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Ethik & Gesellschaft

Von der sozialen Blindheit der Ich-AG

Die FAZ-Feuilletonredakteurin Melanie Mühl hat bei Hanser ein nachdenklich stimmendes Buch vorgelegt. Auf 179 Seiten geht sie unserer Unfähigkeit zur Empathie nach. „Mitfühlen. Über eine wichtige Fähigkeit in unruhigen Zeiten“ heißt das Werk, das einen verstörenden Blick auf unsere Gesellschaft des Misstrauens wirft.

Veröffentlicht von Heinz-Gerhard Wilkens am 7. Januar 2019

Empathie, so die Autorin, sei weder etwas Gutes noch Schlechtes. „Entscheidend ist, wie wir sie einsetzen und ob es uns gelingt, sie in Mitgefühl und damit in tatkräftiges Handeln zu verwandeln. Beim Mitgefühl trifft Herz auf Verstand. Dieses Zusammenspiel ist entscheidend.“ Hemmnisse für echte Anteilnahme sind jedoch moderne gesellschaftliche Globalisierungs-, Abstiegs-, Kontrollverlust- und Überfremdungsängste, befördert durch das Abstumpfen in der eigenen Filterblase. Hier verrichtet die Digitalisierung ein verhängnisvolles Werk, so Mühl: „Dieses Sich-Wegklicken in eine andere Welt, die andauernd verspricht, die Menschen einander näherzubringen, hat uns in Wahrheit voneinander entfernt.“ Es sei ein Irrglaube, dass sich digital kompensieren lässt, was uns real fehlt. Wie eben auch das Mitgefühl.

Melanie Mühl analysiert die „Zeiten der emotionalen Ignoranz, kognitiven Kühle und des Optimierungswahns“, beschreibt Phänomene wie die Behinderungen von und Angriffe auf Rettungskräfte am Unfallort durch Gaffer und fotografie-rende Verkehrsteilnehmer. Sie analysiert „seelische Einsiedler“, den dünnen Firniss der Zivilisation, gesellschaftliche Verrohung, Fremdenhass, Egoismus und Abschottung. Sie erinnert an einen Rentner, der im Oktober 2016 in einer Essener Bankfiliale zusammenbrach und über den knapp 20 Minuten lang Kunden hinwegstiegen, um an den Geldautomaten zu gelangen. Die Justiz spricht hierbei von Augenblicksversagen. Später stirbt der 83-Jährige an unterlassener Hilfeleistung.

Aber Mühl belässt es nicht bei einer kulturpessimistischen Beschreibung des Ist-Zustandes. Sie ist davon überzeugt, wie sie in einem Interview mit der 3sat kulturzeit am 14. Dezember 2018 ausführte, dass Empathie und Mitgefühl neben einer emotionalen auch eine kognitive Komponente haben, also erlernbar sind. Um den humanen Kompass neu auszurichten, würde ein mentales Mitgefühls-training ebenso helfen wie das Schaffen von Begegnungsräumen zum Abbau von Ängsten. Das kann z.B. durch ein mentales Mitgefühlstraining, durch meditative Übungen zur einfühlenden Perspektivenübernahme geschehen. Mühls Plädoyer: „Die Entscheidung, wer mit wem zu welchem Zeitpunkt mitfühlt oder sein Herz verschließt, trifft jeder einzelne von uns jeden Tag aufs Neue…Denn eines ist klar: Wer sich verschließt, der wird auch sich selbst nie kennenlernen.“

Über eine wichtige Fähigkeit in unruhigen Zeiten
Erscheinungsdatum: 24.09.2018
184 Seiten
Hanser Verlag
ISBN 978-3-446-26023-8
Deutschland: 17,00 €

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