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Ethik & Gesellschaft

Eine Stunde für den Frieden

Wenn die Herzen der Kinder schwer und die Köpfe voller verstörender Bilder ob des Krieges in der Ukraine sind, tut es gut, wenn eine Schule den Raum bietet für einen Projekttag für den Frieden und eine große Abschlussveranstaltung auf dem Schulhof, um den Gedanken und Besorgnissen Ausdruck zu verleihen und zusammenzustehen. Dies gilt in besonderem Maße für die STS Alter Teichweg (ATw) im Hamburger Stadtteil Dulsberg, wo sich Menschen aus über 80 Nationen – und damit aus vielen Kriegs- und Krisengebieten dieser Welt – im Schulalltag begegnen.

Veröffentlicht von Heinz-Gerhard Wilkens am 31. März 2022

Am 24. und 25. März 2022 war die vielleicht bunteste Schule des Landes, an der ich seit August 2021 als Projektlehrer arbeiten darf, ein Ort kreativer Ideen und gelebter Solidarität. Ganz im Sinne, wie es die Schulleitung sich gewünscht hatte: „Über Frieden zu sprechen ist mehr, als den aktuellen Krieg in der Ukraine zu betrachten.“ Gelebte Friedenspädagogik schuf Raum für die Gestaltung von Plakaten und Bannern und für Kurzbeiträge zu Gedanken, Sorgen und Forderungen für das Bühnenprogramm einen Tag später unter dem Motto „Eine Stunde für den Frieden.“ Aber auch für das Einstudieren von Gesangsdarbietungen und das Sammeln von Spenden für die Menschen in der Ukraine. Diese fuhr der ukrainische Vater einer Schülerin noch am Freitag vergangene Woche mit einem Sprinter in ein Verteilungslager an der slowakisch-ukrainischen Grenze.

Björn Lengwenus, Schulleiter der STS Alter Teichweg gibt ein für alle machbares Ziel für die beiden besonderen Schultage vor: „Wir werden diesen Krieg nicht einfach beenden können. Wir können nur helfen und alle aufeinander aufpassen, auf unseren Frieden im Alltag. Das ist das, was wir tun können. Und das sollten wir auch tun – wir alle.“ Und das war – vier Tage nach den Frühjahrsferien –schon eine ganze Menge. Am Tag der Open-Air-Bühnenshow fielen zunächst die farbenfrohen Banner in den Blick, die aus den Klassenzimmern des Fritz-Schumacher-Schulgebäudes zum Schulhof hin abgeseilt die Botschaft „Frieden“ in unterschiedlichen Sprachen präsentierten. Als Moderator der Veranstaltung setzte wieder der Schulleiter das Thema: „Lasst uns lachen, traurig und laut sein, aber auch sehr, sehr leise und verletzlich für den Frieden.“

Und so gibt es viele bewegende Momente, auch im Kulturprogramm, bei dem die ehemalige Schülerin Zoe Wees, mittlerweile ein Weltstar, den umjubelten Schlusspunkt setzt. Sie trägt einen neuen Song vor „für Menschen, die ihre Liebsten verloren haben und kämpfen.“ Die Singer-/Songwriterin Isabelle Aulila, eine ehemalige Musiklehrerin der Schule, präsentiert ihren Song „Slide“: „Die Sonne ist da, aber ich spüre die Wärme nicht“. Der Musiker Nick March, der schon Charkiv und Kiew besucht hat, hat ein Lied mitgebracht, zu dem ihn Fahrzeuge mit Flüchtenden inspiriert haben, die auf der falschen Autobahnspur den Weg in die Freiheit suchen: „Mit überladenem Herzen geisterfahren‘“. Und last not least begeistert Oded Kafri aus Israel, weltbester Straßenschlagzeuger, der das Trommeln einst im Luftschutzbunker in Tel Aviv erlernte.

Aber dann gibt es auf der Bühne auch viele leise, rührende Momente, etwa wenn Zeynaboe (Senegal) und Jawad (Afghanistan) mit Martin aus der Ukraine ihre Gedanken vortragen und der Junge aus dem Kriegsgebiet im Osten Europas sagt: „Ich bin mit Euch gemeinsam für den Frieden.“ Oder wenn die 13-jährige Nicole, deren Mutter Russin und deren Vater Ukrainer ist, an uns alle appelliert, den Krieg mit friedlichen Mitteln zu beenden. Sie ist die Tochter von Oleg, dem Sprinter-Fahrer mit Hilfsgütern, den ich für unser Schulradio Lockdown Live interviewen darf. Er lebt seit 18 Jahren in Deutschland, hat seinen ukrainischen Pass immer behalten und sagt später auf der Bühne: „Wir werden nie vergessen, was Ihr für das ukrainische Volk getan habt.“ Bewegend auch der Auftritt der „Dulsberger Chorkatzen“, des Grundschul-Chors der Schule mit „Vois sur ton chemin“ aus dem Film „Die Kinder des Monsieur Mathieu“.

Und schließlich ein Gänsehautmoment, als es gelingt, 1.700 Menschen auf dem Schulhof für eine Minute zum Schweigen für den Frieden zu bringen. Es waren 60 Sekunden, wo man in Dulsberg die Vögel zwitschern hören konnte. Als anschließend drei Drittklässlerinnen den Friedenskanon „Shalom“ anstimmen, fließt die eine oder andere Träne. Der STS Alter Teichweg ist ein würdige Veranstaltung gelungen, die noch lange nachhallen wird und die in den elektronischen Medien (NDR Fernsehen, ZDF, RTL Sat.1, NDR 2, NDR 90,3, NDR Info, Radio Hamburg) sowie über die bundesweite dpa-Meldung auch in Zeitungen  wie BILD, Hamburger Morgenpost oder Hamburger Abendblatt ein breites Echo fand. „Eine Stunde für den Frieden“ war so, als hätte über 90 Minuten Mahatma Gandhi das Drehbuch geschrieben, der einst sagte: „Wenn wir wirklichen Frieden in der Welt lehren wollen, müssen wir mit den Kindern beginnen.“

Den Film mit vielen Gänsehautmomenten finden Sie hier.

 

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