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Beruf & Familie

Wann gelingt Inklusion?

Bereits vor zehn Jahren hat Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention unterschrieben. Ziel war und ist eine inklusive Gesellschaft, an der alle teilhaben können. Sie beinhaltet auch, dass ein gemeinsames Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung als Menschenrecht anerkannt wird. Es sollte in Deutschland ein Startschuss sein, zu einem bundesweiten inklusiven Bildungsziel. Doch was hat sich seit dem wirklich getan?

Veröffentlicht von Marie Mävers am 14. Januar 2019

Aus einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung ging jetzt hervor, dass die Inklusion in den Schulen in Deutschland immer noch sehr schleppend voran geht. Studien-Autor Klaus Klemm kommt sogar zu dem Schluss, dass das deutsche Bildungssystem bis heute dem UN-Inklusionsgebot nicht ausreichend nachkommt. Die Ursache sieht er in dem traditionell selektiven Schulsystem. Ein Beispiel dafür sind die für Schüler mit Behinderungen eingerichteten Sonderschulen, die es trotz des Inklusionsvorhaben noch immer gibt. Gemeinsames Lernen wurde bis zu dem Zeitpunkt der Konvention, und das auch nur vereinzelt,  in Grund- und Gesamtschulen gelebt. Inklusive Schulen und anerkannte Förderschule gibt es jetzt deutlich mehr. Nur der Anteil der Schüler, die an diesen Schulen unterrichtet werden, ist bundesweit von 2008 von 4,9 Prozent auf heute 4,3 Prozent gesunken. Dabei ist zu beobachten, dass generell im Süden Deutschlands, die Zahlen der Schüler an den Förderschulen gestiegen sind, im Norden durchschnittlich gesunken.

Es fehlt meist nicht der Wille der Schulen, inklusiv die gleichen Bedingungen für alle Schüler zu schaffen, es fehlt an den nötigen Rahmenbedingungen. Viele Schulen sind noch immer nicht barrierefrei, haben keine Pflegeräume und keine rollstuhlgerechten Zugänge. Ob Inklusion funktioniert hängt folglich stark davon ab, ob die Schüler eine den Rahmenbedingungen entsprechende inklusive Schule oder Förderschule in ihrem Umkreis haben.

Diese Probleme beschreibt auch die Journalistin Sandra Roth. In ihren Büchern „Lotta Wundertüte“ und „Lotta Schultüte“ berichtet sie von dem Leben mit ihrer schwerbehinderten Tochter und ihren Erfahrungen im Kindergarten und Schulsystem. Durch eine Gefäßfehlbildung im Gehirn ist Lotta schwer mehrfachbehindert. Sie sitzt im Rollstuhl, ist blind und kann ihre Arme nur eingeschränkt bewegen. Zudem hat sie eine Schluckstörung. Dadurch kann sie nicht kauen und nur püriertes essen. Sie darf nicht alleine sein, weil sie manchmal epileptische Anfälle bekommt.

„Aber all das sagt ja nichts darüber aus, wer sie ist. Sie ist nicht einfach die Summe ihrer Behinderungen. Lotta ist neugierig, versteht alles und kann gut zuhören. Sie ist ehrgeizig und übt sehr viel mit ihrem Sprachcomputer. Vor allem ist Lotta ein kleiner Charmebolzen und möchte bei allem dabei sein.“, beschreibt Roth ihre Tochter.

In Gedanken an das Leben ihrer Tochter dachten sie und ihr Mann viel darüber nach, wie ein Leben in unserer Gesellschaft als schwerbehinderter Mensch aussehen wird. Wie reagieren Freunde, Nachbarn, Kollegen? Und was wird Lotta für ein Leben haben – eingeschränkt, ausgegrenzt? Oder angenommen und geliebt? Insbesondere in Bezug auf das Finden eines geeigneten Kindergartens und einer Schule war und ist kein Kampf ausgeblieben. Selbst integrative Schulen und Kindergärten wollten und konnten Lotta teilweise nicht aufnehmen.  Sei es der integrative Kindergarten der verlangt, dass nur windelfreie Kinder aufgenommen werden oder die integrative Grundschule, die keinen Pflegeraum mit Wickeltisch besitzt. Diese und viele andere Barrieren werden Lotta täglich in den Weg gelegt. Dabei hat Roth beobachtet, dass Inklusion ganz unabhängig von der Behinderung funktionieren kann und auch noch sinnvoll ist. „Gerade für ganz kleine Kinder ist es egal, ob jemand laufen oder sprechen kann, sie können es ja selbst auch noch nicht“, berichtet Roth aus dem Kindergarten, der Lotta letztendlich aufgenommen hat. „Lotta war dort einfach ein Kind, eine Freundin, eine Spielkameradin“. Auch in der Förderschule wird ihr nicht ausschließlich Wissen vermittelt, Lotta macht täglich Fortschritte im Handeln, Denken und dem Erlernen motorischer Fähigkeiten. Sie hat gelernt aus einem Becher zu trinken, kann deutlich besser sitzen und macht große Fortschritte mit ihrem Sprachcomputer. Und nicht nur Lotta macht Fortschritte. „Kinder lernen am besten von Kindern, die anders sind als sie selbst.“, bestätigt Roth und auch die Förderschulen legen großen Wert darauf, die Klassen heterogen zu mischen. Denn jeder Schüler profitiert von gelebter Inklusion.

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