NEU! Blog abonnieren

Erhalten Sie automatisch unsere aktuellen Beiträge mit der Abo-Funktion. Einfach hier anmelden.

Kinderschutz

Kriegstraumata in Kinderbildern

Dieser Tage wird dem 50. Jahrestag des US-Kriegsmassakers von My Lai gedacht, einem Wendepunkt des verlustreichen Vietnam-Krieges: tote Frauen und Kinder in einem Dorf, schrecklich entstellt, Babys von Kugeln durchsiebt, exekutierte ältere Dorfbewohner.

Veröffentlicht von Heinz-Gerhard Wilkens am 19. März 2018

Ich bin gerade in Südostasien unterwegs und habe letzte Woche das „Museum der Kriegsüberreste“ in Ho Chi Minh City (Saigon) besucht, eine der von der UNESCO in die Liste der 60 Museen für Frieden in der Welt aufgenommene Gedenkstätte. Auch hier geht es um My Lai. Aber der Fokus liegt auf jenen 21 Jahren der Indochina-Kriege zwischen 1954 und 1975, die Vietnam geprägt und für immer Narben hinterlassen haben.

In drei Stockwerken und in einem geräumigen Innenhof wird den Besuchern Einiges zugemutet; die Exponate lassen niemanden unberührt. Schon vor dem Gebäude ruft die Hardware des Grauens, US-Kampfjets, Mörser, Raketen- und Flammenwerfer, M41- und M48-Panzer und Chinook-Helikopter jene Bilder ins Gedächtnis, die sich für alle, die den Vietnamkrieg noch bewusst verfolgen konnten, in die kollektive Erinnerung gebrannt haben. Dazu kommen rekonstruierte Internierungs- und Folterzellen wie die sogenannten „Tiger Cages“. Und Exponate des Fegefeuers wie unzählige Schwarz-Weiß-Fotos, die Folter, Massaker und andere Gräueltaten für die Nachwelt aufbewahren.

Ja, die Kuratoren haben keine objektive Geschichtsaufarbeitung geleistet. Sie zeigen die Verbrechen der Vietkong ebenso wenig wie das Schicksal der drei Millionen Boat People. Aber die Opferperspektive ist eben auch nicht objektiv, wohl aber höllisch verstörend, wenn man die Versehrten von Napalm- und Agent Orange-Einsätzen betrachtet, abstrus entstellte und fehlgebildete, behinderte, schwer gezeichnete Menschen, verkrüppelte Föten in Formaldehyd.

Das Kriegsüberreste-Museum nötigt dem Besucher einiges ab, ist nichts für schwache Nerven. Und dennoch gehen die Exponate in einem Raum besonders unter die Haut. Es sind Kinderzeichnungen („Vietnamese Children against the unjust War“), die das nationale Drama eines brutalen Krieges künstlerisch zu verarbeiten suchen. Der New Yorker Fotograf Brian Dricscoll dokumentiert bis heute die Kinder dieser „lost generation“, die in dritter Generation an den Folgen des Entlaubungsmittels Agent Orange leiden: taub, blind, sprachlos, geistig und physisch schwerstbehindert. Lebenslange Pflegefälle. Und so stellen die Tuschbilder und Kreidezeichnungen der Acht- bis Fünfzehnjährigen Entlaubungsaktionen („I hate Agent Orange“) ebenso dar wie die Solidarität mit behinderten Mitschülern und den Respekt, mit dem sie ihr versehrtes Leben meistern („Agent Orange Victims Rise Above Difficulties“). Berührende Kunst als Ventil für generationsübergreifende Kriegstraumata in einem geschundenen Land.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*