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Kinderschutz

Zahlen der Gewalt

Anlässlich der Veröffentlichung der Polizeilichen Kriminalstatistik 2019 (PKS) äußerte sich die Deutsche Kinderhilfe e.V. auf der Bundespressekonferenz am 11. Mai zu der Auswertung und stellte in diesem Rahmen die Zahlen kindlicher Gewaltopfer vor, die von renommierten Fachleuten analysiert wurden.

Veröffentlicht von Marie Mävers am 18. Mai 2020

Im Jahr 2019 hat sich aus Sicht der Deutschen Kinderhilfe – Die ständige Kindervertretung e. V. bei allen Aktivitäten zum Kinderschutz leider nur wenig zum Positiven verändert und gleichzeitig zeichnen sich bezüglich sexueller Gewalt eher besorgniserregende Tendenzen ab. „Der Kampf gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen muss gerade jetzt und auch nach der Corona-Krise konsequenter geführt werden.“ äußerst sich der unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM), Johannes-Wilhelm Rörig, besorgt zu der PKS 2019.

Dass sich die positive Entwicklung der Zahlen darauf beschränkt, einen minimalen Rückgang von vollendeten Tötungsdelikten an Kindern (um 17,65 % von 136 auf 112 Fälle) und die der Versuche (um 11,22 % von 98 auf 87 Fälle) zu verzeichnen, macht auf erschreckende Weise deutlich, über was hier berichtet wird. Diese Zahlen legen offen, dass im Jahr 2019 knapp 200 Kinder in Deutschland getötet oder versucht zu töten worden sind. Es ist keine positive Entwicklung, sondern schlicht 200 Kinder zu viel. Eine Betrachtung, bei der die vermutete große Dunkelziffer noch nicht mit einbezogen ist.

„Zwei tote Kinder pro Woche in Deutschland durch Misshandlung, Missbrauch und Vernachlässigung – und das seit Jahren – sind für mich als Arzt Aufforderung, daran zu erinnern, endlich den Gesundheitsbereich stärker einzubinden, um diese Kinder besser zu schützen. Ärzten muss die ‚interkollegiale Information‘ ermöglicht werden: d.h. die Gelegenheit über ihre Verdachtsfälle miteinander zu sprechen und sich auszutauschen. Die gerade laufende Weiterentwicklung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (SGB VIII) durch das Bundesfamilienministerium könnte dafür die Rechtsgrundlagen schaffen. Bisher sieht es allerdings nicht danach aus, dass sich da etwas bewegt. Und so steht zu erwarten, dass wir auch zukünftig die hohe Zahl kindlicher Gewaltopfer beklagen dürfen“, erklärt Dr. Ralf Kownatzki, Kinderarzt und Vorsitzender des Vereins RISKID e. V.

Das erneut sichtbare Ausmaß von sexuellem Kindesmissbrauch und dem deutlichen Anstieg bei sogenannter Kinderpornografie sind dann erst die Zahlen, die Besorgniserregend sein sollten. Die Zahl beim sogenannten sexuellen Missbrauch stieg gegenüber dem Vorjahr um 8,96 % an (von 14.606 auf 15.936 Fälle), die der Vergewaltigungen sogar um 19,9 % (von 179 auf 218 Fälle).

Erschreckende nackte Zahlen, die bei genauer Betrachtung noch bedrohlicher werden. Denn bisher blieb weitgehend unbemerkt, dass es sich bei den Tatverdächtigen des sogenannten sexuellen Missbrauchs von Kindern, zu 10,2 % um Täter handelt, die selber unter 14 Jahre alt sind, also selber noch Kinder waren. Bei den 14 bis 18jährigen waren es insgesamt 21,2 %. Es handelt sich bei diesen Tätern und Tatverdächtigen folglich um Kinder und Jugendliche, die auf dem Weg der Entwicklung einer eigenen sexuellen Identität Grenzen überschritten, die sie nicht hätten überschreiten dürfen. „Bei ihnen geht es weniger um Strafe, sondern um frühestmögliche Prävention, damit sie sich später als Erwachsene nicht wieder und weiter mit Gewalt zu nehmen versuchen, was sich niemand mit Gewalt nehmen darf.“, heißt es in der Veröffentlichung der Deutschen Kinderhilfe e.V..

Weiterführend bleibt zu beachten, dass es im Besitz und der Verbreitung von sogenanntem kinderpornografischem Material eine explodierende Steigerung um 64,61 % (von 7.449 auf 12.262 Fälle) gab. Hier ist zu beachten, dass die Möglichkeiten zur Überführung von Tatverdächtigen der Kinderpornografie stark zugenommen haben. Es bedingt diesen signifikanten Anstieg, führt allerdings auch vor Augen, dass in den letzten Jahren ebensoviele Fälle von Kinderpornografie unbemerkt blieben. Hinzukommen die Fallzahlen des strafbaren Einwirkens auf Kinder mit technologischen Mitteln. Diese sind mit 3.264 Fällen in 2019 im Vergleich zum Vorjahr um fast 34 % gestiegen. „Einen Großteil dieser Fälle macht seit einigen Jahren das sogenannte Cybergrooming aus. Beim Cybergrooming werden Kinder im Netz gezielt zur Anbahnung sexueller Interaktionen angesprochen; beispielsweise über sexuelle Chatgespräche, den Austausch von Bildern oder per Videochat.“, erklären die Fachleute auf der Bundespressekonferenz.

Auffällig ist auch hier wieder, dass unter den Tatverdächtigen ein steigender Anteil von jugendlichen Tatverdächtigen zu verzeichnen ist. Im Bereich der Kinderpornografie waren 41 % der Tatverdächtigen unter 21 Jahren (26 % in 2018), 23 % (13 % in 2018) zwischen 14 und 18 Jahren, und 12 % unter 14 Jahren (8 % in 2018 ).

„Und die Tatsache, dass die Polizeiliche Kriminalstatistik lediglich das aufgedeckte Hellfeld wiedergibt, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sexuelle Gewalt in ihren verschiedenen Abstufungen allmählich zur traurigen gesellschaftlichen Normalität zu werden scheint und dass jeder aus dem Dunkelfeld heraus ermittelte Einzelfall ein Fall eines betroffenen Kindes mehr ist, den es nie hätte geben dürfen.“, so das Fazit von Rainer Becker, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Kinderhilfe – Die ständige Kindervertretung e. V.

Auch wenn Gesellschaft und Politik aktuell von so vielen existenziellen Herausforderungen überrollt werden, muss gerade während und auch nach der Corona-Krise der Kampf gegen sexuellen Kindesmissbrauch und sogenannte Kinderpornographie verstärkt fortgeführt werden. Die starke Reaktion der Politik auf die Corona-Krise zeigt in positiver Hinsicht, was Politik bewegen kann und muss ein Vorbild in dem Kampf gegen Kindesmissbrauch sein.

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