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Kinderschutz

Pandemic Classroom

Manchmal bedarf es starker Bilder, um auf die weltweite Bildungsmisere seit einem Jahr Pandemie hinzuweisen. Und so hat UNICEF, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, am 3. März 2021 in New York die Installation „Pandemic Classroom“ enthüllt, ein Modell-Klassenzimmer, das aus 168 leeren Schreibtischen und Stühlen besteht. Hinter jedem verwaisten Stuhl hängt ein leerer Rucksack, als Platzhalter für das hintangestellte Potential jener 168 Millionen Kinder, deren Schulen wegen der Covid-19-Pandemie seit fast einem Jahr weltweit vollständig geschlossen sind.

Veröffentlicht von Heinz-Gerhard Wilkens am 9. März 2021

214 Millionen Kinder – oder eines von sieben Kindern – haben mehr als drei Viertel ihres Unterrichts verpasst, wie die UNICEF-Studie COVID-19 and School Closures: One year of education disruption beleuchtet. Zwei Drittel dieser Länder gehören zu Lateinamerika und der Karibik, mit fast 98 Millionen Schulkindern. Von diesen 14 Ländern waren die Schulen in Panama die meisten Tage geschlossen, gefolgt von El Salvador, Bangladesch und Bolivien. Insgesamt sind laut UNICEF dadurch 888 Millionen Kinder in ihrer Bildung stark beeinträchtigt. Henrietta Fore, UNICEF-Exekutivdirektorin, sagt: „Wir müssen die Wiederer-öffnung von Schulen priorisieren und müssen priorisieren, dass sie in einem besseren Zustand als zuvor wiedereröffnet werden.“ Einer der ersten Besucher der Installation „Pandemic Classroom“ war UN-Generalsekretär António Guterres, der die Bildungsmisere als eine „Katastrophe der Menschheit“ bezeichnete. UNICEF fordert die Regierungen weltweit auf, den individuellen Bedürfnissen jedes einzelnen Schulkindes Vorrang einzuräumen und in den Schulen mit umfassenden Angeboten in den Bereichen Nachhilfeunterricht, Gesundheit und Ernährung sowie psychischer Gesundheit und Schutzmaß-nahmen die Entwicklung und das Wohlbefinden der Kinder und Jugendlichen zu fördern. Ebenso sollten die mehr als 100 Millionen Lehrer auf der Welt bevorzugt gegen das Virus geimpft werden. Für Entwicklungs- und Schwellenländer dürfte dies noch für längere Zeit ein frommer Wunsch bleiben. Erst Ende Februar hat das Impfstoff-Programm der UN (Covax) mit Ghana erstmals ein Entwicklungs-land mit Vakzinen beliefert.

Aber auch in Deutschland ist es um die Schulbildung – insbesondere von Kindern aus Risikofamilien – schlecht bestellt. Die Präsenzpflicht ist in vielen Schulen weiter aufgehoben, beim Hybridunterricht gibt es auch nach einem Jahr mehr Baustellen als Erfolge, und Hamburgs Schulsenator bietet als Kompensation für staatliche Versäumnisse den Lernenden an, das Schuljahr zu wiederholen. Dabei ist es der schleppenden Umsetzung in den Ländern zuzuschreiben, dass vom
7 Mrd. Euro schweren Digitalpakt Schule (2018/19) bis Mitte Februar 2021 erst 1,4 Mrd. Euro abgerufen wurden. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey sagt: „Wenn man über Baumärkte, Flugschulen und Hundeschulen spricht, sollte man auch die Perspektive der Kinder in den Blick nehmen. Es kann nicht sein, dass Hunde früher in die Schule gehen als Kinder und Jugendliche“. Aber ist sie nicht Teil einer Bundesregierung, die das ändern könnte?

Der Kinderschutzbund fordert daher eine sinnvolle Güterabwägung zwischen Infektionsschutz und einem guten Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen und dass dort, wo sinkende Inzidenzwerte und geeignete Hygienekonzepte es jeweils regional möglich machen, Schulen und Kitas wieder geöffnet werden müssen. „Der Lockdown nimmt Kindern und Jugendlichen wichtige Räume und zentrale Erfahrungen. Die Belastungen dürfen wir nicht ignorieren“, so die Vizepräsidentin des Kinderschutzbundes, Prof. Dr. Sabine Andresen.

Der ärztliche Direktor der Marzipanfabrik, einer privaten Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Juror des HanseMerkur Preises für Kinderschutz, Prof. Dr. Michael Schulte-Markwort, weist darauf hin, dass Jugendliche am meisten unter der Corona-Krise leiden: „Für 16-Jährige beispielsweise ist ein Jahr eine unheimlich lange Zeit. Das ist ein Alter, in dem man sich mit seinen Freunden treffen, viel ausprobieren will. Da entsteht leicht ein Gefühl, dass unheimlich viele Chancen vorbeirauschen. Das betrifft aber auch den Abiturjahrgang 2020, für den es keine Feiern, Mottowochen und Verleihungen gab, aber auch Studienanfänger, die in einen neuen Lebensabschnitt starteten und nicht einmal ihre Kommilitonen kennenlernen konnten.“

Ein bedrückendes Schlaglicht auf die Verschlechterung der Lebensqualität und die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen im Verlauf der Corona-Pandemie – insbesondere aus sozial schwächeren oder Verhältnissen mit Migrationshintergrund – wirft auch die im Februar 2021 veröffentlichte COPSY-Studie (Corona und Psyche) des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Dafür wurden von Mitte Dezember 2020 bis Mitte Januar 2021 mehr als 1.000 Kinder und Jugendliche und mehr als 1.600 Eltern mittels Online-Bogen befragt. Fast jedes dritte Kind leidet ein knappes Jahr nach Beginn der Pandemie unter psychischen Auffälligkeiten. Sorgen und Ängste haben noch einmal zugenommen, auch depressive Symptome und psychosomatische Beschwerden sind verstärkt zu beobachten. Dazu kommen vermehrte schulische Probleme und mehr Streit in der Familie. Doppelt so viele Kinder wie bei der ersten Befragung machen überhaupt keinen Sport mehr; dafür hat die Zeit an Handy, Tablet oder Spielkonsole zugenommen.

Bildung und Corona: es ist und bleibt ein Trauerspiel. SPIEGEL-Redakteurin Silke Fokken schrieb am 19. Februar 2021: „Beim Umgang mit den Schulen zeigt sich exemplarisch, dass der Staat selbst in einem ‚systemrelevanten Bereich‘ nicht in der Lage war, schnell und unbürokratisch zu reagieren. Dass er bestimmte Bevölkerungsgruppen, entgegen allen Sonntagsreden, wonach es nichts Wichtigeres gebe als Bildung, gnadenlos im Stich ließ. Dass er sich zuverlässig in Zuständigkeitswirrwarr verhakte, statt mit einheitlichem Vorgehen Verlässlich-keit zu schaffen. Dass er bestenfalls reagiert, statt Perspektiven zu entwickeln.“

 

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