HanseMerkur

Achtung: Neue Bewerbungsfrist!

Bewerben Sie sich schon jetzt für den HanseMerkur Preis für Kinderschutz 2021. Die Bewerbungsfrist endet am 30. September 2021. Weitere Informationen finden Sie hier.

Ethik & Gesellschaft

Recht statt Krieg

Als sich am 20. November 2020 der Beginn der Nürnberger Prozesse zum 75. Mal jährte, begann der Festakt noch vor der Rede des Bundespräsidenten mit einer Videobotschaft des letzten noch lebenden Chefanklägers des Nazi-Kriegsver-brechertribunals: Ben(jamin) Ferencz. Der heute 100-Jährige lebt in Florida und hat gerade – basierend auf Interviews mit der „Guardian“-Journalistin Nadia Khomami – die Autobiographie eines Jahrhundertzeugen vorgelegt: „Sag immer Deine Wahrheit“.

Veröffentlicht von Heinz-Gerhard Wilkens am 13. Januar 2021

Ferencz Lebensbericht* zeigt die USA einmal wieder als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. In Transsilvanien am 11. März 1920 geboren, beginnt sein Lebensweg in absoluter Armut. Schon mit neun Monaten emigrieren er und seine Eltern nach New York per Dritte-Klasse-Schiffspassage. Im westlichen Manhattan und später in der Bronx lernt er, nicht selten hungernd, eine Kindheit in einem kriminellen Umfeld kennen, über die er retrospektiv urteilt: „Die Art und Weise, wie ich aufwuchs, brachte mir früh viel über das Thema Überleben bei. Aber ich lernte auch, dass es zwei Arten von Menschen gibt: Gauner und ehrliche Leute.“

Mit acht Jahren kommt Ben auf eine Schule in Brooklyn, liest sich durch das Bibliotheksangebot und findet schließlich eine Lehrerin, die ihn an eine Highschool für begabte Jungen befördert, die ein Anschluss-Studium am City College der Stadt New York ermöglicht, das „Harvard des armen Mannes“, wie Ferencz heute sagt. Tatsächlich schließt sich schon bald ein Stipendium für die Harvard Law School an. Ferencz trocken: „Irgendwie war ich im besten juristischen Studiengang der Welt gelandet und hatte damit die Chance, mich an meinen eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen.“ Schon an der Universität befasst er sich juristisch mit dem Thema Kriegsverbrechen. Nach seinem Harvard-Abschluss wird er Gefreiter der US-Army im Bereich Flugabwehr als Schreibkraft im 115th Triple-A Gun Battalion, setzt mit der HMS Strathnaver nach England über, macht den D-Day mit, landet in der Normandie am Omaha Beach, durchbricht mit seiner Einheit die Maginot-Linie und den Westwall, überquert den Rhein auf der Brücke von Remagen und nimmt an der Befreiung der Stadt Bastogne im Rahmen der Ardennenoffensive teil. Als er ins Hauptquartier von General Pattons dritter Armee versetzt wird, mehren sich die Hinweise auf Gräueltaten der Nazis. Dieser wird er schon bald ansichtig, als er Leichen alliierter Piloten ausgraben muss, die per Fallschirm auf deutschem Gebiet landen mussten und systematisch ermordet wurden.

Doch das Schlimmste steht ihm noch bevor. Er besucht zehn Konzentrationslager, darunter Buchenwald, Mauthausen, Flossenbürg und Ebensee. „Ich habe heute noch Schwierigkeiten, es in Worte zu fassen. So etwas trägt man den Rest des Lebens mit sich herum“, sagt Ferencz in seiner Autobiographie. „Es waren Szenen unbeschreiblichen Grauens. Es war, als hätte ich einen Blick in die Hölle geworfen.“ Im Frühjahr 1947, als Ferencz bereits zu den Kriegsverbrechen der NS-Diktatur recherchiert, fällt einem seiner Ermittler eine Sammlung „streng geheimer“ Dokumente aus der Gestapo-Zentrale in Berlin in die Hände. Tagesberichte der Einsatzgruppen in der UdSSR, die „eindeutige Beweise für einen groß angelegten Genozid“ lieferten. Damit ist der weitere Lebensweg des jungen Juristen vorgezeichnet: „Und so kam es, dass der kleine Benny aus Transsilvanien zum Chefankläger im größten Mordprozess der Menschheitsgeschichte wurde. Ich war siebenundzwanzig Jahre alt, als das Verfahren im Hauptgerichtssaal des teilweise wiederaufgebauten Justizpalastes in Nürnberg eröffnet wurde. Es war mein allererster Fall.“

Exkurs Einsatzgruppen-Prozess
Vom 15. September 1947 bis zum 10. April 1948 fand im Schwurgerichtssaal 600 des Nürnberger Justizpalastes der neunte von zwölf Nachfolgeprozessen statt. Angeklagt waren 24 ehemalige SS-Führer, die Verantwortung für die Verbrechen der Einsatzgruppen in der besetzten Sowjetunion zwischen 1941 und 1943 trugen. Mindestens 600.000 Menschen, wahrscheinlich aber über eine Million, fielen dem Auftrag an 3.000 Angehörige der Waffen-SS und des Reichssicher-heitshauptamtes zum Opfer, die „jüdisch-bolschewistische Intelligenzschicht“, Widerstandskämpfer, Zigeuner und kommunistische Funktionäre systematisch zu ermorden sowie die einheimische Bevölkerung bei antijüdischen Pogromen zu unterstützen. Dies geschah hauptsächlich durch Gruppen-Erschießungen in Schluchten, Gruben oder Steinbrüchen. Später kamen auch Gaswagen zum Einsatz.

Das Nürnberger Verfahren endete ohne Freisprüche. Unter den 14 Angeklagten, die zum Tode durch den Strang verurteilt wurde, war auch Otto Ohlendorf, SS-Brigadeführer und Kommandeur der Einsatzgruppe D, dessen Plädoyer als „real blockbuster“ empfunden wurde, da er überhaupt keine Einsicht in die verübten Verbrechen zeigte. Vielmehr seien die Hinrichtungen als staatliche Selbstverteidigung zu betrachten, es läge ein Fall von Putativnotwehr vor, um das Deutsche Reich vor dem Bolschewismus zu schützen und überhaupt die Existenz des deutschen Volkes im „Todeskampf mit der Sowjetunion“ sicherzustellen. Ben Ferencz hat einmal gesagt, dass ihm niemand habe je glaubhaft machen können, dass er es für rechtens gehalten habe, den Kopf eines Kindes an einen Baum zu schlagen, um es zu töten. Und für Otto Ohlendorf brachte er nur Verachtung auf. „Seine Argumentation war ein Patentrezept dafür, die Welt in eine Katastrophe zu stürzen“, schreibt Ferencz, der in Nürnberg sein Eröffnungsplädoyer mit den Worten schloss: „Die Angeklagten waren die grausamen Henker, deren Schreckenstaten die dunkelsten Seiten im Buch der Menschheitsgeschichte füllen. Der Tod war ihr Werkzeug und das Leben ihr Spielzeug. Wenn diese Männer straffrei ausgehen, hat das Gesetz sine Bedeutung verloren, und die Menschheit muss in Angst leben.“

Im Anschluss an den Einsatzgruppen-Prozess hat sich Ben Ferencz lebenslang für die Einrichtung eines Internationalen Strafgerichtshofes eingesetzt. Im Jahre 2002 nahm der International Criminal Court (ICC) in den Niederlanden seine Arbeit auf. Anlässlich des Festaktes zum 75. Jahrestag des Beginns der Nürnberger Prozesse sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im historischen Gerichtssaal 600: „Ohne den Hauptkriegsverbrecherprozess in Nürnberg gäbe es den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag heute nicht.“ Tatsächlich eröffnete Ferencz auf Einladung des Chefanklägers im Januar 2009 symbolisch das erste Plädoyer der Anklage vor dem ICC und stellte damit die Arbeit des Gerichts in die direkte Tradition der Nürnberger Prozesse.

Die Biographie „Sag immer Deine Wahrheit“ ist das Plädoyer eines großen Humanisten für eine bessere Welt. „Mein Prinzip ist Recht statt Krieg“, sagte er angesichts des Nürnberger Festaktes im November 2020. Und eine Mahnung an die Nachgeborenen hat er noch im Gepäck: „In unserem heutigen Cyberspace-Zeitalter gilt, dass der nächste Krieg auch der letzte sein wird. Er wird dem Leben auf der Erde ein Ende bereiten. Wir alle müssen den Krieg ächten, möglichst schon in jungen Jahren.“

*Benjamin Ferencz, „Sag immer Deine Wahrheit“. Was mich 100 Jahre Leben gelehrt haben. Heyne Verlag München, ISBN: 978-3-453-21808-6, 160 Seiten, 17,00 Euro

 

Titelbild: Benjamin Ferencz (Brooks Kraft/Getty Images)

 

Gebäude des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag
Foto: Press ICC
Sitzungssaal des Internationalen Strafgerichtshofs
Foto: Press ICC
Benjamin Ferencz beim Plädoyer in Nürnberg 1947
Foto: Everett Collection/picture-alliance

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*