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Kinderschutz

Reise nach Kurdistan – ein Land, das mich nicht loslässt

Heidi Merk, Landesministerin a. D. und Jurymitglied des HanseMerkur Preises für Kinderschutz, reiste im Juni nach Kurdistan – ein Land, dessen Geschichte von Diktatur und Flucht geprägt ist. Seit 1992, wo sie erstmalig vor Ort war, um den Hilfebedarf in den Flüchtlingslagern zu ermitteln, führte ihr Weg sie immer wieder dorthin, um zu sehen, wie die einzelnen Projekte sich inzwischen entwickelt haben. Die Eindrücke ihrer diesjährigen Reise hat sie für uns niedergeschrieben.

Veröffentlicht von Silke Hirschfeld am 2. August 2019

„Den zweiten Teil meiner Reise habe ich damit verbracht, die Flüchtlingslager und Einrichtungen zu besuchen, um zu sehen, wie sich verschiedene Projekte im Laufe der Jahre entwickelt haben:

Besuche von Flüchtlingslagern

Riesige Zeltstädte überziehen große Gebiete außerhalb der eigentlichen Städte. Sie sind zu ihrem Schutz umzäunt, Trampelpfade, Staubstraßen durchziehen die Lager. Am Rande haben sich inzwischen kleinere „Läden“ breit gemacht, in denen die Flüchtlinge einkaufen können. Sie werden von Flüchtlingen geführt. Überall wird versucht, mit verschiedenen NGOs zu helfen, Bildungsprojekte durchzuführen, Schulunterricht anzubieten und die Menschen medizinisch zu versorgen. Die Mittel dazu sind allerorten sehr begrenzt. Das Leben in den Lagern ist eintönig, eine bessere Zukunft nicht in Sicht. Diese Aussichtslosigkeit hält nun schon über vier Jahre an. Eine Rückkehr in die Herkunftsgebiete ist noch lange nicht möglich, was zunehmend zu Depressionen der Einwohner führt.

Jetzt herrscht im Sommer bei 50°C Außentemperatur eine unerträgliche Hitze in den Zelten. Die gesundheitlichen Probleme werden sichtbar. Weit und breit gibt es keinen Schatten, etwa durch Bäume. Die Flüchtlinge verdingen sich in der Landwirtschaft oder versuchen sonst als Tagelöhner irgendwie durch zu kommen. Die Zahl der Kinder in den Familien ist groß, sie sind die großen Verlierer ihrer eigenen Zukunft. In manchen Flüchtlingslagern können sie die allgemeine Grundschule besuchen, die auch den einheimischen Kindern zur Verfügung steht. Die Klassenstärke betrifft zum Teil bis zu über 40 Kindern, zu wenige Klassenzimmer, zu wenige Lehrer – Mangelerscheinungen überall. Die einheimische Bevölkerung zeigt keine Aggressionen gegenüber den Flüchtlingen, sondern hilft auch mit dem Wenigen, das sie selbst hat.

Wir besuchen eine Schule in Sharia, die wir mit dem seinerzeit gesammelten Geld renoviert haben, nachdem dort im Jahr 2014 über 1.700 Flüchtlinge über ein Jahr dort untergebracht werden mussten und damit auch der Schulunterricht für die einheimischen Kinder ausfiel. Jetzt werden dort 700 Kinder unterrichtet in Schicht, auch hier die Klassenstärke über 48 Kinder. In der zweiten Schule(Grundschule in Khanke), die am Rand eines Flüchtlingslagers mit 1.4000 Flüchtlingen liegt, wird derzeit der große Innenhof überdacht, um noch mehr Klassen bilden und Aktivitäten entwickeln zu können. Hier wäre eine weitere Renovierung dringend erforderlich, auch die Ausstattung mit Schulmaterial für die Flüchtlingskinder könnte eine große Hilfe darstellen.

Wir, das ist übrigens das S.A.Z. Kinderhilfswerk e.V.aus Hannover. Wir haben das Hilfswerk im April 2011 ins Leben gerufen und nach den großen Flüchtlingswellen im Irak eine Niederlassung mit Ehrenamtlichen gegründet, die vor Ort die Hilfe aufnehmen und koordinieren.

Die Kaberto Schule, die ebenfalls in dem Ort Khanke unmittelbar an dem großen Flüchtlingscamp liegt und hauptsächlich von den Kindern des Camps besucht wird, ist kaum noch zu Unterrichtszwecken zu gebrauchen, da ein enormer Renovierungsbedarf besteht. Wahrscheinlich wäre hier ein Neubau die günstigere und effektivere Lösung. Auch hier werden wir versuchen, Mittel dafür zu sammeln.

Besuch im Heevi Krankenhaus- (Pädiatrische Klinik )

Hier haben wir mehrere medizinische Geräte installiert, die das Leben der Kinder retten helfen. Dabei handelt es sich um mehrere Inkubatoren und Phototherapie-Einheiten mit 15 Beatmungsbetten, sechs Betten mit Phototherapie für Neugeborene, die mit Gelbsucht geboren werden und sonst sterben würden. Da es keine Blutbank gibt, ist das inzwischen die Rettung für über 100 Neugeborene geworden, worüber wir uns sehr freuen. Die Mütter sind die ganze Zeit bei ihren Neugeborenen und helfen den Schwestern, da geschultes Klinikpersonal sehr knapp ist. Dort treffen wir auch zu unserer Überraschung auf eine junge Praktikantin, die aus Nordheim stammt und sich hier einsetzt. Ohne das große Engagement aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter könnte die Klinik nicht so großartig helfen.

Zur Lage der Frauen, insbesondere der vergewaltigten jezidischen Frauen aus dem Shingal Gebirge 

Wir besuchen eine Einrichtung in Dohuk, die traumatisierten, vergewaltigten Frauen durch den IS und  Frauen mit Gewalterfahrung Hilfestellung anbietet. Allein 35 Frauen (die schwersten Fälle) werden hier betreut.

Die vergewaltigten, versklavten und immer wieder verkauften jezidischen Frauen, die aus den Fängen des IS flüchten konnten, erhalten dort Therapie und Hilfe. Viele sind sehr junge Frauen und Mädchen, sie wurden schwanger, erlebten unendlich viel Gewalt, Erniedrigung, Entmenschlichung und seelische Zerstörung. Manche haben bei der Flucht ihre Kinder zurückgelassen, denn sie werden in ihren Familien nur dann aufgenommen, wenn sie ohne Kinder zurückkehren. Viele der Frauen wollen aber ihre Kinder bei sich behalten, sodass für sie nun eine erneute Lebensproblematik entstanden ist. Auch in den Flüchtlingslagern werden sie nicht gerne gesehen. Sie werden erneut Opfer. Für sie braucht es nicht nur eine sehr komplexe Behandlung und Betreuung, sondern auch andere Lebensräume, die ihnen und ihren Kindern eine Überlebenschance geben. Hier suchen wir zur Zeit nach einer Lösung.

Einige der Kinder sind auch noch immer in Syrien und die Mütter hätten sie gerne mitgenommen, was aber aufgrund der dortigen Lage nicht möglich war. Auch hier braucht es noch viel Hilfe zur Auffindung der Kinder und Zusammenführung mit den Müttern.

Viele der Opfer haben ihre Sprache verloren, sie fühlen sich wertlos, verzweifelt, missachtet, unerwünscht und ohne jede Perspektive. Um das Selbstwertgefühl wieder zu gewinnen, ist man vor Ort darum  bemüht, verschiedene Kurse anzubieten. So konnten schon einige als health promoter arbeiten und sich ein bisschen Geld verdienen. Dieses vielversprechende und hervorragend wirkende Projekt steht jetzt am Abbruch, da die versprochene Finanzhilfe aus den USA ohne jede Begründung gestrichen wurde. Angeboten werden auch Alphabetisierungskurse, Englisch, Computerkurse, Gesundheitstraining, Ernährung und Familie, soziale Aktivitäten etc. Ein eigenes Frauencafé rundet das breite Spektrum ab.

Frauen haben im Allgemeinen keine großen Spielräume für sich selbst im öffentlichen Raum. Sie können nur in Gruppen ausgehen und nicht jede Tätigkeit annehmen. Im öffentlichen Raum sind sie im Wesentlichen nur im Rahmen der Familie sichtbar. Selbst in Restaurants gehen Frauen ins sog. Familienrestaurant, dort befinden sich keine alleinstehenden Männer. Im Gegensatz zu den Männern, die alle Freiräume für sich beanspruchen und wahrnehmen, darf man die Lage der Frauen als sehr eingeschränkt bezeichnen. Umso schwerer ist es für Flüchtlingsfrauen, die Witwen geworden sind, ihre Familie durch die Flucht verloren haben und nu eine eigenständige Lebensgrundlage aufbauen müssen. Das angebotene Projekt ist deshalb enorm wertvoll, um die Frauen zu fördern und aus ihrer Isolation zu holen.

Mit schwangeren Frauen aus Dohuk wird ebenfalls gearbeitet, und es wird versucht, die große Zahl von Geburten mit Kaiserschnitt (40 Prozent aller im Raum Dohuk geborenen Kinder) zu reduzieren, da es dafür nur wenig Notwendigkeit gibt.

In einer weiteren Einrichtung, die 2014 gegründet wurde, kümmern sich die Helfer vor Ort um Frauen mit Gewalterfahrungen, die kürzlich aus der Flucht angekommenen sind. Sie erfassen zunächst die jeweilige Lebensgeschichte und jetzige Lebenslage, untersuchen die Frauen medizinisch, setzen Psychologinnen ein, um die Schwere des bestehenden Traumas einzuschätzen, und führen Laboruntersuchungen durch. Eine kurzzeitige Aufnahme im Krankenhaus wird eingeleitet. Danach wird ein langfristiger Behandlungsplan erstellt und sämtliche Termine koordiniert. Aber auch diese Frauen müssen im Flüchtlingslager leben.

Bisher haben über 1.300 Frauen diese Einrichtung besucht. Auch hier stellen wir ein enormes Engagement fest. Gleichzeitig wird aber deutlich, welche Last das geschundene und zum Teil zerstörte Land auf sich nimmt und wie wenig in der westlichen Welt daran Anteil genommen wird.

Das Ende der Reise

Trotz der sehr bedrückenden Eindrücken und Beobachtungen gab es natürlich schöne Bilder, wie die Landschaft, die sich tief einprägt und den Besuch am Grab des großen Kurdenführers Mustafa Barzani im Barzantal, der sein Volk aufgerichtet und vereinigt hat. Er gilt als Vorbild der Kurden im Irak.“

 

Wenn Sie die Projekte unterstützen wollen, freuen wir uns über Ihre Spende:

Spendenkonto
S.A.Z. Kinderhilfswerk e.V.
Ziraat Bank Hannover
IBAN:DE14512207001032503003
BIC: TCZBDEFF

Flüchtlingslager
Foto: Heidi Merk
Kleiner Laden im Flüchtlingscamp
Foto: Heidi Merk
Besuch bei einer Flüchtlingsfamilie
Foto: Heidi Merk
Foto: Heidi Merk
riesige Zeltstädte für die vielen Flüchtlinge
Foto: Heidi Merk
Schule in Sharia am Flüchtlingscamp
Foto: Heidi Merk
Schule in Khanike
Foto: Heidi Merk
weitere Schule, die einen enormen Renovierungsbedarf aufweist
Foto: Heidi Merk
Foto: Heidi Merk
Heidi Merk (2. v. l.) besucht das Hevi Krankenhaus,
Foto: Heidi Merk
ein Kinderkrankenhaus in Khanike
Foto: Heidi Merk
Neugeborenes in einem der neuen Phototherapie-Betten
Foto: Heidi Merk
Therapieraum für traumatisierte Frauen in Dohuk
Foto: Heidi Merk
Besuch der Einrichtung WFBH
Foto: Heidi Merk
Am Grab des Kurdenführers Mustafa Barzani im Barzantal
Foto: Heidi Merk
Dokanstausee bei 50° C
Foto: Heidi Merk

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