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Umwelt & Nachhaltigkeit

Lebensmittelverschwendung und die verlorene Haltbarkeit der Sinne

Elf Millionen Tonnen Lebensmittel landen in Deutschland jährlich im Müll. Das sind 55 Kilo pro Person (Personen mitgerechnet, die nicht einmal selbst 55 Kilo wiegen). Sie kommen aus Privathaushalten, Gastronomie, Hotellerie und dem Einzelhandel. Die Ursachen für diese dramatische Verschwendung sind schwer nachvollziehbar, denn ein einfacher Blick über den wohl gut gefüllten Tellerrand würde schnell für Abhilfe sorgen und einfache Alternativen aufzeigen.

Veröffentlicht von Silke Hirschfeld am 5. April 2019

Sind Sie auch mit der elterlichen Mahnung groß geworden, dass Sie Ihren Teller leer essen und nicht mit dem Essen spielen sollen, weil in den armen Ländern Kinder verhungern? Nun. Wenn es um Armut geht, müssen wir nicht in andere Länder reisen, denn rund ein Fünftel der Menschen in Deutschland leben bereits an oder unterhalb der Armutsgrenze.

Umso unverständlicher ist es, dass 61 Prozent der Lebensmittelabfälle in deutschen Privathaushalten entstehen. So vertrauen zum Beispiel immer mehr Menschen dem Mindeshaltbarkeitsdatum (MHB), anstatt  ihren eigenen Sinnen zu trauen. Zur Klarstellung: Das MHB ist kein Wegwerfdatum, es gibt nur an, wie lange ein Lebensmittel mindestens haltbar ist. Wenn man also – wie es Generationen unserer Vorfahren getan haben – einfach auf seine Sinne vertraut, lässt sich durch Sehen, Riechen und Schmecken schnell feststellen, ob etwas noch genießbar ist oder nicht. Für alle, die das Vertrauen in ihre Sinne verloren haben, hat die Verbraucherzentrale Hamburg nun auch tatsächlich eine Checkliste veröffentlicht, die hilft, Schimmel und andere Ungenießbarkeiten zu erkennen.

Wer trotz alledem das MHB für glaubwürdiger hält, muss die Lebensmittel aber nicht in den Müll werfen. Die Tafeln, die es mittlerweile in allen größeren Städten gibt, nehmen Lebensmittelspenden dankbar entgegen und verteilen sie an Bedürftige. Eine gute Alternative sind auch Foodsharing-Initiativen. Auch hier können Sie Lebensmittel, die Sie nicht benötigen, abgeben. Es gibt immer jemanden, der weniger hat und sich darüber freut. Abgesehen davon reduziert es denn Müll.

Bei der Gastronomie und der Hotellerie sind die Umstände etwas anders, denn hier gelten gesetzliche Auflagen: „Alles, was einmal beim Gast war, darf nicht erneut ausgegeben werden“, erklärte mir Dirk Heyer, Leiter unseres Mitarbeiterrestaurants, das von diesen Regeln genauso betroffen ist. „Beim Gast“ meint die Sachen, die im Salatbuffet stehen und die Speisen, die bereits offen in der Selbstbedienungstheke sind und nicht mehr verkauft werden. Grund für die Gesetzgebung ist zum Beispiel die Gefahr von Krankheitserregern, die durch das Unterbrechen der Kühlkette verursacht werden können. „Wir versuchen, das Problem der Lebensmittelverschwendung mit einem geschickten Produktionsmanagement möglichst gering zu halten, indem beispielsweise weniger Speisen vorbereitet werden als Gäste zu erwarten sind und dann je nach Ansturm nachproduziert wird. Zudem wird bei einem sogenannten „Müllmonitoring“ geprüft, ob die Portionsgrößen richtig berechnet sind oder angepasst werden sollten.“, so Heyer.

Nichtsdestotrotz sollte aber auch die Gesetzgebung einmal hinterfragt werden, denn was am Tag noch dem Restaurantgast serviert wird, wird am gleichen Abend vermutlich keine Salmonelleninfektion verursachen, dafür aber vielleicht einen Hunger stillen.

Die zweifelhafteste Lebensmittelverschwendung ist sicher die des Einzelhandels. Denn hier tragen sämtliche Lebensmittel ein Mindeshaltbarkeitsdatum. Bevor dies abläuft, werden die Speisen bereits aus den Regalen entfernt und entsorgt, obwohl sie weit darüber hinaus genießbar sind. Dass das auch anders geht, haben uns jüngst die Tschechen bewiesen. Seit 2018 sind große Supermärkte per Gesetz dazu verpflichtet, ihre unverkäufliche Ware an Tafeln oder andere wohltätige Organisationen zu spenden, um damit sozial Schwächeren zu helfen. In Frankreich gibt es dieses Gesetz bereits seit drei Jahren. Ein Thema, das sicher eine gute Grundlage für eine sinnvolle EU-Richtlinie wäre.

Laut einer repräsentativen Umfrage des Digitalsverbandes Bitkom und der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie, bei der mehr als 300 Lebensmittelerzeuger befragt wurden, gaben 58 Prozent der Unternehmen an, mit Hilfe einer  verbesserten Digitalisierung und ausgefeilteren Absatzprognosen die Lebensmittelverschwendung der Erzeuger bis 2030 auf nahezu Null drücken zu können. Immerhin verantworten die Hersteller rund ein Siebtel der Verschwendung.

Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) setzt zur Bekämpfung des Themas wieder einmal auf die freiwillige Selbstverpflichtung. So gründete sie sogenannte Dialogforen für Landwirtschaft, Verarbeiter, Handel, Gastronomie und Privathaushalte, damit diese Möglichkeiten erarbeiten, wie die 11Millionen Tonnen reduziert werden können. Dafür hat sie ein klares Ziel angegeben: Die Lebensmittelverschwendung soll bis 2030 auf die Hälfte reduziert werden. Also innerhalb der nächsten 11 Jahre. Zu diesem Zeitpunkt ist Frau Klöckner voraussichtlich kurz vor dem Renteneintrittsalter.

 

 

 

 

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