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Planet Billstedt

Kinderschutz

Stadtmusical PLANET BILLSTEDT: Eine Reise in die Zukunft unseres Planeten

Das hat der Hamburger Osten noch nicht gesehen: Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus den Stadtteilen Billstedt, Horn, Öjendorf und Billbrook suchten in den vergangenen Monaten in Intensiv-Workshops Antworten auf die Frage „Wie wollen wir leben?“ Am Wochenende 14./15. August 2021 wurden die Ergebnisse von rund 400 Darstellern und Akteuren, unterstützt von rund 30 Profis aus der Theaterszene, an vier Standorten als dreieinhalbstündiges Stadtmusical präsentiert. Die Zuschauer pendelten per Doppeldeckerbus oder mit Rädern zu den Spielorten. Initiator von PLANET BILLSTEDT sowie Ausgangs- und Endpunkt des Spektakels: der Kultur Palast Hamburg.

Veröffentlicht von Heinz-Gerhard Wilkens am 1. September 2021

Regisseur und Autor Dirk Schattner, der selbst an der Stadtteilschule Bergedorf Theater unterrichtet, sagt: „Das Spannende an unserem Weltraummusical war, dass wir mit den Standorten gemeinsam das Stück entwickelt haben. Das begünstigte die besondere Form des Musicals mit Tanz, Musik, Songs, Schau-spiel, aber auch die Thematik. Dieser Planet, unsere Welt, ist etwas sehr Wertvolles, etwas, das unersetzlich ist. Hinter allem steckte die Idee: Wie können wir unsere Schöpfung bewahren?“ Und das spiegelt sich auch im 28-seitigen Drehbuch von PLANET BILLSTEDT, wo Wissenschaftler, Vertreter von Energie-konzernen, Mobilitätsexperten und Klimaaktivisten ihre Kämpfe im wahrsten Sinne des Wortes auf offener Bühne auskämpfen.

Doch zurück zu den Standorten, die dreimal täglich angesteuert wurden (Bildergalerie dazu siehe unten):

Station 1 und Check-In: Stiftung Kultur Palast

Hier im soziokulturellen Zentrum Billstedts, wo 130 Kulturen eine Heimat gefunden haben und 3.200 Kinder und Jugendliche pro Jahr über nachhaltige und qualitative Kulturförderung ihre Potentiale erschließen und ihre Bildungschancen erhöhen können, ging es um das künstlerische Spiegelbild einer internationalen Stadtgesellschaft. Musik und Tanz sind DNA dieser Integration von Diversität. Denn: wo Sprachschwierigkeiten Hürden bedeuten, können besonders Kinder und Jugendliche leichter über Musik erreicht und kulturelle Teilhabe ermöglicht werden. Musical-Darstellerin Majella setzt das Thema: „Weil für Lügenmärchen einfach keine Zeit mehr bleibt, weil die Erde schlingernd immer weiter treibt…“

Station 2: Horner Freiheit

Im Stadtteilhaus,  d e m  Treffpunkt im Quartier an der Großbaustelle der U4, wurden ortsgerecht die Themen Mobilität und Urbanität  künstlerisch umgesetzt. Als Kulisse dienten von den Akteuren selbst gebaute Hochbeete, einschließlich eines riesigen Eckbeets. Neugierige können darin schon jetzt Rote Beete, Sonnenblumen, Erdbeeren, Stangenbohnen, Zucchini und Petersilie entdecken. Junge Tänzer und Rapper hatten dafür ihre eigenen Choreographien und ihren eigenen Songs entwickelt: „Wir treffen uns zum Fußball spieln‘, zum Chillen und zum Tanzen, und nach ‘ner schönen Fahradtour wolln‘ wir noch Blumen pflanzen.“ Doch auch die Billstedter Bauchtänzerinnen – „Die Sterne des Orients“ – begeisterten. Dass auch viele Fahrgäste auf dem Weg zur U-Bahn „Horner Rennbahn“ als Zaungäste den jungen Künstlern applaudierten, war nicht nur motivierend, sondern fügte sich auch gut in jene Worte des Musicals ein, die Kernphysikerin Finja sprach: „Was macht man, wenn man einen U-Bahn-Schacht hat? Man benutzt ihn halt. Immer noch besser, als hundert SUVs, die durch die Gegend fahren.“ Am Ende war auch Alex Wilke vom Koordinationsbüro der Horner Freiheit, euphorisch: „Schon immer wollten wir etwas mit dem Kultur Palast gemeinsam gestalten. Jetzt ist es wahr geworden. Wie schön!“

Station 3: Schulkinderclub Billbrookdeich

In der Einrichtung des Kita-Trägers elbkinder stand das Thema Heimat(gefühl) im Fokus der künstlerischen Darbietungen. Und damit die Fragen, die sich die Kinder und Jugendlichen jener Migranten, die in den umliegenden Wohnunterkünften des Gewerbegebiets leben, tagtäglich stellen: Bin ich willkommen? Was ist Heimat? „Heimat ist eine Heizdecke“ heißt es an einer Stelle im Musical, bei dem hier junge Breakdancer, Tänzerinnen – die sich in ihrer Choreographie in einem neuen Land fern ihrer Heimat freiboxen – und Superhelden mit ihren selbst-hergestellten Kostümen auftreten. Sie geben selbstbewusst die Antwort auf eine zentrale Stelle im Drehbuch: „Alles hofft, dass ein Wunder geschieht. Doch Wunder sind selten, und es braucht Phantasie“. Helga Awad, Leiterin der Einrichtung, wird am Ende des letzten Durchlaufs am Sonntag melancholisch: „Schade, dass jetzt alles vorbei ist. Hoffentlich gibt es eine Fortsetzung. Wir sind dabei.“

Station 4: Stadtteilschule Öjendorf

Respekt, Toleranz, interkultureller Dialog sowie die Erziehung zu einem lebendigen Demokratieverständnis und zu gesellschaftlicher Teilhabe: das ist die Werte-Agenda der STS Öjendorf, wo 80 bis 90 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund haben. Im Musical wurde die Schule zum Zentrum zahlreicher Themen rund um Wissenschaft und Forschung, verknüpft mit der Frage: „Reicht es aus, sich auf die Wissenschaft zu verlassen?“ Und Majella bringt es auf den Punkt: „Wer die Welt retten will, muss auch wissen wie?“ Die Umsetzung an der Schule führte zu farbenfrohen futuristischen Masken aus Plastikmüll, zu aseptischen Laboranzügen, zu Rap, Tanz und Gesang. Dazu der bärenstarke Auftritt des 12-jährigen Rappers Isak Bašić, der nach einer Tanz-ausbildung im Kultur Palast jetzt seine künstlerische Heimat im rhythmischen Sprechgesang gefunden hat.

Station 5: Finale im Kultur Palast

Auf dem Parkplatz vor dem „Leuchtturm der Kultur, der weit über Billstedt hinausstrahlt“ (Hamburgs Erster Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher drei Tage später bei einem Charity-Dinner) werden die Themen des Musicals unter dem Motto Diversität und Zukunft zusammengebunden, verbunden mit der Frage: Gelingt ein gemeinsamer Weg mit dem Ziel „A paradise for a better life?“ Masterclass-Schülerin Joelle Rose kommentiert mit ihrem eigenen Song „Fast Enough“ den Status Quo: „Nothing’s Happening fast enough / Kiving on such a beautiful planet / but we take it for granted / lost ourselves in the concrete jungle /while mother earth weeps / we live like there is no tomorrow.” Und dann das große Finale im abgedunkelten Kronensaal des Kultur Palasts: treibend im Universum, in galaktischen Sphären stellt ein Sprechchor eine bohrende Frage: „Wir werden geboren. Eltern geben uns Brot und Kleid. Unsere Lehrer drücken in unser Hirn Worte, Sprachen, Wissenschaften. Es entsteht eine Lücke – wo wir hineinpassen. Aber wer sind wir?“ Finja verweist in ihrem Song „Goodbye Now“ noch einmal auf eine banale Wahrheit, welche die Spezies Mensch allzu oft vergisst: „There is no other place for us to go.“ Majella stellt den Erwachsenen als potentiellen Lösungstreibern kein gutes Zeugnis aus: „Man wird alt. Und man hat das Gefühl, man hat immer noch nicht gelebt vor lauter Arbeit.“ Blibt es an der Geschichtenerzählerin Zeliha, uns eigentlich Banales nochmals ins Stammbuch zu schreiben: „Ihr schaut auf die jungen Leute, als hätten sie die Antworten, die Ihr Euch selbst nicht zu geben traut. Leute! Wir sind selbst verantwortlich für das, was wir tun. Wir allein und jeder einzelne.“

Was bleibt, ist ein nicht enden wollender Applaus und das Gefühl, einem ganz besonderen Stadtmusical beigewohnt zu haben, das nach Wiederholung schreit, dem es gelungen ist, zu den zentralen Themen der Menschheit generations-übergreifend alle Sinne anzusprechen und zum Handeln aufzufordern. Regisseur Dirk Schattner überglücklich: „Theater ist, wenn alle mitmachen. Das erleben wir hier in Reinkultur.“ Schon bei der Pressekonferenz im Vorfeld der Inszenierung, die ich leiten durfte, applaudierten die Journalisten nach ausgewählten Ausschnitten von PLANET BILLSTEDT. Das wiederholte sich am letzten Tag der Aufführung auch durch die Kollegen vom NDR „Hamburg Journal“, die dazu einen Beitrag gedreht haben, der hier über die ARD-Mediathek noch bis zum 15. Februar 2022 abrufbar ist.

 

 

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