkommen

Das deutsche Schulsystem ist ein Thema für sich. Allein die Unterschiede auf Länderebene eröffnen ein großes Feld für Diskussionen und Potentiale. Geht es um die Integration von Flüchtlingen in das deutsche Schulsystem, schließen sich ungewollt ganz neue Thematiken an – Diskussionen sind vorprogrammiert. Aktuell sieht das Schulsystem für ausländische Schüler mit geringen Deutschkenntnissen sogenannte Willkommensklassen vor, in denen sie, fern vom Regelunterricht, zunächst Deutsch lernen.

Veröffentlicht von Marie Mävers am 7. November 2018

Antje Hofert unterrichtet Migranten an einem Berliner Oberstufenzentrum in einer Willkommensklasse und berichtet in Der Welt von ihren Erfahrungen.

Wenn ausländische Schüler separat von den anderen Schülern in speziellen Klassen unterrichtet werden, fällt es schwer den Begriff der gelungenen Integration zu verwenden. Auch wenn der Gedanke, zuerst die deutsche Sprache zu erlernen, kein schlechter ist. Wie auch Antje Hofert berichtet, fehlt für nachhaltige Maßnahmen zur Integration, der direkte Bezug zur Realität. Ausländische Schüler die mit einem Schulvorwissen von acht bis neun Jahren nach Deutschland kommen und dann pro Tag ausschließlich sechs Stunden Deutsch lernen, macht das System sehr träge. Zumal in naturwissenschaftlichen Fächern, die perfekte Beherrschung der deutschen Sprache, nicht unbedingt von Nöten ist. Für Schüler mit geringem schulischen Vorwissen hingegen, sind die Willkommensklassen sehr sinnvoll. 

Antje Hofert berichtet aus dem Unterricht in einer Willkommensklasse, dass sie mit Abbildungen zur Fotosynthese gearbeitet hat. Von einem Moment auf den anderen herrschte eine angenehme, wenn auch ungewöhnliche Unruhe im Klassenzimmer. Plötzlich waren die Schüler hellwach und wollten sich unbedingt beteiligen. Der Grund: Die Fotosynthese ist Lernstoff auf der ganzen Welt. Leider sieht das System der Willkommensklassen aber eigentlich nicht vor, dass die Schüler Fachunterricht erhalten. Sprechen die ausländischen Schüler nicht ausreichend Deutsch um den Abschluss auf einer Regelschule zu schaffen, laufen sie automatisch durch das System der Willkommensklassen. Im Idealfall bis zu dem Zeitpunkt wenn sie Deutsch auf B1-Niveau beherrschen, bevor es anschließend im Berufsqualifizierungsjahr mit Fachunterricht weitergeht. Das Ziel ist genauso gut gemeint wie das System. Die ausländischen Schüler sollen die Sprache und eine einführende berufliche Qualifizierung erhalten, um in Deutschland einen Job ausüben zu können. Leider unbeachtet der intellektuellen Kapazitäten der Schüler. Dabei impliziert der Begriff der Willkommensklassen genau das: Ankommen, Willkommen und vor allem Teilhabe an der Gesellschaft. 

Es macht die Situation nicht einfacher, wenn zusätzlich zu dieser Problematik Debatten über den Islam und generell die Andersartigkeit durch Religion mit ins Spiel kommt. „Manchmal lese und höre ich, wie sich Kollegen über muslimische Schüler beschweren – ganz so, als sei der Glaube der Kern aller Probleme“, sagt Antje Hofert. Und obwohl sie tagtäglich mit ausländischen Schülern zusammenarbeitet, haben sich noch nie tiefergehende Konflikte aufgrund der Religion ergeben. Einmal erschien ein Schüler nicht zum Unterricht. Er begründete sein Fernbleiben mit einem Moscheebesuch und hatte Angst seine religiösen Pflichten zu verletzen. Antje Hofert erklärte ihm, dass sein Job der Besuch der Schule sei und hier zu lernen. Sie würde auch, bekleidet mit einem Kopftuch, mit zu seinem Imam kommen, um ihm die Situation zu erklären. Das wollte der Schüler nicht, das Problem kam aber auch nicht mehr auf. Kulturelle Unterschiede geht sie genauso offensiv an wie die Frage der Religionsausübung. Muslime tun sich aufgrund der kulturellen Unterschiede häufig schwer, Mädchen die Hand zu geben. Da es in Deutschland aber zu der „Willkommenskultur“ dazu gehört, ebnet sie ihren Schülern einen spielerischen Zugang – sie selbst kommt aus Norddeutschland, wo ein Handschlag auch nicht unbedingt normal ist. „Wenn ein Schüler die richtige Antwort weiß, klatsche ich in seine offene Hand ab, berühre ihn.“ Auf diese Weise nimmt sie ihren Schülern die erste Hemmschwelle. 

Basierend auf ihren Erfahrungen wünscht Antje Hofert sich ein Schulsystem, das für jugendliche Flüchtlinge durchlässiger wird. Statt jahrelang in abgegrenzten Klassen unterrichtet zu werden, sollten sie auch am Regelunterricht, wie alle anderen Schüler teilnehmen. Denkbar wäre, dass sie den Vormittag am Regelunterricht teilnehmen und am Nachmittag Deutsch lernen. „Vor allem aber sollte man den Schülern von Anfang an das Gefühl vermitteln, dass ihre Fähigkeiten wirklich gefördert werden – und dass man sie als aktive Mitglieder der Gesellschaft braucht. Das würde allen Seiten viel Frust ersparen.“

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