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Ethik & Gesellschaft

Was wir schaffen müssen

In dem Flüchtlingslager Moria auf der Insel Lesbos leben aktuell fast 20.000 Menschen. Für 3.000 Menschen war und ist das Lager ausgelegt und selbst für diese Zahl ist die medizinische Versorgung, Nahrung und fließendes Wasser nur sehr begrenzt verfügbar. Ursprünglich sollte die Insel als Anlaufstelle für Flüchtlinge dienen, um sie von da aus auf die EU-Mitgliedsländer umzuverteilen. Über eine gemeinsame Migrationspolitik zwischen den EU-Staaten wird aber noch heute gestritten. Die Folge: das Flüchtlingslager Moria ist mehr als überfüllt, die Flüchtlinge leben unter menschenunwürdigen Bedingungen und die Einwohner der Insel Lesbos kämpfen ebenso mit den Folgen.

Veröffentlicht von Marie Mävers am 2. September 2020

„Wir haben so vieles geschafft: Wir schaffen das.“, sagte Angela Merkel am 31. August 2015. Ein Satz der heute, fünf Jahre später, auf die Goldwaage gelegt wird. Als würde man genau jetzt gerne mit Frau Merkel und ihrer Flüchtlingspolitik abrechnen wollen. Dieser Beitrag soll sich aber nicht um die vielen gescheiterten Versuche einer Flüchtlingspolitik von Deutschland und Europa drehen und die Rolle und Aussagen Angela Merkels. Dieser Beitrag widmet sich denen, die die Verlierer dieser Debatte sind und damit meine ich nicht den Nachbarn, der über eine weitere Flüchtlingsunterkunft in seinem Stadtteil flucht – dieser Beitrag handelt z.B. von dem 16 Jahre alten Murtaza S., der minderjährig und ohne Begleitung im Flüchtlingslager Moria ankam und mit ihm bis heute 4.176 weitere Kinder und Jugendliche – 514 von ihnen ohne Begleitung. Es geht auch um die Bewohner von Lesbos, die schon vor der Flüchtlingswelle, vielleicht sogar schon ihr ganzes Leben, auf der Insel gelebt haben. Auch ihr Leben hat sich maßgeblich verändert.

Murtaza erreichte Lesbos Mitte August. Sein Vater wurde in seinem Heimatland Afghanistan von den Taliban ermordet. Seine Mutter nahm all ihr Erspartes zusammen, um ihren Sohn in ein sicheres Land fliehen lassen zu können. Ausgestattet mit einer Matte zum Schlafen, Gutscheine für Nahrung und eine Seife wurde er in dem Flüchtlingslager Moria begrüßt und wohnte für fünf Monate mit 20 anderen Jugendlichen auf 30 Quadratmetern. Neben der fehlenden Privatsphäre beschreibt der junge Afghane vor allem die Angst, mit der er jede Nacht ins Bett gegangen ist. Die Angst beklaut zu werden oder Gewalt zu erfahren war oft größer als der Druck einer platzenden Blase. Denn nachts auf Toilette gehen zu müssen ist für alle im Lager mit Gefahr verbunden. Frauen und Mädchen haben sich deshalb Windeln umgebunden.

Es kam nicht selten vor, dass er in dieser Zeit Menschen beobachten musste, die sich das Leben nehmen wollten – Mitinsassen die schon länger in dem Camp gefangen waren und keinen anderen Ausweg mehr wussten. Nicht ohne Grund beschreibt Murtaza seine Zeit in Moria mit den Worten hoffnungslos und Sorgen. In dieser vermeintlich kurzen Zeit hat er mehrfach überlegt den Rückweg anzutreten, aus Angst Moria nie wieder verlassen zu können. Es wäre wohl sein Todesurteil gewesen, aber wenigstens selbstbestimmt. Die Geschichte von dem jungen Murtaza endet vermeintlich gut. Er schafft es nach Deutschland. Er wohnt in einer Gemeinschaftsunterkunft im Süden Deutschlands. Er hat eine Chance auf eine Zukunft. Die psychischen Folgen seiner Flucht, seiner Zeit in Moria und seine Schlafstörung seit dieser Zeit, werden ihn aber wohl in dieser Zukunft begleiten.

Um den Tourismus auf der Insel wieder anzukurbeln und viele Bewohner vor dem wirtschaftlichen Ruin zu bewahren, werden die Ausgangsbeschränkungen aus dem Flüchtlingslager immer wieder verlängert. Die Flüchtlinge werden also quasi in dem Camp inhaftiert. Eine Maßnahme, die die Situation der Einwohner von Lesbos auf erschreckende Weise beschreibt.

Trotz dieser langen Ausnahmesituation auf Lesbos herrscht trotzdem ein vorherrschender Konsens der Bewohner: Die Geflüchteten seien nicht Schuld an der Situation. Sie sehen die Politik, die EU und viele auch Deutschland in der Pflicht, die Probleme zu lösen. Der Tourismus auf Lesbos ist nahezu eingeschlafen. Den Umsatz den die Betreiber von Unterkünften, Autovermietungen, Restaurants, Cafés und Freizeitangeboten noch machen, sind in der wachsenden Zahl an Helfern vieler NGOs begründet, die auf die Insel kommen. Auch die Flüchtlinge werden teilweise mit finanziellen Hilfen bedacht, die sie dann ausgeben können. All das ist aber nur ein Bruchteil der Einnahmen, den die Betreiber vor der Flüchtlingswelle durch den Tourismus eingenommen haben.

Diese beschriebenen Schicksale sind nur wenige unter Tausenden. Vorherrschend in den Medien ist aktuell aber die „Wir-schaffen-das-Debatte“. Befeuert durch die aktuellen rechtsradikalen Übergriffe und eine zunehmend polarisierende Gesellschaft.

„Merkel nahm Deutschland mit diesem Satz die Mitte, ein Befund, der schon beim Niederschreiben weh tut. Aber das wird in einer ihren anderen Formulierungen im Zusammenhang mit „Wir schaffen das“ noch deutlicher. Nämlich dieser: „Die Zahl derjenigen, die heute für die Flüchtlinge da sind (…) überragt der Hetzer und Fremdenfeinde um ein Vielfaches.“ Damit verordnete Merkel den Deutschen ihre eigene, polarisierende Sicht auf „diese Dinge“, bezieht auch Ulrich Reitz in einem Artikel im Focus Stellung zu der „Wir-schaffen-das-Debatte“.

Unrecht hat er damit nicht, aber die ganze Flüchtlingsdebatte mit ihren Folgen, an einem Satz festzumachen, erscheint mir zu einfach. Mit der Flüchtlingswelle 2015 und ihrem Umgang damit ist aber eine Situation entstanden, die zu vielen Menschen einen Grund gegeben hat, gegen etwas zu sein. Politische Gruppen haben die Situation ausgenutzt, um die „meinungsfreie Mitte“ für sich zu gewinnen. Die Folge beschreibt Reitz sehr treffend: „Die Zahl derjenigen, die heute für die Flüchtlinge da sind (…) überragt der Hetzer und Fremdenfeinde um ein Vielfaches.“ Ich bin der Meinung, dass die Zahl der Hetzer und Fremdenfeinde keine große starke Gruppe ist. Sie wirkt manchmal nur so groß, weil die Zahl derjenigen, die sich ganz im Gegenteil für einander und das Wohl eines jeden Menschen einsetzen würden – die Menschen die wirklich dafür aufstehen müssten – in ihren Häusern bleiben. Das ist doch etwas was wir schaffen müssen.

 

Für weitere Informationen und vor allem eine beeindruckende Dokumentation lohnt sich ein Blick in die ARD-Reportage der Sendung „Rabiat“. Den Link zur Mediathek finden Sie hier.

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