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Ethik & Gesellschaft

Medizin auf Augenhöhe und ganz viel Herz

Laut dem Statistischen Bundesamt hatten 143.000 Menschen im Jahr 2019 keine Krankenversicherung. Das sind rund doppelt so viele wie 2015 (79.000). Meist sind es Menschen ohne festen Wohnsitz, die nirgends gemeldet sind. Doch gerade sie benötigen medizinische Versorgung, weil das Leben auf der Straße extrem zu Lasten der Gesundheit geht.

Veröffentlicht von Silke Hirschfeld am 16. März 2021

Rund einen Monat ist es her, dass ich einen Einsatz des Hamburger ArztMobils begleiten durfte. Die Initiative ist Ende 2016 eigentlich entstanden, um die Menschen medizinisch zu versorgen, die auf der Straße leben. Doch mittlerweile ist die Klientel bunt gemischt: Obdach- und Wohnungslose, Flüchtlinge, Drogenabhängige und immer mehr Menschen, die von Altersarmut betroffen sind.

Das rund 35-köpfige Team um Gründerin und Geschäftsführerin Julia Herrmann besteht aus Ärztinnen und Ärzten, Krankenschwestern und -pflegern und anderen engagieren Menschen. Sie alle arbeiten ehrenamtlich und das gesamte Projekt ist ausschließlich spendenfinanziert. Ihren Patienten fehlt meist die Krankenversicherung oder sie schämen sich zu sehr, um Arztpraxen aufzusuchen. Aufgrund der katastrophalen hygienischen Bedingungen, unter denen die meisten leben, ist die Versorgung schlecht heilender Wunden einer der häufigsten Behandlungsgründe. Hinzu kommen chronische oder akute Behandlungen, die ohne medizinische Versorgung zum Teil lebensbedrohlich sein können.

Darüber hinaus hat die Initiative ein Substitutionsprojekt für drogenabhängige Menschen ins Leben gerufen. Das ArztMobil bezahlt für die Nichtversicherten das Methadon und die notwendigen Laboruntersuchungen. „Das Methadonprogramm ist an strenge Auflagen gebunden,“ erklärte mir Dr. Hubertus Stahlberg auf unserer Tour. Als das Programm in den Achtzigern aus den USA nach Europa kam und in Deutschland eingeführt wurde, wurde es sehr kritisch gesehen und von vielen Ärzten abgelehnt. Es hieß, dass „die Junkies“ ihre Droge nun legal beim Arzt bekommen und warf ein zweifelhaftes Licht auf die Ärzte, die das Programm in ihrer Praxis durchführten. Stahlberg ist einer von diesen Ärzten und der Ruf des Methadonprogrammes ist mittlerweile wesentlich besser geworden. Begeistert erzählt er mir, dass er bereits viele von den Drogen weg und in die Berufstätigkeit – und so auch in die Krankenversicherung – zurückgebracht hat.

Das ArztMobil kommt zu festen Terminen an feste Standorte. So können sich die Patienten am besten orientieren. Das Pandemie-Jahr war auch für das Team eine große Herausforderung. Die meisten Obdachlosen-Einrichtungen hatten beim ersten Lockdown geschlossen. Die Innenstadt war menschenleer. Es gab keine Pfandflaschen zum Sammeln, keine Passanten, die etwas spendeten. Die Menschen auf der Straße hatten keine Gelegenheit zum Duschen oder an frische Kleidung zu kommen. Sie hatten Angst und vor allem hatten sie Hunger. Seitdem werden auf den Touren auch Lunchtüten verteilt, mit selbst geschmierten Broten, Obst vielen leckeren Sachen.

Das Team vom ArztMobil hat im vergangenen Jahr nicht einen Termin ausfallen lassen, sondern mit besonderer Schutzausstattung weitergearbeitet. Bis November konnten so rund 3.000 Menschen medizinisch versorgt werden. Auf meiner Tour hat mich am meisten berührt, dass es nicht nur um medizinische Versorgung geht. Es geht vor allem um Zuwendung, Aufmerksamkeit und Herzenswärme. Herrmann und ihr Team begegnen denen auf Augenhöhe, auf die so viele Menschen nur herabschauen. Sie nehmen sich die Zeit zum Zuhören und behandeln ihre Patienten mit Respekt viel Geduld.

Als ich die ehemalige Kinderpflegerin und vierfache Mama fragte, was sie sich für ihr Engagement wünschte, leuchteten ihre Augen: Sie möchte eine Krankenstube aufbauen, damit obdachlose Menschen nach einem Krankenhausaufenthalt nicht so schnell wieder auf die Straße geschickt werden, sondern in Ruhe gesund werden können. Mit Hilfe einer psychosozialen Betreuung gelingt in einer solchen Situation vielleicht sogar die Rückführung in ein ganz normales Leben.

Beherzte Vorbereitung: Mit-Gesellschafterin Diana Müller beim Brote schmieren
Foto: Silke Hirschfeld
Julia Herrmann sortiert Lebensmittel für die Lunchtüten und medizinisches Equipment
Foto: Silke Hirschfeld
Vor allem Material zur Wundversorgung ist schnell aufgebraucht
Foto: Silke Hirschfeld
Das Arztmobil ist ein geräumiges Behandlungszimmer
Foto: Silke Hirschfeld
Trotz der Minusgrade Mitte Februar warten die Patienten geduldig bis sie an der Reihe sind
Foto: Silke Hirschfeld
Julia Herrmann und Team haben Zeit und offene Ohren für die Sorgen ihrer Patienten
Foto: Silke Hirschfeld
Auf Augenhöhe
Foto: Silke Hirschfeld

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