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Ethik & Gesellschaft

Rhetoric Matters

Am 7. November 2020 um 17.24 Uhr kam nach einem viertägigen Wahlstimmenauszählungskrimi die erlösende Nachricht. Joseph R. Biden (77) ist President Elect und wird wohl am 20. Januar 2021 zum 46. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt. Es war eine Wahl der Superlative. Noch nie in der Geschichte der USA erhielt ein Präsidentschaftskandidat so viele Stimmen. Am Ende waren es 74,5 Millionen. Noch nie erlangte zudem eine Frau das Vizepräsidentenamt. Kamala Harris (56) ist die zweite afroamerikanische Frau im US-Senat. Und noch nie zuvor haben die Amerikaner – coronabedingt – so viele Briefwahlstimmen abgegeben wie bei diesem Urnengang: rund 100 Millionen. Das wichtigste Ergebnis der Abstimmung aber ist, dass nach einem erratisch und populistisch regierenden Amtsinhaber jemand ins Weiße Haus einzieht, der nicht spaltet, sondern zusammenführt, der versöhnt und die demokratischen Prozesse respektiert, wissend, dass der Souverän, das Volk, Macht nur auf Zeit verleiht.

Veröffentlicht von Heinz-Gerhard Wilkens am 9. November 2020

Dass der Amtsinhaber jetzt – anstatt seinem Nachfolger zu gratulieren und eine friedliche Machtübergabe vorzubereiten – in blinder Wut die Legitimität der Wahl anzweifelt, eine Klagewelle lostritt und seinen Sohn Donald Trump Junior den „totalen Krieg“ gegen das Ergebnis ausrufen lässt, ist nicht nur die Fortsetzung jenes schlechten Stils, der über vier Jahre die politische Auseinandersetzung geprägt hat. Vielmehr legt dieser letzte Akt eines politischen Polarisierungsdramas noch einmal offen, dass das Narrativ stetiger „alternativer Fakten“ eben auch toxisch ist. Dass die metastasierenden Desinformationen aus einer Filterblase eines eigenen Informationskosmos‘ eine Nation spalten können, was das Wahlergebnis noch einmal unterstrichen hat.

Insofern kann nicht oft genug wiederholt werden: Truth Matters, Rhetoric Matters. Joe Biden hat daher dankenswerter Weise Hoffnung auf Heilung gemacht, als er nach seinem Wahlsieg dem amerikanischen Volk zurief: “It’s time to put away the harsh rhetoric. To lower the temperature. To see each other again.” Demokratie ist sehr zerbrechlich und lebt vom Diskurs, nicht von der Verächtlichmachung von Minderheiten oder politischen Mitbewerbern. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat daher zurecht am 17. Oktober 2019 anlässlich der Veranstaltung „Demokratie unter Druck – für eine neue politische Streitkultur“ gesagt: „Es gibt Grenzen im freien, demokratischen Diskurs. Es gibt eine Grenze zwischen dem Sagbaren und dem Unsäglichen. Wer in einem friedlichen Land leben will, der darf Gewalt auch in der Sprache nicht tolerieren.“

Donald Trump hat – flankiert von Meinungsmedien wie seinem Haussender FOX NEWS oder Talk Radios – mit seiner autokratischen und verrohten Rhetorik bis hinein in seinen bizarren Auftritt in der Wahlnacht den demokratischen Konsens sukzessive aufgekündigt und eine Polarisierung der Gesellschaft vorangetrieben, die immer tiefer den Alltag der Bürger geprägt hat. Zu den vielleicht emotionalsten Minuten der US-Wahlberichterstattung zählte der Moment, als der farbige CNN-Moderator Van Jones nach Joe Bidens Sieg übermannt von seinem Gefühlen in Tränen ausbrach und dann stammelte, dass es jetzt wieder leichter sei, ein Vater zu sein: „Today is a good day. It’s easier to be a parent this morning. Character MATTERS. Being a good person MATTERS. This is a big deal.”

Wie traumatisierend und belastend eine nicht faktenbasierte und den Hass schürende Rhetorik auf den gespaltenen Staaten von Amerika gelastet hat, kam durch die spontanen und landesweiten Freudenfeiern Tausender in den Straßen der Metropolen zum Ausdruck. Es wird jetzt erst einmal darum gehen, die politische Auseinandersetzung rhetorisch zu entgiften und Dissense in Stil und Würde auszufechten. Dem englischen Schriftsteller Charles Reade (1814-1884) wird ein passendes Zitat zugeschrieben: „Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte. Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen. Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten. Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter. Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.“ 

Dass es dem empathischen Joe Biden gelingen kann, für eine rhetorische Abrüstung im politischen Diskurs zu sorgen, glauben viele Beobachter. Der siebenfache Großvater wirft 47 Jahre Erfahrung im Senat, drei Präsidentschaftskandidaturen und acht Jahre Vizepräsidentschaft unter Barack Obama in die Waagschale. Vor allem aber weiß er, was Demut ist, da sein Leben nicht immer auf der Überholspur verlief. Im Jahre 1972 verlor er seine Frau Neilia und seine 13 Monate alte Tochter bei einem Autounfall. 1988 überlebte er eine Aneurysma-Operation am Gehirn und 2015 musste er seinen ältesten Sohn Beau zu Grabe tragen, der an einem Gehirntumor verstarb.  

Die Election Night 2020 wurde zum Marathon.
Erst nach einer viertägigen Wahlstimmenauszählung konnte das Ergebnis bekannt gegeben werden:
Joe Biden ist der 46. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika und Kamala Harris die erste Frau im Vizepräsidentenamt.
Donald Trump muss das weiße Haus verlassen.
Auch wenn er das voraussichtlich nicht ohne weitere dieser Twitter-Meldungen tun wird.

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