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Ethik & Gesellschaft

Umeswaran Arunagirinathan, Hamburger mit Herz

Sieben Jahre Krieg, acht Monate Flucht, neun Jahre Ausbildung zum Facharzt der Herzchirurgie und Wahlhamburger aus Leidenschaft. Kurzum Umes hat geschafft, was er sich vorgenommen hat, obwohl es ein langer steiniger Weg war. Jetzt möchte er sowohl „Deutschen“ als auch „Fremden“ seine Geschichte erzählen, um ihnen ein wenig mehr Mut zu machen, offen für andere Kulturen zu sein. Ihm gelang es nur durch diese Offenheit den Wunsch seiner Mutter zu erfüllen, den sie ihm 1991 mit auf den langen Weg nach Deutschland gab.

Veröffentlicht von Pia Kracke am 18. Oktober 2019

Niemand wünscht sich Krieg. Vor allem Mütter und Väter können sich vermutlich nichts Schlimmeres vorstellen, als ihre Kinder in Kriegsgebieten aufwachsen zu sehen, mit der ständigen Angst jedes Spiel im Garten könnte das letzte sein. So ist es nicht verwunderlich, dass auch Umes Mutter eine Flucht ihres Sohnes ins Ausland in Erwägung zog, als der Konflikt zwischen den Singhalesen und den Tamilen immer weiter zuspitze und ein Ende der Unruhen nicht in Sicht war. Sie verwendete sämtliche Ersparnisse, verkaufte ihren Schmuck und bat Freunde sowie Familie um finanzielle Unterstützung, bis das Geld ausreichte, um 1991 die Flucht mit Hilfe von Schleppern zu ermöglichen. Der 12-jährige Umeswaran Arunagirinathan trat die Reise über Afrika nach Deutschland, immer mit der Angst erwischt und nach Sri Lanka in Gefangenschaft gebracht zu werden, an, ohne sich von seinen Geschwistern, Eltern, Großeltern und Freunden verabschiedet zu haben.

Im September landete er in Frankfurt, entsorgte seinen gefälschten Pass, wie es ihm die Schlepper geraten hatten, um eine möglichen Abschiebung durch eine fehlende Identifikation zu vermeiden und versuchte seinen Onkel in Hamburg zu erreichen. Er hat bereits auf seiner Reise viele unterschiedliche Kulturen und Lebensweise kennengelernt. Sodass er sich freute in Hamburg, im Stadtteil Mümmelmannsberg, noch mehr kennen zu lernen. Heute sagt er, dass genau diese Mischung die Welt ein bisschen bunter und schöner macht und ihm die Möglichkeit gegeben hat, als Hindi, bei einer muslimischen Familie, das christliche Weihnachtsfest zu feiern. Das Gefühl von Familie und Geborgenheit vermittelt hat, nach einem stressigen Tag im UKE.

Sowohl in dem ersten Buch „Allein auf der Flucht – Wie ein tamilischer Junge nach Deutschland kam“, das 2006 bei dem Konkret Literatur Verlag veröffentlicht worden ist, als auch bei dem zweiten Buch „Der Fremde Deutsche – Leben zwischen den Kulturen“ aus dem Jahr 2017 beschreibt er schonungslos, wie es ihm ergangen ist. Er schreibt von Freunden, die ihm in der Schule unterstützen, ihn so nahmen wie er ist, aber auch von Klassenkameraden, die ihn auf Grund seiner sexuellen Orientierung und der fehlerhaften deutschen Aussprache auslachten und ausgrenzten. Umes beschreibt den Einsatz seines Lehrers, der eine Petition gegen seine Abschiebung anstieß. Erzählt von seinem Wunsch als Schüler nebenbei legal Geld zu verdienen, um seine Eltern zu unterstützen die Schulden zurückzuzahlen und den Kampf mit den Behörden dies tun zu dürfen. An der Stelle im Buch wird auch deutlich, warum viele jugendliche Flüchtlinge ein gefundenes Fressen von Drogendealern werden, das schnell verdiente Geld macht süchtig. Es macht es ihnen möglich sich neben der Grundversorgung Träume zu erfüllen.

Apropos Träume, Umes hat den großen Traum Arzt zu werden, so wie es sich seine Mutter bei seiner Flucht gewünscht hat. Er wird auf Grund der Petition bis zum Ende seines Studiums in Deutschland geduldet und erhält erst nach vielen Gesprächen die Chance auf die deutsche Staatsangehörigkeit. Diese erkämpft er sich mit dem Abschluss seines Medizinstudiums.

Die Liebe zu Hamburg lässt ihn nicht los, bis er nach über fünf Jahren ohne Abschluss seiner Facharztausbildung verzweifelt das UKE verlässt und in ein kleines bayrisches Dorf zieht. Hier beendet er endlich seine Ausbildung. Er erlebt immer wieder, dass nicht alle Menschen offen sind und gerade „Ausländern“ ein gewisser Ruf vorauseilt. So ist es kein Problem für seine deutsch aussehenden Freunde in die Bars und Clubs der kleinen Stadt zu kommen. Ihm wird der Zutritt mit der Begründung „Letztens haben zehn betrunkene Türken Stress gemacht, das wollen wir nicht wieder haben“ verwehrt. Dass er weder Türke ist, noch Alkohol trinke spielt für die Türsteher keine Rolle.

Doch nicht nur in der Provinz, auch in einer Millionenstadt wie Hamburg widerfährt er immer wieder fremdenfeindliche Blicke, Worte oder Taten. Dr. Umes ist es als Arzt der Herzchirurgie sehr wichtig die Versorgung vor, während und nach der Operation der Patienten durchzuführen. Als eines Morgens eine Schwester ihm rät das Zimmer des knapp 80-jährigem Patienten lieber nicht zu betreten, da dieser sich fremdenfeindlich geäußert hat ist Umeswaran Arunagirinathan besonders wichtig den Patienten weiterhin zu behandeln um ihm vom Gegenteil seiner Vorurteile zu überzeugen. Dr. Umes, wie er einfachheitshalber auf der Station genannt wird, möchte seine Patienten von der Aufnahme bis zur Entlassung behandeln und begleiten. So ging Dr. Umes Tag für Tag, zwar mit einem mulmigen Gefühl, aber einen klaren Auftrag zu dem älteren Herren erklärte  ihm was er tat, zeigte ihm was er nach der Entlassung für Übungen machen solle, um die Herzmuskulatur zu stärken und verließ das Zimmer wieder. Geantwortet hat der ältere Herr nie, bis zum Tag der Entlassung. Dr. Umes betrat das Zimmer um sich von dem Patienten zu verabschieden und ihm alles Gute zu wünschen. Dieser reichte ihm die Hand und sprach das erste Wort zu ihm: „Danke.“ Umeswaran Arunagirinathan schreibt in seinem Buch dazu: „Kein Mensch wird verschlossen und fremdenfeindlich geboren. Es ist die Erziehung und die Erfahrung, die die Menschen verändern.“. Ich glaube diesen Satz sollte sich jeder bewusst machen. Nicht nur „Deutschen“ sondern auch „Fremden“ und Flüchtlingen, denn die Offenheit darf nicht nur einseitig sein. Jeder kann von jedem etwas lernen, denn nur so erweitert sich der Horizont und die Welt wird Tag für Tag größer und bunter.

Sollte Ihr Interesse an der Geschichte von Umeswaran Arunagirinathan geweckt sein, lesen Sie gerne eins, wenn nicht sogar beide Bücher und erfahren Sie, dass man nicht in Deutschland geboren sein muss, um sich als Deutscher zu fühlen und Hamburg sein zu Hause zu nennen.

 

„Allein auf der Flucht – Wie ein tamilischer Junge nach Deutschland kam“

Umeswaran Arunagirinathan

Konkret Literatur Verlag, 12,50 Euro

 

„Der fremde Deutsche – Leben zwischen den Kulturen“

Umeswaran Arunagirinathan

Konkret Literatur Verlag, 12,50 Euro

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