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Ethik & Gesellschaft

Seit 25 Jahren für ein Leben in Würde

Als der damalige Landespastor Stephan Reimers am 6. November 1993 das Straßenmagazin Hinz&Kunzt nach dem britischen Vorbild The Big Issue gründete, konnte er nicht wissen, dass daraus „eine Lobby für Obdachlose und im besten Sinne ein Quälgeist der Sozialpolitik“ entstehen würde, wie Hamburgs Sozialsenatorin Dr. Melanie Leonhard heute sagt. Aber retrospektiv zählt Reimers in seinem jüngsten Buch die Zeitung zu den „Hamburger Mutmachern“. Aus Hinz&Kunzt ist mittlerweile ein Sozialbetrieb mit 38 Mitarbeitern geworden. Zum 25-jährigen Jubiläum wurde am 6. November 2018 in einer bis auf den letzten Platz gefüllten „Markthalle“ am Klosterwall gefeiert. Und alle kamen: Initiatoren, Verantwortliche, Verkäufer und Unterstützer. Aber wenn man genau in die Runde schaute, wurde man auch nachdenklich. Das soziale Gewissen der Stadt scheint Ü50 zu sein…

Veröffentlicht von Heinz-Gerhard Wilkens am 9. November 2018

Schon das pinke Armband, das alle Besucher der Festveranstaltung übergestreift bekamen, gab die Richtung des Abends vor: „25 Jahre – aufstehen, statt aufgeben!“ Und ähnlich brachte es Chefredakteurin Birgit Müller in ihrer Begrüßung auf den Punkt: „Wir sind ein soziales Straßenmagazin, das den Menschen Anerkennung und Würde auf Augenhöhe zurück gibt.“ Und dann erzählt sie „Wirkungsgeschichten“ wie diese. Von einem mittlerweile trockenen Alkoholiker, der vor 25 Jahren täglich zwei Flaschen Wodka konsumierte und für den ein fester Verkaufsplatz Halt ins Leben zurückbrachte, dann sogar eine Frau und später ein Kind, das nach dem Abitur jetzt ein Praktikum bei Hinz&Kunzt absolviert. Dazu Müller: „Man braucht nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern Chancen immer wieder.“

Das mit 61.000 verkauften Exemplaren auflagenstärkste deutsche Straßenmagazin bringen mittlerweile 530 Verkäufer, liebevoll Hinz&Künztler genannt, an Mann und Frau. Im vergangenen Jahr wurden 688.000 Hefte für je 2.20 Euro verkauft, von denen die Wohnungslosen 1,10 Euro behalten dürfen. Gerade ist die 108 Seiten starke Jubiläums-ausgabe – das Heft Nr. 308 –erschienen. Eine Mischung aus Mutmacher-Themen und nachdenklich Stimmendem. Dass z.B. ein Obdachloser in der Hansestadt im Durchschnitt nur 49 Jahre alt wird, dass 20 Verkäufer Jahr für Jahr versterben, dass bereits im Herbst zwei Todesfälle zu beklagen waren. 6.555 Hinz&Künztler gab es bislang. Jörg Petersen, einer von ihnen, kam am Festabend stellvertretend zu Wort. Der ehemalige Briefzusteller der Deutschen Post, der nach Wettschulden für drei Jahre auf der Straße landete, fand wieder in die Spur: „Durch das Magazin habe ich in Hittfeld eine Wohnung bekommen. Mein Verkaufsplatz ist mein soziales Standbein und mein kommunikativer Treffpunkt. Das ehrt mich und macht mich stolz.“

Knapp 2.000 Menschen leben heute auf Hamburgs Straßen. Waren es zur Gründung von Hinz&Kunzt vor allem entwurzelte Ostdeutsche, so sind es ein Vierteljahrhundert später in der Mehrzahl Osteuropäer. In einem Geburtstags-Film mit Michel Abdollahi wurde dann die gesamte Bandbreite weiterer Hinz&Kunzt-Aktivitäten deutlich. Wie die AktionBrotRetter“, wo Backwaren vom Vortag günstiger verkauft werden oder Spende Dein Pfand am Hamburg Airport, wo Uwe, Klaus und Herbert seit September 2015 Leergut im Wert von knapp 300.000 Euro gesammelt haben. Dazu organisieren Wohnungslose alternative Stadtführungen zu „Nebenschauplätzen“ oder finden – wie die fünf „Kennedys“ – als ehemalige Obdachlose unter der Kennedybrücke eine WG in einem Haus in Eidelstedt.

Jüngstes Projekt im Jubiläumsjahr: die KunztKüche. Die Cook Up Culinary Gallery in der Weidenallee wurde für 25 Tage ein Restaurant auf Zeit. Mit 25 täglich wechselnden Drei-Gänge-Menüs zum Preis von 30 Euro. Vor Ort: 25 Sterneköche, junge Wilde und Küchen-Punks, zwölf Hinz&Künztler als Küchenhelfer, pro Abend zwei Schichten. Und das Schönste: auf 196 Seiten sind die Rezepte und Erlebnisse dieser kulinarischen Odyssee für den guten Zweck unter dem Titel Willkommen in der KunztKüche! zum Preis von 25 Euro ab sofort erhältlich. Noch auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk?

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