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Ethik & Gesellschaft

Vorurteilsfrei den Menschen mit Handicap begegnen…

Am 23. Juli haben wir an dieser Stelle bereits über Volker Westermann berichtet. Moderator, Redakteur, Cutter und Koch, der mit Glasknochen geboren wurde. In der Zwischenzeit hatten wir das Glück, mit einem beeindruckenden Inklusions-Lobbyisten über seine Anliegen und sein jüngstes Projekt zu sprechen, ein barrierefreies Kochbuch.

Veröffentlicht von Heinz-Gerhard Wilkens am 30. Juli 2018

Sie waren Einzelkind und hatten einen humorvollen Vater, der etwa sagte: „Ein Armbruch ist kein Beinbruch“. Gleichwohl mussten Ihre Eltern darum kämpfen, dass Sie nicht in eine Schule für geistig Behinderte abgeschoben wurden. Haben diese frühen Erfahrungen, Kräfte bei Ihnen freigesetzt, für das Thema Inklusion zu kämpfen?

Ja, man wird halt schnell stigmatisiert, das ist bis heute das Problem. Und in den späten Siebziger Jahren war es natürlich nicht wirklich einfach. Dann bin ich auf eine „normale“ Regel-Schule gegangen. Ich war dann auch in einem speziellen Behindertenzentrum, der Steven-Hawking-Schule für Kinder mit motorischen Einschränkungen. Und das war toll, das war auch keine Schule für geistig Behinderte, aber dahin wollte man mich eben abschieben, was meine Eltern unterbunden haben. Also gekämpft haben wir irgendwie schon immer, für Dinge die uns wichtig waren, und das ist bis heute so geblieben.

Wie haben Sie die Leidenschaft für das Thema Kochen entdeckt? Würden Sie sagen, dass Inklusion durch den Magen und über die Lachmuskeln geht?

Im Prinzip muss Inklusion vom Kopf ins Herz gehen und da ist natürlich besonders das Thema Genuss zu nennen. Das ist eine ganz wichtige Sache, die ich seither gelebt habe, dass man sich in der Küche trifft, dass man miteinander Zeit verbringt, dass man kocht. Dass der eine Dinge übernimmt, die der andere nicht kann. Diese Gemeinschaft am Herd, das ist eine wichtige Sache.

Die Inklusion, die Sie vom Kopf ins Herz bringen wollen: Das meinen Sie ja sicher auch weitergehend, wahrscheinlich nicht nur aufs Kochen beschränkt, sondern überhaupt im Umgang mit jeglicher Form von Behinderung, die Menschen irgendwie mitbringen.

Nicht unbedingt. Die Botschaft geht eigentlich an Menschen ohne Behinderung, die möglichst vorurteilsfrei den Menschen mit Handicap begegnen sollten.

Ich glaube, viele Verhaltensweisen sind Ausdruck von Angst und Unsicherheit. Vom Gefühl nicht zu wissen, wie ich mit Behinderungen meines Gegenübers umgehen sollte. Kochen baut sicher eine wunderbare Brücke, weil man muss ja ins Gespräch kommen, sonst wird es mit dem Menü nichts. Was würden Sie den Leuten raten, die sagen, ich würde ja gern, aber ich trau mich nicht?

Sich auf die Begegnung einzulassen, das ist eigentlich das Wichtigste. Man lädt Menschen einfach ein. Das ist bei meinen Koch-Events ja auch immer der Fall, dass man plötzlich Menschen begegnet, die vorher mit dem Thema Behinderung noch gar nichts zu tun hatten und dann sehen, ach, das spielt ja überhaupt keine Rolle, ob der Mensch da im Rollstuhl sitzt oder was auch immer. Das Ergebnis zählt und gemeinsam schmeckt es und zusammen macht man eben etwas Tolles. Das ist eigentlich immer ein Vehikel, das funktioniert, weil die Leute eben über den Genuss zur Inklusion kommen und nicht speziell auf einem inklusiven, integrativen Seminar.

Im Jahre 2013 sind Sie dem Verein Inclutainment Media beigetreten. Was verbirgt sich hinter der Wortschöpfung Inklusion und Entertainment?

Da ist es mir natürlich sehr wichtig, dass Menschen mit Behinderung eben auch in die Produktionsprozesse eingebunden werden. Das bedeutet, dass wir Fachleute haben, Anna Spindelndreier als Fotografin, oder ich als Cutter und Redakteur, Menschen mit Behinderung, die eben professionelle Medien produzieren können. Inclutainment Media soll dazu dienen, dass Menschen, mit und ohne Behinderung, an den Produktionsprozessen, an den Inhalten, auch tatsächlich beteiligt sind.

Ihre Frau Iris wurde auch mit Glasknochen geboren. Welche Rolle spielt Behinderung in Ihrem Alltagsleben?

Eigentlich gar nicht. Wir haben jetzt gerade gebaut und alles barrierefrei so eingerichtet, dass wir klarkommen. Will man jetzt unbedingt raus, sagt man ok, jetzt muss man den Rollstuhl ins Auto laden und so weiter, aber da denkt man nicht drüber nach. Es ist kein Thema!

An welchen Projekten arbeiten Sie gerade?

Im Moment arbeite ich an meinem barrierefreien Kochbuch. Es wird wohl „Treffpunkt Küche“ heißen. Wir planen mit Aktion Mensch zusammen barrierefreie Kochkurse. Diese werden auch durch einen Gebärdendolmetscher unterstützt, um die Zielgruppe auch wirklich zu erreichen. Wir wollen zum Buch eine App produzieren, die eine Vorlesefunktion hat. Menschen mit einer Sehbehinderung wird so der Zugang zu den Rezepten ermöglicht. Ich hoffe, dass dieses Buch in der Zusammenarbeit mit Aktion Mensch und REWE hoffentlich bald veröffentlicht wird.

 

Foto (v. r. n. l.): Volker Westermann, Stefan Marquard

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