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Kinderschutz

Pubertät im 21. Jahrhundert – ein digitales Desaster?

In der vergangenen Woche veröffentlichte die DAK eine Studie zum Verhalten von Jugendlichen im Umgang mit den sozialen Netzwerken. Die Ergebnisse sind teilweise erschreckend. Doch liegt es nur an den Jugendlichen?

Veröffentlicht von Silke Hirschfeld am 7. März 2018

Als ich zwischen 12 – 17 war, hatten wir daheim ein Telefon. Es war grün, hatte eine Tastatur und war über ein Kabel an einem zentralen Ort, mitten im Flur, fest verankert. Der Hörer war mit einer geringelten Schnur unabdingbar mit dem Telefon verbunden. Meine Eltern hatten also die Kontrolle über meine telefonische Privatsphäre und erzählten jedem, ihre Tochter habe die „Telefonitis“. Gemeint war damit mein für ihr Empfinden suchtähnliches Verhalten, mit dem ich seit Beginn der Pubertät zwischen der letzten Unterrichtsstunde am Mittag und der ersten am nächsten Morgen den Kontakt zu meinen Freunden pflegen wollte, weil es immer wahnsinnig viel zu erzählen gab.

Liebesbekundungen meiner ersten Verehrer erhielt ich handschriftlich auf kleinen Zetteln in der Pause oder im Unterricht unter dem Tisch und reichte mein Antwortkreuzchen (ja, nein, vielleicht – die älteren Leser kennen das noch) auf gleichem Wege zurück. Die Art, wie ich mich meinem Umfeld präsentieren wollte, beschränkte sich auf die morgendliche Qual der Wahl vor dem Kleiderschrank und optimierungsfähige Schminkversuche. Und wenn ich etwas super fand, dann sagte ich das einfach und hob dabei den eigenen Daumen.

Manche Dinge sind in ihren Grundzügen gleich geblieben – und doch ist heute alles anders. Das belegte gerade in der vergangenen Woche eine Studie der DAK, in der das heutige Social Media Verhalten von Jugendlichen näher beleuchtet wurde. Mit der Veröffentlichung der Studie ging ein großer Ruck durch die Medien, denn: Ja, Social Media kann süchtig machen!

WhatsApp, Instagram, Snapchat & Co. erlangen dabei eine ganz andere Dimension als der grüne fest verankerte Kasten von damals. Die Kommunikation ist schneller, vielfältiger, rund um die Uhr und kaum kontrollierbar. Facebook, YouTube und ähnliche Portale zeigen einem Trends und helfen beim Erwachsenwerden. Dank kostenloser Bildbearbeitungsprogramme und der Anonymität des „WWW“ steigt der Druck in der so wichtigen jugendlichen Entwicklungsphase und der Weg zum Cyber-Mobbing ist nicht weit. Kostenlose Games können „downgeloaded“ werden und die Spiele sind mit steigenden Anreizen natürlich so konzipiert, dass man kein Ende findet.

85 Prozent der befragten 1.001 Jugendlichen zwischen 12 – 17 Jahren gaben an, an jedem Tag der Woche soziale Medien zu nutzen. Im Schnitt verbringen die Teenager knapp drei Stunden am Tag am Computer, Tablet oder Smartphone. Hinzu kommen durchschnittlich 78 Minuten am Tag, die Jugendliche auf YouTube verbringen. Spitzenreiter unter den sozialen Plattformen war dabei der Nachrichtendienst WhatsApp, auf dem zwei Drittel der Befragten die meiste Zeit verbringen, um sich auszutauschen.

Die Forscher stuften die Nutzung der Netzwerke bei den Jugendlichen als problematisch ein, bei denen sich bekannte Entzugserscheinungen, wie Ärger, Traurigkeit oder Unruhe zeigten, wenn der Zugang zu den sozialen Medien verwehrt wird. Bei 22 Prozent der Befragten haben laut Studie die Nutzungsgewohnheiten schon zu Problemen im realen Leben geführt, da sie deshalb in Streit mit ihren Eltern geraten sind. Nun reden wir aber hier ja über die Phase der Pubertät! Da ist der Austausch mit Gleichaltrigen quasi Lebenselixier und mit den Eltern wird regelmäßig gestritten – egal aus welchem Grund.

Andreas Storm, Vorstandsvorsitzender der DAK, betonte, dass nicht die intensive Social-Media-Nutzung an sich so problematisch sei. „Diese Kommunikationswege sind grundsätzlich ein Gewinn“, sagte er. „Problematisch wird es, wenn die Balance zwischen der Kommunikation in der realen Welt und in der digitalen Welt aus den Fugen gerät.“

Auch Rainer Thomasius, der die Studie begleitet hat, ist weit davon entfernt, die sozialen Medien zu verdammen. Der Kinder- und Jugendpsychiater, der das Deutsche Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf leitet, erklärt: „Aus entwicklungspsychologischer Sicht sind soziale Netzwerke der Identitätsentwicklung der meisten jungen Menschen dienlich.“

Der Leiter des Instituts für Medienpädagogik und Kommunikation in Darmstadt, Peter Holdnick, setzt sich intensiv dafür ein, dass Jugendliche lernen mit ihren Smartphones  zu produzieren, statt nur zu konsumieren. Hierfür geht er an Schulen und erklärt nicht nur den Schülern, sondern auch den Lehrern, wie das geht. Auch Marlene Mortler, Bundes-Drogenbeauftragte appelliert: „Ich fordere eine Medienerziehung, die es in sich hat. Lehrer müssen in die Lage versetzt werden, Kinder für den Umgang mit sozialen Medien fit zu machen.“

Da Lehrer allein nur einen begrenzten Einfluss haben und 12-Jährige sich von ihrem Taschengeld auch meist keine Smartphones, Tablets oder ähnliches leisten können, möchten wir an dieser Stelle einmal einen Appell an die Eltern richten:

Liebe Eltern, Sie setzen Ihr Kind vermutlich nicht mit 18 hinters Steuer, ohne dass Sie vorher sichergestellt haben, dass es Autofahren gelernt hat und einen Führerschein vorweisen kann. Machen Sie es doch mit Computern, Smartphones, Tablets und Play-Stations ähnlich. Beweisen Sie Ihren Kindern im dramatischen Selbstversuch, dass nichts Schlimmes passiert, wenn man das Smartphone mal für ein paar Stunden weglegt. Laden Sie Ihre Kinder einmal dazu ein, sich mit Ihnen in Ihren sozialen Netzwerken zu bewegen und erklären dabei Regeln und mögliche Gefahren im Netz. Spielen Sie gemeinsam mit Ihren Kindern – gerne auch digital – da gibt es ein vielfältiges Angebot für die ganze Familie!

Wenn Sie dann einmal wieder ein paar Minuten allein im Netz unterwegs sind, geben Sie in der Google-Suche „Medienpädagogik für Eltern“ ein. Sie werden staunen, wie groß das Informations- und Schulungsangebot verschiedener Organisationen ist (z. B. Blickwechsel – Verein für Medien- und Kulturpädagogik).

Und übrigens konnten mich meine Eltern vormittags mit dem kleinen, fest verankerten grünen Kasten auch nicht per Textnachricht fragen, wie die Mathearbeit gerade gelaufen ist oder ob ich Nudeln oder Fischstäbchen zum Mittag möchte, sondern mussten warten bis ich aus der Schule kam.

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