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Kinderschutz

Vermisst – wenn das Warten unerträglich ist

Gerade eben hatte Lukas noch die Schaufel in der Hand auf diesem riesigen, völlig überfüllten Spielplatz. Ich war nur wenige Meter von ihm und der Sandkiste entfernt, allzeit bereit, zu ihm zu springen, wenn irgendetwas ist. Für mich ein ganz normaler Abstand. Dann habe ich mich nur einen Moment wegdreht, nur einen Moment, der mein ganzes Leben verändern wird. Denn plötzlich war Lukas nicht mehr da. Ein Albtraum beginnt, den jedes Jahr Tausende Familien durchleben. Viele nur für kurze Zeit, einige ihr Leben lang. Der heutige Internationale Tag der vermissten Kinder soll uns nicht nur daran erinnern. Wir wollen auch eine Antwort auf die Frage geben: Was tun, wenn ein Kind plötzlich vermisst wird?

Veröffentlicht von Tanja Johannsen am 25. Mai 2021

Tatsächlich werden pro Jahr mehr als 100.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland als vermisst gemeldet. Glücklicherweise werden über 90 Prozent der Fälle aufgeklärt, dennoch gibt es Kinder und Jugendliche, von denen jede Spur fehlt. Einige Kinder bleiben über Jahrzehnte verschwunden. Um es in einer Zahl darzustellen: Seit 1951, dem Jahr, in dem das Bundeskriminalamt gegründet wurde, sind bis heute immer noch 2000 Fälle unaufgeklärt.

Ein Fall, der eine ganze Nation erschütterte

Am heutigen Internationalen Tag des vermissten Kindes sind diese Zahlen ein Grund mehr auf das Thema aufmerksam zu machen. Mit diesem Tag, der von US-Präsident Ronald Reagan 1983 zunächst als nationaler Gedenktag ins Leben gerufen wurde, wird jedes Jahr am 25. Mai an die Geschichte des sechsjährigen Etan Patz aus den USA erinnert, die stellvertretend für so viele steht. An diesem Tag im Jahr 1979 verabschiedete sich Etan´s Mutter am Morgen von ihrem Sohn, der sich erstmals allein auf den kurzen Weg vom Elternhaus zum Schulbus machte. Sie blickte ihm von der Feuertreppe des Appartements in Soho/New York nach, bis er die einzige Kreuzung auf diesem Weg überquert hatte. Doch irgendwann von dem Augenblick an, da er außer Sichtweite war bis zu dem Moment, wo er in den Schulbus einsteigen sollte, verschwand Etan spurlos. Es waren nur 50 Meter. Eine groß angelegte Suchaktion brachte keine Ergebnisse. Etan´s Eltern zogen nie um und behielten auch ihre Telefonnummer bei, die Etan auswendig gelernt hatte, in der Hoffnung, er würde eines Tages wieder auftauchen. Doch vergeblich. Erst im Jahr 2010 – rund 30 Jahre später – wurde der Fall wieder aufgerollt, 2012 kam es zu einem Schuldeingeständnis des Handwerkers Pedro Hernandez, den Jungen entführt und getötet zu haben. Doch erst 2017 kam es zu einer Verurteilung wegen Entführung und Mordes.

Was der Grundstein für den internationalen Tag der vermissten Kinder ist, wiederholt sich leider allzu oft. Ob es die bekannte Geschichte der verschwundenen Maddie ist, die seit gut zehn Jahren vermisst wird, oder die eingangs erzählte fiktive Geschichte des kleinen Lukas. Der Schock, die Angst, die Ungewissheit, die Verzweiflung, die Selbstvorwürfe, die Leere, die Hoffnung, die Trauer – und so vieles mehr, diese Gefühle begleiten jede Familie, wenn ein Kind plötzlich verschwindet.

Was tun, wenn ein Kind vermisst wird?

In Deutschland machen seit 2003 der Weisse Ring gemeinsam mit der Initiative vermisste Kinder mit verschiedenen Aktionen auf diesen Tag aufmerksam. Die Initiative vermisste Kinder wurde 1997 gegründet und hat es sich zur Aufgabe gemacht, bei der Suche von vermissten Kindern wirkungsvoll zu unterstützen. Sie dient als Anlauf- und Beratungsstelle und ist eine von weiteren Partnerorganisationen, mit denen der Weisse Ring zusammenarbeitet. Der Ring selbst ist eine Opferhilfeorganisation, der Eltern in dieser Situation unter anderem mit menschlichem Beistand oder bei Behördengängen unterstützt.

Aber was ist zu tun, wenn ein Kind vermisst wird? Wird ein Kind oder Jugendlicher vermisst, so ist die Polizei die erste Anlaufstelle. Sie geht bei Minderjährigen grundsätzlich von einer Gefahr für Leib und Leben aus. Diese gelten bereits als vermisst, wenn sie ihren gewohnten Lebenskreis verlassen. Unmittelbar nach Eingang der Vermisstenmeldung werden umfangreiche, teils groß angelegte Suchmaßnahmen eingeleitet. So weit ist dieser Ablauf sicherlich bekannt.

Weniger bekannt ist die europaweit einheitliche Hotline für vermisste Kinder 116000. Sie ist rund um die Uhr (24/7) kostenlos aus allen Netzen zu erreichen. Sie wurde von der Initiative vermisste Kinder 2011 ins Leben gerufen und ist komplett spendenfinanziert. Betroffene erhalten hierüber in Deutschland und den übrigen EU-Mitgliedsstaaten Beratung und Hilfe. Grundsätzlich, so rät die Initiative, sollte man im Fall eines vermissten Kindes folgende Schritte unternehmen:

    • Erstatten Sie unverzüglich eine Vermisstenanzeige bei der Polizei.
    • Rufen Sie seine Freunde und andere Eltern an.
    • Achten Sie darauf, dass Ihr eigener Telefonanschluss für einen Anruf Ihres Kindes frei bleibt.
    • Wenn Sie draußen suchen gehen, lassen Sie jemand anderen zuhause.
    • Don’t Panic – Bleiben Sie ruhig und konzentriert.

Neben der Hotline unterstützt die Initiative vermisste Kinder aber auch mit einer interaktiven Landkarte auf der Website der Organisation, auf der vermisste Kinder und Jugendliche mit Foto, Ort und weiteren Informationen verlinkt sind. Derzeit sind es 32 Kinder. Das sind vor allem Fälle, bei denen sich Verwandte oder die Polizei an die Initiative wenden. Darüber hinaus unterstützt die Organisation mit der Aktion „Deutschland-findet-Euch“, vermisste Kinder über das Teilen von Informationen auf den sozialen Netzwerken wiederzufinden.

AUGEN AUF – Aufruf zum Mitmachen

Zum 25. Mai startet die Initiative nun eine Mitmachaktion, um auf die Hotline und die begleitende Social Media Aktion „Deutschland-findet-Euch“ aufmerksam zu machen: Unter dem Motto „AUGEN AUF – Lasst uns die Welt ein wenig menschlicher machen“, will die Initiative die Gesellschaft dazu auffordern, genauer hinzusehen: Steht irgendwo ein Kind allein? An einer ungewöhnlichen Stelle? Oder in auffälliger Begleitung? Stimmt etwas nicht bei einem Kind, das man irgendwo sieht?

Symbolisch stehen dafür ein paar Wackelaugen, die bei der Initiative erhältlich sind. Sie werden auf Alltagsgegenstände geklebt und per Foto auf der Facebook-Seite der Initiative geteilt. Denn, so die Organisation, je mehr Menschen sich über die Gesichter in der Öffentlichkeit freuen und die Aktion kennen lernen, umso mehr Menschen denken daran, ihre Augen offen zu halten. Und hoffentlich bleiben dann weniger Kinder dauerhaft verschwunden. Denn die Augen offen zu halten ist der beste Schutz für die Kinder.

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