HanseMerkur

Achtung: Neue Bewerbungsfrist!

Bewerben Sie sich schon jetzt für den HanseMerkur Preis für Kinderschutz 2020. Die Bewerbungsfrist endet am 30. September 2020. Weitere Informationen finden Sie hier.

Ethik & Gesellschaft

Verloren in der Geisterstadt

Der beste Schutz gegen das Corona-Virus ist es derzeit zu Hause zu bleiben und die Hygienevorschriften peinlich genau einzuhalten. Was aber, wenn Sie kein Zuhause haben? Keinen Schrank voller Nudeln, Klopapier und Seife? Wenn Sie nicht einmal duschen oder frische Kleidung anziehen können? Allein in Hamburg leben derzeit über 2.000 Menschen auf der Straße – und manchmal scheint es, als seien sie die einzigen, die sich dort noch aufhalten.

Veröffentlicht von Silke Hirschfeld am 25. März 2020

Um eines vorweg zu nehmen: Ein Leben auf der Straße ist natürlich nicht erstrebenswert. Nichtsdestotrotz hat Hamburg eigentlich ein recht gutes System, das in großen Teilen von Ehrenamtlichen gestützt wird, um Menschen zu versorgen, die auf der Straße leben: zum Beispiel Tageseinrichtungen, wie die Alimaus oder das Café Augenblicke im JesusCenter, in denen Bedürftige eine Mahlzeit bekommen, Kleidung aus der Kleiderkammer erhalten und zudem ausgiebig duschen können. Außerdem gibt es medizinische Versorgung durch Krankenmobile, Beratungsstellen, aufsuchende Sozialarbeit und einen Duschbus. Wer sich tagsüber einen Platz an der richtigen Stelle in der City sucht, bekommt von den vorbeieilenden Passanten vielleicht noch ein paar Euro.

In Zeiten von Corona sieht dieses Bild ganz anders aus, denn die Innenstädte sind wie leergefegt. Die Geschäfte haben geschlossen und die meisten Berufstätigen arbeiten mittlerweile aus dem Homeoffice. Aufgrund der Ansteckungsgefahr mussten fast alle Obdachloseneinrichtungen vorübergehend schließen. Manche Initiativen verteilen noch Lunchpakete, erreichen aber nur einen Bruchteil der Menschen. Sporadisch fahren noch Arztmobile durch die Stadt. Wer auf der Straße lebt, hat zudem im Moment keine Chance auf eine Dusche oder frische Kleidung.

Bürgermeister Peter Tschentscher sagte am Montag in einem Pressestatement: „Wir stehen gemeinsam gegen Corona.“ Er sagte dabei nicht genau, wen er mit „wir“ meinte, aber ich denke, er hat rund 2.000 Personen vergessen, nämlich die, für die die Stadt bei all ihren Schließungen und Vorkehrungen noch keinen Hilfeplan parat hat, obwohl wir aktuell zu allem Überfluss auch noch Nachtfrost haben.

Dabei könnte alles recht einfach sein. In London hat der Bürgermeister Sadiq Khan beispielsweise gerade angeordnet, dass Obdachlose in Hotelzimmern untergebracht werden, um sie vor Corona zu schützen und einen Hygienestandard sicherzustellen. „Wir müssen alles Mögliche tun, um die Gesundheit aller zu schützen – nicht zuletzt die der Londoner, die jede Nacht unter rauesten Bedingungen auf den Straßen der Hauptstadt schlafen“, sagte er und zeigte dabei klare Haltung. Da der Tourismus gerade nahezu zum Erliegen kommt, ist das sogar eine Maßnahme, die niemandem wirklich weh tut, denn die Zimmer stehen eh leer.

Die Hamburger Behörden hingegen überlegen derweil, was sie in Sachen Obdachlosenversorgung machen wollen. Das tun sie nun schon eine ganze Weile. „Wir benötigen dringend die Unterbringung obdachloser Menschen in Einzelzimmern“, fordert die Journalistin Susanne Groth, die sich gerade in einem offenen Brief an die Regierung gewandt hat. Ihr Verein Leben im Abseits e. V. vernetzt Obdachloseneinrichtungen und bringt durch intensive Öffentlichkeitsarbeit Menschen dazu hinzusehen. Zur Zeit verteilt sie mit ihrem Team gerade kleine Beträge aus dem Sozialfonds des Vereins an die Bedürftigen auf der Straße, damit sie sich wenigstens ein bisschen Essen kaufen können.

Wenn Sie sich auch engagieren wollen, ist JETZT genau der richtige Zeitpunkt, denn hierfür gibt es einen bunten Strauß an Möglichkeiten und alle sind ganz einfach.

  1. Sollten Sie sich noch regemäßig zu Fuß durch die Innenstadt bewegen, halten Sie doch einfach etwas Kleingeld parat. Es wird genügend Menschen geben, die am Straßenrand sitzen und Ihnen dankbar für eine Spende sind.
  2. Der Verein Leben im Abseits freut sich über Ihre Spende, mit der Susanne Groth mit ihrem Team Obdachlose dort unterstützen kann, wo tatsächlich gerade „Not am Mann“ ist.
  3. Der Duschbus GoBanyo musste zwar aus Hygiene-Gründen den Betrieb vorübergehend einstellen, engagiert sich allerdings mit einer Online-Petition für die sofortige dezentrale Unterbringung von Obdachlosen zum Schutz vor Corona.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*