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Ethik & Gesellschaft

Wenn gesunde Ernährung krank macht

Aus persönlichem Interesse und dem wachsenden Fokus der Gesellschaft für gesunde Ernährung geschuldet, folgt heute eine Buchempfehlung aus der Gesundheitsbranche. Sie brauchen allerdings keinen Ratgeber erwarten. Das Gegenteil ist der Fall. Nils Binnberg macht mit seiner autobiografischen Selbstreflexion auf eine neue Krankheit aufmerksam, die über die weit verbreiteten Unverträglichkeiten hinaus geht: die Orthorexia Nervosa.

Veröffentlicht von Marie Mävers am 19. Juni 2019

Als fleißiger Leser kennen Sie dieses Phänomen: Der Autor schafft es mit gezielten Beschreibungen, dass Sie sich in die Charaktere der Geschichte hineinversetzen können. Auf diese Weise ertappen wir uns manchmal selbst, dass wir plötzlich mit einem Serienmörder Mitleid haben oder den Grund, warum Paul seine Freundin betrogen hat, durchaus verstehen können.

Genau dieses Phänomen ist mir wieder begegnet, als ich das autobiografische Buch „Ich habe es satt! – Wie uns Ernährungsgurus krank machen.“ von Nils Binnberg gelesen habe. Wenn Sie meine wöchentlichen Blogbeiträge in Marie’s healthy kitchen verflogen, ist Ihnen sicher nicht nur anhand des Titels aufgefallen, dass ich bei meiner Ernährung vor allem auf eines achte: sie soll gesund sein. Nils Binnberg ist weder Leistungssportler noch Ernährungswissenschaftler und war ganz einfach mit seinem Körper unzufrieden. Daraus hat sich bei ihm, in einem schleichenden Prozess, eine krankhafte Einstellung zum Essen entwickelt. Er beschreibt seine Leiden und die eines immer größer werdenden Teils unserer Gesellschaft wie folgt:

„Ich leide an Orthorexia Nervosa. Den Begriff kenne ich selbst erst seit kurzem, er beschreibt den Zwang, gesund zu essen. Klingt doch gut, meinen Sie? Ist es aber nicht. Ich folge zwanghaft jeder neuen Gesundheitslehre. Beim Verzehr alltäglicher Nahrungsmittel fühle ich mich mittlerweile wie ein Selbstmörder. Ich bin übrigens nur einer von einer Millionen Betroffenen in Deutschland. Beim Mittagessen können wir uns ganz ungezwungen über Fesselsex wie in Fifty Shades Of Grey unterhalten. Aber wir verkrampfen, wenn ein Brotkorb herumgereicht wird.“

Er beschreibt seinen Weg über unzählige selbstdiagnostizierte Unverträglichkeiten bis hin zu dem Wunsch nach DER perfekten Ernährungsweise. Auch wenn es mir schwer fällt es zuzugeben, auch ich habe mich in dem Buch mehrfach erschrocken, weil ich mich und meine Verhaltensweisen wiedererkannt habe. Ich muss zugeben, dass auch ich mir vor einem Restaurantbesuch mit Freunden die Speisekarte online angucke und wenn mir und meinen Essgewohnheiten gar nichts zusagt, kurzerhand ein neues Restaurant vorschlage. Diese und andere kleine Macken machen den Alltag manchmal unnötig kompliziert und lassen entweder, wie bei Binnberg, den Genuss auf der Strecke bleiben und wie bei mir manchmal, den schönen Moment mit den Menschen mit denen man das Essen teilt, vergessen. Ich habe aus dem Buch vieles gelernt, auch wenn es nicht immer eine Freude war es zu lesen. Aber so ist das ja leider meistens mit dem Lernen – es fällt schwer.

„Ich habe es satt! – Wie uns Ernährungsgurus krank machen.“
Autor: Nils Binnberg
EUR 12,95
Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-46938-5 

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