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Ethik & Gesellschaft

Vielfalt im Alter

In Berlin-Charlottenburg gibt es das Mehrgenerationenhaus für Regenbogen-Senioren. Warum diversitätssensible Pflege so wichtig ist…

Veröffentlicht von Silke Hirschfeld am 28. Oktober 2021

Der Begriff Vielfalt ist derzeit so populär wie die Nachhaltigkeit. Hipp ist, wer vielfältig ist oder zumindest vielfältig denkt. Vielfalt heißt Chancengleichheit, Diversität, Gendern, LSBTI*, interkulturell und maximale Toleranz. Wobei die Toleranz bei wahrer Vielfalt wegfällt, weil wir dann in unserer Vielfalt alle so gleich sind, dass niemand mehr toleriert werden muss.

Vor einigen Jahrzehnten sah das noch ganz anders aus. Wer in der Generation unserer Eltern oder Großeltern homosexuell war, hatte nicht nur mit Anfeindungen und Intoleranz zu kämpfen. Die betroffenen Männer und Frauen mussten oft um ihre körperliche Unversehrtheit fürchten und führten ein Leben im Verborgenen.

Eben diese Generation ist die, die nun ihre Pflegebedürftigkeit erreicht. In Zeiten der Vielfalt sollte dies kein Problem sein und doch gibt es Senioren, die in ihren Pflegeeinrichtung auf schamlose Weise beleidigt werden. Ein Gast bekommt einen Dialog unter Pflegern mit, bei dem einer den anderen fragt, wer die schwule Sau versorgt. Ein weiterer wird von einem anderen Gast angefeindet, dass sie ihn damals bei Adolf wohl vergessen hätten.

Erzählungen wie diese sind für Dieter Schmidt keine Seltenheit. Der 62-jährige Diplom-Psychologe kümmert sich bei der Schwulenberatung Berlin um die Belange der Pflege-WG im Mehrgenerationenhaus Lebensort Vielfalt. Die feindlichen Kommentare bekamen die Bewohner zu hören, bevor sie zum Mehrgenerationenhaus kamen. Das Haus existiert in Berlin seit 2012. Bernd Gaiser ist ein bekannter Schwulen-Aktivist und Mitgründer des Mehrgenerationenhauses Lebensort Vielfalt. Er weiß um die schlechten Erfahrungen, die homosexuelle Senioren in herkömmlichen Einrichtungen machen und ist dankbar dafür, an einem Ort zu leben, an dem er offen schwul sein darf, ohne dafür diskriminiert zu werden.

Unabhängig des Vielfältigkeitsgedankens entspricht das Mehrgenerationenhaus Lebensort Vielfalt einem Zukunftstrend. Denn immer mehr Menschen werden kinderlos alt. Das klassische Altersheim stirbt, nicht zuletzt aufgrund des Pflegenotstands, langsam aus. Eine Unterkunft, in der es gemeinsame Unternehmungen und Nachbarschaftshilfe gibt, scheint hier die Zukunft. Laut Gaiser ist das Mehrgenerationenhaus damit ein Ort des Lebens, aber auch des Sterbens.

Das Personal des Lebensortes Vielfalt ist diversitätssensibel, also mit der LSBTI-Welt vertraut und sensibilisiert. Schmidt ist überzeugt: „Jede Person hat eine Lebensgeschichte, die sie geprägt hat. Wenn ich ihre Biographie gut kenne, dann kann ich auch eine gute Pflege leisten.“ In der Einrichtung geht es also nicht nur darum, Menschen zu versorgen. Es geht um Selbstbestimmung und darum, auf die Bedürfnisse, Wünsche und Ängste einzugehen – unabhängig der sexuellen Orientierung.

Lebensort Vielfalt ist übrigens ein Qualitätssiegel, mit dem die Bundesregierung Alten- und Pflegeeinrichtungen auszeichnet. Mit 120 Kriterien müssen die Häuser den sogenannten Qualitätscheck bestehen. Insgesamt gibt es bislang nur fünf Einrichtungen. Wenn man bedenkt, dass sich die Generationen oft ihr Leben lang verstecken mussten, sind fünf viel zu wenig. Bleibt es zu hoffen, dass sich der Vielfaltstrend auch hier fortsetzt, damit auch diese Generationen im hohen Alter ein selbst bestimmtes Leben führen können ohne sich verstecken zu müssen.

* lesbisch, schwul, bisexuell, trans-, intergendergeschlechtlich

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