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Ethik & Gesellschaft

Wenn der Täter kein Fremder ist

Ende des letzten Jahres wurde die „Kriminalstatistische Auswertung zu Partnerschaftsgewalt 2017“ des Bundeskriminalamts veröffentlicht. Erschreckende Zahlen, die insbesondere bei den Politikern Reaktionen hervorgerufen haben. Bei allem Entsetzen wurden die angekündigten Maßnahmen leider noch nicht eingeleitet…

Veröffentlicht von Marie Mävers am 6. März 2019

138.893 Menschen wurden im Jahr 2017 Opfer von Gewalt in der Partnerschaft. 147 Frauen wurden bei diesen Übergriffen getötet. Und diese Zahlen spiegeln nur die angezeigten Taten wieder. „Das Dunkelfeld ist groß. Wir müssen weiterhin Tabus brechen und Frauen ermutigen, Unterstützung zu suchen und Taten anzuzeigen“, erklärt Justizministerin Katarina Barley. Auch Bundesfamilienministern Franziska Giffey plädiert für den Ausbau von Hilfseinrichtungen und die Steigerung der Sicherheit in der Betreuung der Opfer.

Eine Maßnahme ist das bestehende Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ bekannter zu machen. Rund um die Uhr erhalten Frauen in siebzehn Sprachen unmittelbare Unterstützung. Mit der neuen Kampagne „Aber jetzt rede ich“, möchte Leiterin Petra Söchting Frauen ermutigen sich Hilfe zu holen und für Aufklärung zu sorgen, dass Gewalt in einer Partnerschaft nicht normal ist.

Insbesondere die Zahl der Frauenhäuser soll mithilfe von Bundesmitteln ausgebaut werden. Das würde auch dem Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD entsprechen, in dem vereinbart wurde, die Hilfestrukturen für Frauen und Kinder zu verbessern. Leider ist hier noch nichts passiert und die 350 Frauenhäuser in Deutschland erhalten noch immer keine nachhaltige Unterstützung. Zudem bieten sie nicht ausreichend Plätze entsprechend der Nachfrage.

Im Zuge der „Kriminalstatistischen Auswertung zu Partnerschaftsgewalt 2017“ wurde in Der Welt ein Bericht einer „Protokollantin der Gewalt“ veröffentlicht. Die Protokollantin ist die in der Gewaltschutzambulanz der Berliner Charité tätige Fotografin und Rechtsmedizinerin Saskia Etzold. Zu ihr kommen Opfer von häuslicher Gewalt, die wenigen die sich trauen, und die Ärztin vermisst und fotografiert jede einzelne Verletzung. Die Aufnahmen können vor Gericht verwendet werden, auch wenn das Opfer sich erst viel später dazu entschließt Anzeige zu erstatten. Außerdem fügt Etzold dem Fachjargon der Ärzte in unmissverständlichen und klaren Worten hinzu, worum es sich bei den Verletzungen handelt. In dem Beispiel ihrer letzten Patientin: „Bruch des Augenhöhlenbodens“ anstatt von „Orbitaboden FX“. Etzold erklärt weiter, dass diese Verletzung häufig bei einem Faustschlag aufs Auge passiert, denn es ist ein papierdünner Knochen. Es ist nur eine von vielen Verletzungen die das Opfer in der Nacht von ihrem Mann zugefügt wurden. Durch Schreie wurden die Nachbarn aufmerksam und riefen die Polizei. Der Mann darf die gemeinsame Wohnung 14 Tage nicht betreten. Das ist die Regel bei gewalttätigen Übergriffen die sich zuhause ereignen, die sogenannte „soziale Nahtat“. Erstattet das Opfer keine Anzeige kommt es auch zu keinem weiteren Verfahren. Um diese Hemmschwelle zu erleichtern will Etzold mit ihrer Arbeit helfen, die Opfer unterstützen, mit Unterlagen die sie auch nach Bedenkzeit noch als Beweismittel verwenden können. Auch Etzold bestätigt, dass sie Gewalt aus allen Bildungsschichten zu sehen bekommt: „Der Unterschied ist vielleicht die Form der Gewalt. Die Frau des Hartz-IV-Empfängers hat eher ein blaues Auge, bei der Frau des Akademikers sieht man auf den ersten Blick nichts.“

Wenn man allein an die statistischen  Zahlen der Opfer von Gewalt denkt und aus der direkten Praxis, das Etzold und ihre Kolleginnen in einem Jahr rund 1200 Opfer untersuchen, besteht dringend Handlungsbedarf. Hinzu kommen noch die Opfer der besagten großen Dunkelziffer – die Opfer die auch Etzold nicht zu Gesicht bekommt. Sie müssen endlich gehört werden.

 

Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“

Tel.: 0800 116 016

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