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Therapeutische Kommunikation unter Narkose

Prof. Dr. Dr. Ernil Hansen ist Hypnoseforscher und pensionierter Professor für Anästhesiologie des Universitätsklinikums Regensburg (UKR). Seit langem unterrichtet er seine Studenten in therapeutischer Kommunikation, die Patienten Ängste vor medizinischen Interventionen nimmt. Dazu zählen die Vermeidung unbedachter und negativer Suggestionen, der behutsame und respektvoll-individuelle Umgang mit dem Patienten in einer Extremsituation sowie der Aufbau und das Aufrechterhalten einer empathischen therapeutischen Beziehung. Jetzt ist Hansen in einer multizentrischen Studie, die am 16. Dezember 2020 auch im renommierten „British Medical Journal“ veröffentlicht wurde, sogar der Nachweis für die Auswirkung von positiven Worten während einer Operation gelungen. Patienten haben nach dem Aufwachen aus der Narkose weniger Schmerzen und benötigen auch weniger Analgetika.

Veröffentlicht von Heinz-Gerhard Wilkens am 8. Februar 2021

Aus der Hypnoseforschung ist hinlänglich bekannt, dass Worte und Suggestionen das Unterbewusstsein erreichen und auch körperliche Veränderungen herbeiführen können. Die Hypnose, die seit den Ägyptern über den Asklepioskult (Tempelschlaf) zu den ältesten Heilmethoden der Menschheit zählt, wird heute etwa in der Behandlung von Angstsyndromen wie Flug- oder Examensangst eingesetzt. Aber auch bei der Behandlung sozialer Ängste (Platzangst, Panikattacken) und chronischen Schmerzsyndromen (Kopf-, Phantom- und chronischen Schmerzen). Hypnotische Verfahren werden häufig über akustische Methoden wie monotone Geräusche, ruhige Tonfolgen und eine suggestive Sprache eingeleitet.

Zwischen Januar und Dezember 2018 wurde in Kooperation des UKR mit dem Universitätsklinikum Knappschaftskrankenhaus Bochum, dem LMU Klinikum in München, der Uniklinik Köln und dem Klinikum Kassel 385 Patienten unter Narkose eine von Prof. Hansen entwickelte Tonaufnahme, die auf hypnotherapeutischen Prinzipien basiert und die psychologischen Grundbedürfnisse des Menschen anspricht, vorgespielt und ihre Wirkung auf den Verlauf der Operation untersucht. Um eine wissenschaftlich valide Verblindung zu gewährleisten, erhielt eine Gruppe kurz nach Narkoseeinleitung einen Kopfhörer mit positiv-hypnotischem Text und beruhigender Hintergrundmusik von der CD Trancemusic aufgesetzt. Das 20-minütige Band wurde je nach Operationsdauer mehrfach wiederholt. Eine Kontrollgruppe erhielt nur Kopfhörer ohne Ton. 

Das verblüffende Ergebnis: Das Schmerzempfinden jener 191 Patienten mit Text und Musik war um 25 Prozent geringer als jenes in der Kontrollgruppe mit 194 Operierten. Und der Schmerzmittelbedarf lag anschließend sogar um 34 Prozent niedriger. Zudem wurden seltener Übelkeit und ein rascheres Aufwachen beobachtet. „Hochgerechnet auf alle Untersuchten bedeutet das Ergebnis, dass einer von sechs Patienten gar keine Schmerzmittel nach dem Eingriff benötigte, das ist ein Erfolg“, so Prof. Hansen, „schließlich geht es um den Einsatz von Opioiden.“

Hansen erhofft sich als Konsequenz aus den Studienergebnissen, dass die Kommunikation in Medizin und Therapie einen höheren Stellenwert bekommt. Dass die Patienten auch in kontrolliert tiefer Narkose auf die Sprach-/Tonaufnahme reagiert hätten, rufe deutlich zu einem veränderten Verhalten im Operationssaal auf, mit weniger Geräuschkulisse und der Vermeidung unbedacht negativer Unterhaltungen.

Die Studienergebnisse eröffnen laut British Medical Journal sogar Anwendungsmöglichkeiten der hypnotherapeutischen Intervention bei Reanimationen, in der Intensivpflege und bei Komapatienten. 

British Medical Journal. 10. Dezember 2020.

Fotocredits Beitragsbild: 2019 UKR Franziska Holten

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