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Ethik & Gesellschaft

Stilles Sterben sichtbar machen

Mit „Übersterblichkeit“ schleicht sich dieser Tage ein hässliches Wort in den allgemeinen Sprachschatz ein. Gemeint mit „Excess Mortality“ ist die erhöhte Sterberate im Vergleich zu empirischen Daten. Denn nach Angaben des Statistischen Bundesamts starben in der 50. Kalenderwoche 2020 rund 23 Prozent mehr Menschen als im Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019. In Sachsen hatten sich die Zahlen sogar verdoppelt. Aus dem Freistaat erreichen uns zudem Bilder, die an die nächtlichen Leichentransporte in Bergamo Mitte März 2020 erinnern. Im Krematorium Meißen stapeln sich die Särge bis in die runtergekühlten Andachtsräume. Auf jedem zweiten Erdmöbel steht „Corona / Infektionsgefahr“. Es ist – wie in der ersten Pandemiewelle – ein einsamer Tod, den die COVID-19-Opfer gestorben sind. Sie erscheinen nur noch als statistische Größe in den Nachrichtensendungen und der täglichen RKI-Statistik. Dies zu ändern haben sich diverse Medien und die Aktion „Geben wir den Toten ein Gesicht“ zur Aufgabe gemacht.

Veröffentlicht von Heinz-Gerhard Wilkens am 26. Januar 2021

Im Evangelischen Gesangbuch findet sich unter der Nummer 518 das Lied „Media vita in morte sumus“. Von Martin Luther ins Deutsche übertragen, ist dies der für viele verstörende Satz „Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen“. Trotz dieser elementaren Weisheit wird der Gedanke an die Endlichkeit des Lebens doch in der Regel von den meisten erfolgreich verdrängt, bis es den Partner, die Eltern oder nahe Freunde trifft. Dieser Tage sind es coronabedingt hunderte Familien, die diese existentielle Erfahrung täglich machen. Und wieder können sie sich – wie in der ersten Welle der Pandemie – nicht würdig von ihren Liebsten verabschieden. Das stille, unsichtbare Sterben setzt sich fort. Die Leichen der Corona-Toten sind Gefahrgut. Bestatter legen den Verstorbenen ein mit Sterillium getränktes Stofftuch über Mund und Nase, besprühen auch Haut und das Leinentuch, mit dem sie die Toten bedecken, mit Desinfektionsmittel. Dann wird der Leichensack verschlossen und auch der der Sarg noch einmal keimfrei bedampft. Ein würdiger Abschied am offenen Sarg ist den Angehörigen verwehrt.

Schon im September 2020 hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier angemahnt, den Angehörigen in ihrer Trauer zu helfen und eine nationale Gedenkfeier für die Corona-Toten ins Spiel gebracht, die er mit den anderen Verfassungsorganen diskutieren wollte. Medien wollten ein Vierteljahr später nicht länger warten und haben interaktive Websites mit Geschichten und Fotos der Pandemie-Opfer eingerichtet, wie der Berliner Tagesspiegel oder NBC News in den USA. 

In Deutschland findet dieser Tage zudem die vom Autor Christian Y. Schmidt und der Künstlerin Veronika Radulovic initiierte Aktion „Geben wir den Toten ein Gesicht“ Nachahmer. Am Stierbrunnen in Berlin Prenzlauer Berg hatte Schmidt am Nikolaustag Grablichter aufgestellt, um öffentlich der Corona-Toten zu gedenken. Die Initiatoren sagen: „Seit Wochen sterben in Deutschland jede Woche hunderte von Menschen an Covid-19. Die deutsche Bevölkerung scheint merkwürdig unbetroffen, verglichen mit der Reaktion, als im Frühjahr 2020 ähnliche Zahlen aus Italien, Spanien oder dem Vereinigten Königreich gemeldet wurden.“ Um dem Vergessen entgegenzuwirken und an die Dringlichkeit der Corona-Schutzmaßnahmen zu erinnern, ist dieser Aktion ein großer Zuspruch zu wünschen. Schwäbisch-Gmünd, Bielefeld, Pfaffenhofen und weitere 25 Städten leisten bereits ihren Beitrag zur Erinnerungskultur. Und in der Hamburger Kirchengemeinde St. Andreas Harvestehude hat Pastor Kord Schoeler den Opfern vor der Offenen Kapelle  einen eigenen Gedenkort gewidmet.  Er sagt: „Wir hätten nicht gedacht, dass um 0.30 Uhr noch Menschen hingehen und eine Kerze anzünden.“

Fotocredits Beitragsbild: MDR Sachsen / xcitePRESS

Trauerkerzen am Stierbrunnen in Berlin Prenzlauer Berg.
Foto: Christian Y. Schmidt/Twitter
Särge stapeln sich in den sächsischen Krematorien.
Foto: Märkische Allgemeine / RND
Interaktive Websites mit Geschichten und Fotos zum Gedenken der Pandemie-Opfer: Screenshot "The Loss" und
Foto: NBC News
Screenshot "Sie fehlen".
Foto: Tagesspiegel

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