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Umwelt & Nachhaltigkeit

Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen?

Jonathan Franzen ist ein großer amerikanischer Romancier, der vielfach ausgezeichnet wurde, etwa mit dem National Book Award (2001) oder dem Frank-Schirrmacher-Preis (2017). Aber er schreibt nicht nur brillant über kriselnde Mittelstands-Familien sondern engagiert sich auch für den Schutz von Wildvögeln, was ihm 2015 den EuroNatur-Preis einbrachte. Und dieser begrenzte Einsatz für lösbare Probleme führte auch zu seinem Dissenz mit internationalen Klima-Aktivisten. Ausgangspunkt war ein ernüchternder Essay des Autors vom 8. September 2019 in „The New Yorker“. Titel: „What If We Stopped Pretending? The Climate Apocalypse is Coming“. Diese provokante Bestandsaufnahme ist jetzt, zusammen mit einem Interview Franzens mit Wieland Freund, ebenfalls aus dem Vorjahr, bei Rowohlt erschienen. Titel: „Der Petro-Konsumismus hat gewonnen“.

Veröffentlicht von Heinz-Gerhard Wilkens am 19. Juni 2020

Jonathan Franzen ist kein Klimaleugner. Vielmehr ist er ein sehr kenntnisreicher Beobachter aller Analysen, gescheiterter Klimakonferenzen, Absichtserklärungen zu CO2-Einsparungen, Untergangsszenarien, die seit 30 Jahren irgendwie immer fünf vor zwölf beginnen. Die Erde ähnelt seiner Meinung nach einem Patienten, der eine tödliche Krebserkrankung hat. Angesichts aller gescheiterten Bemühungen ist seine Analyse scharf, aber unbequem: „Dem Klimawandel den totalen Krieg zu erklären war nur sinnvoll, solange er sich noch gewinnen ließ. Wenn unser Planet uns am Herzen liegt, und mit ihm die Menschen und Tiere, die darauf leben, können wir zwei Haltungen dazu einnehmen. Entweder wir hoffen weiter, dass sich die Katastrophe verhindern lässt, und werden angesichts der Trägheit der Welt immer frustrierter oder wütender. Oder wir akzeptieren, dass das Unheil eintreten wird, und denken neu darüber nach, was es heißt, Hoffnung zu haben.“ Und Hoffnung, das ist für Franzen die Kraft, die sich aus kleinen Erfolgen speist. Wie das „Homeless Garden Project“ in seiner Heimatstadt Santa Cruz, wo Obdachlose auf einem kleinen Bauernhof am Stadtrand Arbeit, Ausbildung, Unterstützung und ein Gemeinschaftsgefühl erfahren. Eine Initiative, die sich durch den Verkauf von Bioprodukten zum Teil selbst finanziert.

„Rette, was Du liebst“, nennt Franzen einen Essay in seinem Band „Das Ende vom Ende der Welt“. Denn, so der Autor: „Liebe ist ein besserer Anreiz als Schuld“. Und weiter: „Am Klimawandel sind alle schuld – mit anderen Worten keiner. Wir können uns alle gut fühlen, wenn wir ihn beklagen.“ Zudem säße ein Großteil derjenigen, die für die Rettung des Planeten auf die Straße gingen, in Wohlstandsländern, die noch nicht die existentiellen Auswirkungen des Klimawandels zu spüren bekommen hätten. „Das viel, viel beängstigendere Problem sind die Milliarden von Menschen, die sich heute in Regionen ernähren, die anfällig für permanente Dürre und extrem hohe Temperaturen sind. Gegen den Migrationsdruck der Zukunft wird die jüngste Flüchtlingskrise in Europa wie ein Sonntagspicknick aussehen. Ich fürchte, die Folgen werden sehr hässlich sein.“ Bleibt also das Prinzip Hoffnung, das aus machbaren, begrenzen Naturschutzprojekten erwächst wie jenem, das Franzen im Regenwald von Costa Rica kennenlernen durfte: „Wer als Kind eine Woche im Trockenwald verbringt, Insektenpuppen und Ozelot-Kot untersucht, kann als Erwachsener vielleicht mehr im Wald sehen als bloß eine ökonomische Ressource.“ Die machbare Veränderung beginnt also im Kleinen bei jedem von uns. Schon in der Aufklärung war es Voltaires Credo: „Wir müssen  u n s e r e n  Garten bestellen.“

Wie ein Kommentar zu Franzens pragmatischem Ansatz klang im April 2020 das Ergebnis einer Studie des Centrums für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit der Universität Hamburg, das 40 Klimamodelle analysiert hat. Die Arktis als Großschauplatz des Klimawandels werde bis zum Jahr 2050 im Sommer immer mal wieder eisfrei sein, ob wir das Zwei-Grad-Ziel der Erderwärmung erreichen – oder nicht…

 Jonathan Franzen: Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen? Gestehen wir uns ein, dass wir die Klimakatastrophe nicht verhindern können. Rowohlt 2020, ISBN 978-3-499-00440-7, 8,00 Euro

Jonathan Franzen: Das Ende vom Ende der Welt. Essays. Rowohlt 2019, ISBN 978-3-498-02009-5, 25,00 Euro

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