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Kinderschutz

Reise nach Kurdistan – ein Land, das mich nicht loslässt

Heidi Merk hatte einen guten Grund nicht an der diesjährigen Verleihung der HanseMerkur Preise für Kinderschutz teilzunehmen: unser Jurymitglied trat eine Reise in den Irak an! Der Grund war zum einen die Teilnahme an zwei Kongressen in Dohuk, aber auch der Besuch verschiedener Flüchtlingslager und sozialer Projekte, die sie maßgeblich mit aufgebaut hatte. Seit 1992 hat die Landesministerin a. D. eine sehr tiefe Verbundenheit mit dem Land, dessen Menschen bis heute unter den Auswirkungen der politischen Vergangenheit leiden. Wir konnten sie überreden, einen Reisebericht für unseren Blog zu schreiben und waren sehr berührt von dem Ergebnis, aber lesen Sie selbst…

Veröffentlicht von Silke Hirschfeld am 26. Juli 2019

„Es ist nicht das erste Mal, dass ich nach Kurdistan/Irak reise.

Zum ersten Mal war ich 1992 dort, der Diktator Saddam Hussein hatte gerade das gesamte kurdische Gebiet vollständig zerstört, die Bevölkerung zu Flüchtlingen und Vertriebenen gemacht, Giftgas eingesetzt und Zwangsumsiedlungen von Hunderttausenden vorgenommen. Das Barzantal war in wenigen Tagen entvölkert worden, die männliche Bevölkerung ermordet, Wälder abgeholzt und Wasserquellen vergiftet worden. Ich kam als junge Justizministerin des Landes Niedersachsen, um die Möglichkeiten des Wiederaufbaus und der medizinischen und humanitären Hilfe im Detail auszuloten.

In der Folgezeit ließ mich Kurdistan und das dramatische Schicksal der Menschen nicht mehr los. Bevor der IS (sog. Islamischer Staat) den Irak und Syrien überfiel, unterrichtete ich über mehrere Jahre in einem Bildungsinstitut in Erbil (dort war ich zugleich Vorsitzende) im Kreis von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der verschiedenen kurdischen Ministerien die Themen Menschenrechte, Demokratie, good Governance, Parlamentarismus, Föderalismus, Opferentschädigung, Frauenrechte, Gewalt gegen Frauen, und Kinder, Beschneidung von Mädchen, um nur einige Themen zu nennen.

Im Laufe der Jahre danach, sammelte ich mit anderen Gleichgesinnten mittels Vorträgen und anderen Aktionen finanzielle Mittel, um die große Zahl der nach Kurdistan strömenden Flüchtlinge und die Binnenflüchtlinge zu unterstützen.

Die Autonome Region Kurdistan im Nordirak
Nachdem nach der Zerstörung des kurdischen Gebiets durch den Diktator Saddam Hussein 1993 eine Flugverbotszone von den Alliierten errichtet wurde, folgte 2005 im Rahmen einer neuen Verfassung für den Irak die verfassungsrechtliche Festlegung einer „Autonomen Region Kurdistan“, die sich aus den drei nördlichen von insgesamt 15 Provinzen zusammensetzte: Dohuk (Norden), Erbil ( Mitte) und Sulaimania (Süden). Das Gebiet umfasst etwa 5 Mio. Kurden, rd. 20 Prozent der Gesamtbevölkerung des Iraks. Die kurdische Bevölkerung ist überwiegend sunnitisch muslimischen Glaubens, ebenso hat sie auch Schiiten, Jeziden sowie alte christliche Religionen, wie die Chaldäer und Assyrer. Im kurdischen Gebiet leben außerdem Turkmenen, Armenier und Araber.

In den Jahren, in denen Saddam Hussein sein Land grausam regierte, waren schon Massen von Binnenflüchtlingen entstanden, die Schutz vor Verfolgung suchten. In großen Wellen erreichten nach 2003 (Regimewechsel im Irak) Binnenflüchtlinge das Gebiet Dohuk, das eine sicherere Lage aufwies und in der soziale, religiöse und ethnische Toleranz und Akzeptanz tief verwurzelt sind. Im August 2014 wuchs die Zahl um 57.000 Flüchtlinge an, nachdem der IS das von den Jeziden bewohnt Gebiet Shingal und weitere Gebiete überfallen hatte. Damals wurden Hunderte von Frauen und Mädchen vergewaltigt, verschleppt, als Sklavinnen weiterverkauft, viele Männer und Kinder umgebracht. Ab August 2014 waren es insgesamt über 2,3 Millionen Flüchtlinge, die in Kurdistan Schutz suchten.

Der Genozid an den Jeziden hat bis heute das Land und seine Menschen traumatisiert. Die jahrzehntelange Zerstörung der Städte und Vertreibung der Menschen sowie die danach noch folgenden Flüchtlingswellen übersteigen und überfordern alle Möglichkeiten der Hilfe durch die Autonome Region. Hinzu kommt der immerwährende Druck der Türkischen Regierung auf das Gebiet, ebenso durch den Iran und den Krieg in Syrien.

Zwei Medizinkongresse -Hilfen für ein vom IS traumatisiertes Land
Im Juni diesen Jahres nun fanden zwei Kongresse in der Stadt Dohuk in der Autonomen Region Kurdistan / Irak statt, die ich besuchte. Zugleich bestand die Zielrichtung, einige der vielen Flüchtlingslager zu besuchen, Projekte anzusehen, für die ich mit anderen gesammelt hatte und zu sehen, wo dringende Notwendigkeiten zur Hilfe ein Handeln unerlässlich machten.

Der inzwischen zum 8. Mal stattfindende Kurdische Ärztekongress (Gründer Prof. Dr. Hüseyin Bektas ) befasste sich mit diversen Fortschritten in der Medizin. Der Kongress findet immer in einem kurdisch sprachigen Gebiet statt, ausschließlich von kurdischen Ärzten durchgeführt, die in zahlreichen Ländern der Welt verstreut leben und sich dazu versammeln. Es ist ein einmaliges Projekt, das ein starker Ausdruck des wachsenden Selbstbewusstseins der ewig verfolgten und unterdrückten und geflüchteten Kurden ist.

Der zweite Kongress: East meets West. Internationale Konferenz zu Fragen der Psychotherapie und Psychotraumatologie beschäftigte sich mit Fragen und Austausch zu Erfahrungen und Resultaten zu allen Aspekten der Übertragung, der Aufnahme und Interaktion globaler und lokaler psychosozialer Arbeit, Psychotherapie und Traumamethoden als Erfahrung und Wissen zwischen dem Mittleren Osten und den westlichen Ländern. Zugleich ging es um die sich stellenden Herausforderungen angesichts der Massenvergewaltigungen, Massakern, Verschleppungen, Folterungen und Vertreibungen der Zivilbevölkerung, insbesondere von Minderheiten im Irak und in Syrien.

Allein im Gebiet um Dohuk ist inzwischen die Zahl der Flüchtlinge auf weit über 750.000 Menschen angewachsen, die andere Hälfte besteht aus Einheimischen, die unter schwierigsten Bedingungen zusammenrücken mussten, um diese große Zahl von Flüchtlingen irgendwie aufzunehmen. Das Gesundheitssystem kam an den Rand der Überforderung, auf die große Zahl der Traumatisierten konnte keine Antwort gegeben werden. Ausgebildete Fachkräfte zur Behandlung von Traumatisierten oder psychisch Kranken gab es nicht.

Jetzt wird dort Ausbildung vorangebracht, in Zusammenarbeit mit dem Institut für Psychotherapie und Psychotraumatologie (IPP), unter anderem durch Prof. Dr. Dr. Jan Ilhan Kizilhan, der Universität von Dohuk.“

In der kommenden Woche veröffentlichen wir den zweiten Teil des Reiseberichtes, in dem Heidi Merk die einzelnen Projekt besucht hat.

 

 

 

Zerstörung der kurdischen Städte und Dörfer im Jahr 1992
Foto: Heidi Merk
Unterricht :
nach Zeugnisverteilung
Foto: Heidi Merk
Verpacken,
Foto: Heidi Merk
und Verteilung von Hilfsmitteln an Flüchtlingen in Erbil
Foto: Heidi Merk
VIII. Mesopotamischer Ärztekongress in Dohuk
Foto: Heidi Merk
Vor der Eröffnung des VIII. Mesopotamischen Ärztekongresses
Foto: Heidi Merk

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