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Ethik & Gesellschaft

Paarlauf für Deutschland

28. Oktober 2019, 13.00 Uhr im dritten Stock eines Jugendstilhauses in West-Berlin, Mommsenstraße 43. Knarrendes Parket, die Zentrale des Verlags Berg & Feierabend. Medienvertreter von dpa bis Märkische Oderzeitung, von Berliner Morgenpost bis Business & Diplomacy drängen sich mit den Autoren des Buchs „Frank-Walter Steinmeier und Elke Büdenbender – Paarlauf für Deutschland“ in zwei Büroräumen zum Pressegespräch anlässlich des Erstverkaufstages des Text-/Bildbandes über das deutsche Staatsoberhaupt. Es ist nach Publikationen über die Bundespräsidenten Horst Köhler und Joachim Gauck das dritte Werk des Hamburger Fotografen Christian Irrgang, das die HanseMerkur unterstützt. Für uns steht dabei die Förderung der Auseinandersetzung mit der deutschen Nachkriegsgeschichte, der Demokratie und der Bedeutung der Verfassungsorgane im Fokus. Ein Anliegen, das in politisch labilen Zeiten sicher wichtiger ist denn je.

Veröffentlicht von Heinz-Gerhard Wilkens am 13. November 2019

Die FAZ-Journalistin Julia Schaaf, die einen Essay über die First Lady zum Buch beigesteuert hat, spricht von Elke Büdenbender als der höchstbelasteten Ehrenamtlerin des Landes. Sie sei viel mehr als die Frau des Bundespräsidenten und das, obwohl sie ihre Tätigkeit als Verwaltungsrichterin hat ruhen lassen. Über ihre souveräne Entscheidung, dies zu tun, verkörpere sie trotz der Annahme einer konventionellen Rolle ein zeitgemäßes Frauenbild.

Der Luxemburgische Außenminister Jean Asselborn, der ein Vorwort über seinen Freund Frank beigesteuert hat, bekannte freimütig: „Steinmeier fehlt in der Riege der europäischen Chefdiplomaten.“ Dem Bundespräsidenten komme nach dem verheerenden Thüringer Wahlergebnis, bei dem 40 Prozent der Neuwähler und 23 Prozent der unter 25-Jährigen AfD gewählt hätten, die Rolle zu, gegen eine schlimme Entwicklung zu steuern. Eine europäische Entwicklung, bei der die Menschen wieder Angst vor den Deutschen bekämen, wäre angesichts der grassierenden populistischen Entwicklungen in diversen EU-Mitgliedsstaaten verhängnisvoll. „Dann würde Europa seine Seele verlieren“.

 

Fotografie in der Tradition Erich Salomons

Der Fotograf Christian Irrgang bestätigte, dass der neue Mann im höchsten Staatsamt vor allem als Diplomat wahrgenommen würde und er deshalb als Ursprungstitel für sein Buch „Ein Diplomat im Schloss Bellevue“ favorisiert hätte, was wiederum beim Amtsinhaber auf wenig Gegenliebe stieß. Irrgang sieht sich bei seiner Arbeit als irgendwann unsichtbarer Begleiter mit der Kamera – „mein Kapital ist die Zeit; letztlich tritt ein Gewöhnungseffekt ein“ – in der Tradition des jüdischen Juristen, Fotografen und Bildjournalisten Erich Salomon, der 1944 in Auschwitz umkam. „Berühmte Zeitgenossen in unbewachten Augenblicken“ hieß ein Band mit Aufnahmen über dessen diskrete Fototechnik. Oft verbarg er seine Kamera hinter ausgehölten Büchern oder Verbänden eines vermeintlich gebrochenen Arms und entwickelte so einen Fotoreportagestil, der die Pressefotografie nachhaltig beeinflusste. Als besondere Momente seiner Arbeit am Bildband bezeichnete Irrgang die „Nacht der Groko“, als der Bundespräsident Angela Merkel, Martin Schulz und Horst Seehofer Ende November 2017 die Verfassungslage erläuterte und sie in die Koalition zwang. Der schönste Moment des fotografierenden Chronisten war ein Moment in Saaringen an der Havel, ein warmer Märztag 2019, wo das Präsidentenehepaar einen privaten Frühlingsabendspaziergang unternahm. Es wurde das Titelbild des Buches. Gefragt, ob es nach Rau, Köhler, Gauck und Steinmeier noch einen weiteren Fotoband zum deutschen Staatsoberhaupt geben werde, sagte Irrgang zunächst „nein“, um dann schnell hinzuzufügen, dass er noch einmal schwach werden könne, sollte eine Präsidentin ins Amt gewählt werden.

Der stern-Autor Andreas Hoidn-Borchers sieht Steinmeiers Amtszeit im Vergleich zu jenen seiner Vorgänger als die schwierigste an. Seine langjährige Analyse, „die Welt sei aus den Fugen“, zeige, dass der Bundespräsident die aktuelle Entwicklung früh gespürt habe. In seiner Rede zum 9. November 2018 schwinge daher der Appell an die aktive Verteidigung der Demokratie mit. Die Demokratie scheitere immer nur, wenn es zu wenig Demokraten gibt. Brillant sei es gewesen, dass Steinmeier die AfD in dieser Rede adressiert habe, ohne den Namen der Rechtspartei auch nur einmal in den Mund zu nehmen: „Wir dürfen nicht zulassen, dass einige wieder von sich behaupten, allein für das ‚wahre Volk‘ zu sprechen und andere ausgrenzen! Wer heute Menschenrechte und Demokratie verächtlich macht, wer alten nationalistischen Hass wieder anfacht, hat gewiss kein historisches Recht auf Schwarz-Rot Gold.“

 

Besuch beim Diplomaten im Schloss Bellevue

Im Schloss Bellevue dann ab 15.45 Uhr für eine Stunde im Amtszimmer des Bundespräsidenten die Begegnung mit Frank Walter Steinmeier und seiner Frau Elke Büdenbender. Beide betreten aus dem Arbeitszimmer kommend den Raum, Steinmeier klatscht kurz in die Hände; seine Präsenz füllt den Saal. Besonders herzlich die Begrüßung zwischen Jean Asselborn und dem Staatsoberhaupt. Die Umstehenden erfahren von den sportlichen Aktivitäten des Luxemburger Außenministers, der 10.000 km jährlich auf seinem Rennrad zurücklegt und vom auch hochalpinen Bergsteigen und Wandern Steinmeiers. Natürlich kommt die Sprache auf Asselborns Restlaufzeit als Außenminister. Scherzhaft nennt er das Jahr 2032, den 75. Geburtstag der Römischen Verträge. Es geht aber auch um gemeinsame Reisen der beiden Außenminister, die immerhin acht Jahre als Freunde zusammengearbeitet haben. Es war Asselborn, der den Bundespräsidenten 2010 in der Charité besuchte, als er seiner Frau eine Niere spendete. Es geht um schäbige Hotels in Afghanistan, um schwierige soziale Umstände in Schwarzafrika und die Frage, ob der Brexit bis 2032 durchgesetzt sei. Asselborn: „Das geht jetzt ganz schnell“.

Den Bundespräsidenten treibt das Ergebnis der Thüringen-Wahl um, die Verhältnisse würden jetzt noch schwieriger, aber eine zweite Amtszeit schließt er indirekt mit Blick auf die politischen Kräfteverhältnisse und den Aderlass der SPD aus. Man spürt, dass ihm die Arbeit Spaß macht, ein Diplomat im Bundespräsidialamt, der in sich ruht und über exzellente Kontakte auf internationalem Parkett verfügt. Er ist von seiner Pressesprecherin Ester Uleer bestens über die Pressekonferenz vom Vormittag informiert und dankt – wie die First Lady – höflich Christian Irrgang, Verleger Peter Feierabend und Sponsor HanseMerkur für das Zustandekommen des Text-/Bildbandes zur Halbzeit seiner Präsidentschaft. Freudig vernimmt er auch, dass 2020 wohl noch eine Ausstellung in Hamburg unter Vermittlung von Kultursenator Carsten Brosda zustande kommt. Dann signiert er geduldig mit langen Widmungen Bücher für alle am Termin Beteiligten und entschwindet mit seiner Frau zu einem Termin beim israelischen Botschafter.

 

Buch zu einer schwierigen Amtszeit

Es ist nach Johannes Rau der zweite Bundespräsident aus den Reihen der SPD, den Christian Irrgang porträtiert. Rund 100 Tage hat er dafür fotografiert, 23.400mal auf den Auslöser gedrückt und aus 1.480 Aufnahmen jene 130 ausgesucht, die Eingang in das Buch fanden. Dokumentiert ist ein Zeitraum zwischen Mai 2017 und August 2019, vom Staatsbesuch in Polen bis zu einer Ausstellung im Schloss Bellevue mit fünf DDR-Künstlern anlässlich des Mauerfalls vor 30 Jahren. Luxemburgs Außenminister schrieb das Vorwort und porträtiert seinen Freund Frank sehr warmherzig und lässt keinen Zweifel daran, dass sich Steinmeier als Chefdiplomat in seiner Paradedisziplin bewegt habe, als Brückenbauer mit unbeschreiblicher Ruhe und Geduld, kein Schönredner sondern eine Persönlichkeit, die stets Argumenten verpflichtet war.

Der Schriftsteller Daniel Kehlmann ist im Buch mit einem kurzen Text zum Thema „Beruf Staatsoberhaupt“ vertreten. Steinmeier nahm in bereits 2006 auf seine erste Lateinamerikareise als Außenminister mit und hielt 2018 die Laudatio anlässlich der Verleihung des Frank-Schirrmacher-Preises auf den Autor. Kehlmann definiert die Rolle eines Bundespräsidenten als hochkomplexen Beruf, als Chef von allem mit unerwarteter Bedeutung in Momenten der Krise. Der zentrale Essay des Text-/Bildbandes stammt aus der Feder des stern-Autors Andreas Hoidn-Borchers, der Steinmeier journalistisch seit 1999 auf allen politischen Stationen begleitet hat. Er nennt seinen Beitrag „Der politische Präsident. Verteidiger der Demokratie in unsicheren Zeiten.“

Hoidn-Borchers knüpft an Steinmeiers Zitat von den „gewaltigen politischen Schiebe-bewegungen“ in den ersten zwei Jahren seiner Tätigkeit an und sieht ihn in der Tat mitten in der schwierigsten Amtszeit, die je ein Bundespräsident zu bewältigen hatte.  Gleichwohl sei er politisch erfahrener als alle Vorgänger, lasse sich politisch nur begrenzt einhegen und verteidige die Republik als Republikaner: „Zum Wesen der Demokratie gehört, dass nichts garantiert ist.“ Und so sei Steinmeier vom Mach-Mal (unter Kanzler Schröder) zum Mahn-Mal mutiert. Einen historischen Präsidentenmoment habe er nach den gescheiterten Jamaica-Verhandlungen in Berlin schon gehabt, aber war es das? Hoidn-Borchers orakelt: „Könnte allerdings sein, dass in der zweiten Halbzeit weitere hinzukommen.“

Die First Lady porträtiert die FAZ-Journalistin Julia Schaaf unter der Überschrift „Mensch Büdenbender!“ Es ist die erste Gattin eines Bundespräsidenten, die es nicht nur auf Chrsitian Irrgangs Buchcover geschafft hat. Auch der Titel „Frank-Walter Steinmeier und Elke Büdenbender. Paarlauf für Deutschland“ drückt ein neues Rollenverständnis im Schloss Bellevue aus, das Hoidn-Borchers so beschreibt: „Er hat seine Frau Elke Büdenbender quasi zur inoffiziellen Nebenpräsidentin gemacht.“ Schaaf konstatiert, dass die First Lady – auch in ihrer Bodenständigkeit – zu einer Art Gradmesser für die Modernität der Bundesrepublik geworden sei. Daher lebe sie mit ihrem Mann eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Ihr Credo, dass Bildung der Schlüssel zu einem guten und selbstbestimmten Leben sei, stammt aus ihrer eigenen Aufstiegs-Biographie, die sie bis hin zu einer erfolgreichen Verwaltungs-richterin führte und die sie nie die Bodenhaftung verlieren ließ. Dass sie ihre juristische Karriere für die neue Rolle unterbrach, war – so Schaaf – eine selbstbewusste, freie Entscheidung: „Das ist – im Kern als Prinzip – die Richterin, die Staatsbürgerin, die ganz normale Frau als First Lady. Ihre schönste Botschaft verkörpert Elke Büdenbender selbst.“

 

Frank-Walter Steinmeier und Elke Büdenbender. Paarlauf für Deutschland; Fotos: Christian Irrgang; Texte: Jean Asselborn, Daniel Kehlmann, Andreas Hoidn-Borchers, Julia Schaaf; 192 Seiten, 150 Abbildungen; Hardcover mit Halbleinen und Prägung, 30,5 x 24,5 cm; Verlag Berg & Feierabend; Preis: 49,90 Euro; ISBN: 978-3-948272-03-6

 

 

 

Empfang im Schloss Bellevue
Foto: Henning Schacht, Bundespresseamt
Buchvorstellung im Verlag Berg & Feierabend
v.l.n.r. Peter Feierabend (Verleger), Julia Schaaf (FAZ), Jean Asselborn (Außenminister Luxemburg), Christian Irrgang (Fotograf), Heinz-Gerhard Wilkens (HanseMerkur), Andreas Hoidn-Borchers (Stern)
Foto: Bernd von Jutrczenka, dpa
Bundespräsident und First Lady signieren Text-Bildband "Paarlauf für Deutschland" im Schloss Bellevue
Foto: Christian Irrgang
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Gespräch mit Annett Heinich aus Dresden über die Integration von Menschen mit Behinderung (13.11.17).
Foto: Christian Irrgang
Vierer-Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, CSU-Chef Horst Seehofer und dem SPD-Vorsitzenden Martin Schulz (30.11.17).
Foto: Christian Irrgang
Der Bundespräsident zeichnet am liebsten Elefanten, hier bei einer Widmung für eine Mitarbeiterin.
Foto: Christian Irrgang
In der VIP-Kabine des Regierungsfliegers "Konrad Adenauer" auf dem Flug in die USA (17.-21.6.18).
links Stephan Steinlein, Chef des Bundespräsidialamtes und Thomas Bagger, Leiter der Außenpolitischen Abteilung
Foto: Christian Irrgang
Begegnung mit jungen "Fridays for Future" - Demonstranten in Neumünster am 8. März 2019.
Foto: Christian Irrgang
Friseurtermin bei Ramona Agaciak in Berlin am 6. März 2019.
Foto: Christian Irrgang

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