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Ethik & Gesellschaft

Shame on you EU!

Das Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos ist durch ein Großfeuer nahezu vollständig zerstört. Rund 12.000 geflüchtete Menschen leben obdachlos in Schutt und Asche. Sie müssen dringend evakuiert werden. Griechenland benötigt umgehend Unterstützung der EU. Und die EU-Partner tun das, was sie oft tun. Sie diskutieren, debattieren und wägen ab.

Veröffentlicht von Silke Hirschfeld am 11. September 2020

Feuer spendet Licht. Es wärmt und gibt Geborgenheit. Es hilft uns Speisen zuzubereiten und kann sogar böse Geister vertreiben. Feuer zerstört. Es vernichtet unaufhaltsam alles, was ihm im Weg ist. Es breitet sich in rasender Geschwindigkeit aus und hinterlässt nichts weiter als Asche. So wie das Feuer in Moria.

Moria, der Schandfleck europäischer Flüchtlingspolitik. Ein Lager auf der griechischen Insel Lesbos, einst erschaffen, um rund 3.000 Menschen zu beherbergen, die aus Angst vor politischer Gewalt, aus Angst um ihr Leben, mit dem Mut der Verzweiflung die gefährliche Flucht wagen. Sie geben Fluchthelfern ihr letztes Geld, um in ein Boot zu steigen, das für die Überfahrt nach Europa eigentlich nicht geeignet ist. Sie sind voller Hoffnung auf ein sicheres und besseres Leben. Mehr wollen sie nicht. Einfach nur ohne Angst sein dürfen. Doch wenn das Boot tatsächlich die Überfahrt schafft und sie in Lesbos ankommen, werden sie nicht mit Freude und Herzlichkeit empfangen. Zu viele von ihnen sind dort in den letzten Monaten, den letzten Jahren angekommen.

In dem Lager, das für 3.000 Menschen gebaut wurde, leben derzeit rund 12.000,  es waren auch schon einmal 20.000 dort. Einen Platz, der für eine Person gedacht war, teilen sich zurzeit also vier Menschen. Jeden Tag. Monat für Monat. Menschen unterschiedlicher Kulturen, Menschen unterschiedlichen Geschlechts, Menschen unterschiedlichen Alters. Echte Menschen, die eine Geschichte haben, die ein Zuhause hatten, eine Familie. Die Zustände in Moria sind katastrophal. Es gibt keine Privatsphäre, keine Intimsphäre. Frauen und Kinder verrichten ihre Notdurft lieber heimlich in irgendwelchen Ecken oder nutzen Windeln aus Angst vor Übergriffen in den sanitären Anlagen. Die Anlagen selbst sind völlig verdreckt. Die Menschen leben in der ständigen Angst, bestohlen zu werden und Gewalt ist an der Tagesordnung. Kurzum: Es brennt in Moria! Und das tut es seit Jahren. Die europäischen Regierungen wissen das. Sie drehen und wenden sich. Sie reden viel, vor allem drumherum. Am Ende sehen sie dann weg und suchen die Schuld bei anderen. Wenn ein Land wie Deutschland dann nach langem hin und her 50 unbegleitete kranke Flüchtlingskinder aufnimmt, wird sich gegenseitig viel auf die Schulter geklopft und gratuliert. Die Lage in Moria ändert sich dadurch nicht, nur das Gewissen.

Vor kurzem ist COVID-19 nun auch in Moria angekommen. Erstaunlich, dass das bei der Enge und den hygienischen Verhältnissen so lange gedauert hat. Erstaunlich auch, dass es bis Mittwoch nur 35 Fälle gab. Das Lager wurde umgehend unter Quarantäne gestellt. 12.000 Menschen eingesperrt in einem vermeintlichen Gefängnis für 3.000. Eingesperrt mit dem Virus, vor dem sich die ganze Welt fürchtet.

Wie gesagt: Es brennt in Moria. Und doch brauchte es ein Feuer, damit Regierungen endlich zum Handeln gezwungen werden. In der Nacht zu Mittwoch hat ein verheerendes Feuer rund 75 Prozent des gesamten Lagers zerstört. Man geht von Brandstiftung aus. Vielleicht war es ein besonders wütender Mensch, der das hässliche Lager nicht mehr auf seiner schönen Insel haben wollte. Vielleicht war es ein besonders verzweifelter Mensch, der nicht wollte, dass seine lebensgefährliche Flucht in diesem Lager endet. Es ist anzunehmen, dass es ein besonders kluger Mensch war, der wusste, dass nichts gegen die dramatischen Zustände unternommen wird, solange alle nur still und artig darauf warten, dass etwas passiert.

„Shame on you EU!“ ist eine von vielen Protest-Parolen, mit denen Bürger seit Mittwoch auf die Straße gehen. Sie fordern die Regierungen zum sofortigen Handeln auf, denn die Geflüchteten auf Lesbos sind nun obdachlos. Sie haben nicht mal mehr das wenige, das sie auf der Flucht bei sich hatten. Griechenland hat knapp 200 unbegleitete Jugendliche kurzfristig auf das Festland geflogen und versucht, die Geflüchteten auf Schiffen und in Zelten unterzubringen. Doch das Land ist mit der Situation völlig überfordert.

„Es sind nicht die Flüchtlinge Griechenlands, sondern die Flüchtlinge Europas“, kommentierte Entwicklungsminister Gerd Müller in einem Interview und forderte die Bundesregierung auf, umgehend 2.000 der geflüchteten Menschen aufzunehmen. Auch die Bundesvorsitzende der Grünen, Annalena Baerbock, erwartet sofortiges Handeln der EU: „Europa kann und darf da nicht mehr weg sehen“. In diesem Zusammenhang übt sie scharfe Kritik: „Bisher seien Bundesländer, die mehr Menschen aufnehmen wollen, bei Innenminister Horst Seehofer ‚gegen die Wand‘ gelaufen“. Die Vorsitzende der Linkspartei, Katja Kipping, pflichtet ihr bei. Diverse Bundesländer, wie Thüringen, Berlin, Bremen, Nordrhein-Westfalen und Hamburg wollen Menschen aus dem Lager aufnehmen, einige bereits seit vielen Monaten. „Seehofer blockiere dies“, erklärt Kipping. Ein Sprecher Seehofers erklärte währenddessen, dass eine Aufnahme von Flüchtlingen derzeit nicht vorgesehen sei, die Bundesregierung Griechenland aber jede erdenkliche Unterstützung zukommen lassen will.

Im September 2015 sagte Angela Merkel: „Ich muss ganz ehrlich sagen, wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.“ Sie reagierte damit auf die vielen Kritiken, die sie für die Aufnahme Tausender Flüchtlinge erhalten hat. Sicher war ihr Vorgehen nicht fehlerfrei und der Plan nicht bis zum Ende durchdacht, aber im Sinne der Menschlichkeit war es der humanitären Katastrophe angemessen und rettete Leben. In der aktuellen Situation fehlt mir unsere Bundeskanzlerin mit ihrem konsequenten Vorgehen und ihrer klaren menschlichen Haltung. Aber vielleicht ist das gerade einfach nicht ihr Land.

 

 

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