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Kinderschutz

„Unendliche Schmerzen“

So titelte DIE WELT neulich ein Interview mit Charlotte Weil, Referentin der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes. Es ging dabei um Genitalverstümmelung bei Mädchen. „Schlimm, aber weit weg“, denken Sie?

Veröffentlicht von Silke Hirschfeld am 7. August 2018

In Deutschland wird die Zahl der Frauen, die von Genitalverstümmelung (FGM) betroffen sind, auf 65.000 geschätzt. In der EU sind es laut dem Europäischem Parlament rund eine halbe Million, weltweit 200 Millionen. Wie gesagt, das sind Schätzwerte. Die Verstümmelungen werden, zumindest in Europa, im Untergrund praktiziert. „Bei uns ist die Praxis als schwere Körperverletzung strafbar, das maximale Strafmaß liegt bei 15 Jahren.“, so Weil.

Trotzdem nimmt die Zahl der Betroffenen stetig zu. „Seit 2015 sind viele Menschen nach Deutschland geflüchtet, in deren Herkunftsland Genitalverstümmelung sehr stark praktiziert wird. Die Frauen, die zu uns kommen, sind meist schon betroffen. Bei den Töchtern steht es oft noch an. Einige werden schon im Säuglingsalter beschnitten, andere erst beim Eintritt in die Pubertät.“, erklärt Weil im Interview. „Meistens verreisen die Familien in den Ferien für die Beschneidung in ihre Herkunftsländer oder weichen auf andere europäische Städte, z. B. Paris oder Amsterdam aus. Dort gibt es eine große afrikanische Diaspora, diese lädt dann eine Beschneiderin aus dem Herkunftsland ein. Die Familien aus Deutschland reisen dann dorthin, um ihre Töchter verstümmeln zu lassen.“

Anders als bei der Bescheidung von Jungen, gibt es bei FGM keinen hygienischen oder medizinischen Nutzen. Im Gegenteil: Bei dem barbarischen Verfahren werden den Mädchen meist ohne Betäubung mit Messer oder Rasierklinge die äußeren Genitalien ganz oder teilweise entfernt. Die offene Wunde wird unprofessionell zugenäht. Schockzustände, Infektionen und hoher Blutverlust sind meist die Folge. Viele betroffene Frauen brauchen eine halbe Stunde um Wasser zu lassen, haben ständige Schmerzen, Sitzen und Sex werden zur Qual. Für eine „natürliche“ Entbindung werden sie wieder aufgeschnitten.

Die Gründe für den Eingriff erklärt Weil der WELT so: „Der Eingriff ist eine patriarchalische Praktik, die die Sexualität der Frau unterdrückt. Die Jungfräulichkeit soll beim Eintritt in die Ehe gesichert werden, genauso wie später die sexuelle Treue. Man geht davon aus, dass die Frauen dann nicht fremdgehen, wenn ihre Sexualität nur noch eingeschränkt möglich ist. Es gibt aber auch religiöse Erklärungsmuster im Islam, diese sind aber nicht im Koran zu finden.“

In vielen Ländern werden unbeschnittene Mädchen diskriminiert und als Prostituierte bezeichnet. Die Beschneidung ist dort Voraussetzung  für eine Heirat. Der soziale Druck auf die Frauen ist extrem und endet nicht damit, dass sie ihr Heimatland verlassen. Er endet durch eine gute Integration – und das muss weit mehr sein als ein Sprachkurs. Den Frauen muss hier der Zugang zu Bildung, Arbeit und Aufklärung ermöglicht werden, damit selbständig und vor allem selbstbewusst leben können.

Im Februar verabschiedete das Europäische Parlament eine Entschließung, in der es Maßnahmen zur Sensibilisierung, Präventivmaßnahmen in Flüchtlingsunterkünften sowie höchste Schutzstandards für Asylbewerberinnen aus Gründen der Genitalverstümmelung fordert.

Terre des Femmes engagiert sich unermüdlich für die Aufklärung der Frauen, aber auch die der breiten Öffentlichkeit, z. B. mit der Kampagne Open your eyes. Die Plakatmotive haben wir Ihnen in unserer Bildergalerie zusammengestellt. Sie sind schockiert? Das kann am Thema liegen. Vielleicht hilft es, wenn Sie beim Betrachten den Kopf nach rechts neigen oder sich hier die gesamte Kampagne ansehen und die Frauen kennenlernen, die sich hinter den Motiven verbergen.

 

Mia Shutta (Berlin), wurde als kleines Mädchen beschnitten
Tiranke Diallo (Berlin), setzt sich seit Jahren gegen FGM ein
Isatou Barry (Berlin), wurde als kleines Mädchen beschnitten
Binta Fatty (Berlin), wurde als kleines Mädchen beschnitten

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