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Ethik & Gesellschaft

Von #allesdichtmachen zu #allemalneschicht machen

Der vergangene Donnerstag hat eine Welle der Empörung ausgelöst: Unter #allesdichtmachen veröffentlichten 50 deutsche Schauspieler Videobotschaften, in der aus ihrer Sicht auf ironisch-satirische Art und Weise die Corona-Politik der Deutschen Bundesregierung kommentiert wird. Thematisiert werden vor allem die politischen Entscheidungsfindungen oder die Kontaktbeschränkungen in der Pandemie. Die als künstlerisches Projekt bezeichnete Aktion rief eine Welle des Protests hervor – und das zu Recht, wie wir finden.

Veröffentlicht von Tanja Johannsen am 27. April 2021

Es ist die erste Liga der deutschen Schauspielriege, die sich unter #allesdichtmachen zu einem Corona-Protest zusammengefunden hat. Eine Schauspielriege, von denen man meinen darf, dass sie einen hohen kulturellen Background hat. Darunter Ulrich Tukur, Jan-Josef Liefers, Meret Becker, Ulrike Folkerts, Wotan Wilke Möhring – um nur einige zu nennen.

Umso fraglicher ist es, was sich die Beteiligten dabei gedacht haben. Natürlich, jeder darf seine Meinung äußern – wir leben in einem freiem Land. Man sollte sich seiner Verantwortung als Vorbild dabei aber bewusst sein. Was aber wollten sie uns denn eigentlich mit #allesdichtmachen sagen?

Wollten sie auf den Umstand aufmerksam machen, dass seitens der Politik zu wenig über die Maßnahmen öffentlich diskutiert wird? Oder gar, dass die Maßnahmen aus ihrer Sicht falsch sind? Oder war es ihre Absicht, noch einmal auf die Stimmen hinzuweisen, die in der ganzen Corona-Diskussion nicht gehört werden? Oder wollten sie sogar die Existenz und die Folgen von Corona in Frage stellen und damit die Ressentiments von Querdenkern, Corona-Leugnern und dem rechten Spektrum unserer Gesellschaft bedienen?

Tatsächlich heißt es in einem mittlerweile auf der Website der Aktion veröffentlichtem Statement unter anderem:

„Wir leugnen Corona nicht oder stellen in Abrede, dass von der Krankheit Gefahr ausgeht und Menschen daran sterben.

Vielmehr geht es uns um die Corona-Politik, ihre Kommunikation und den öffentlichen Diskurs, der gerade geführt wird. Wir üben Kritik mit den Mitteln von Satire und Ironie. Wenn man uns dafür auf massivste Art und Weise beschimpft und bedroht, ist das ein Zeichen, dass hier etwas ins Ungleichgewicht geraten ist.“

Satire für tausendfachen Tod?

Im Gleichgewicht zu bleiben ist für eine Gesellschaft tatsächlich eine Kunst in Zeiten einer globalen Pandemie. So viele Interessen gilt es unter einem Dach aus Maßnahmen zu vereinen, bei dem der Schutz des Lebens doch oberste Priorität hat. Und das natürlich auf einem demokratischen, verfassungskonformen Weg, denn wir leben ja nicht in einer Autokartie. Im ständigen Kampf mit der Unbekannten namens COVID-19 gilt es gleichzeitig, das gesellschaftliche Leben so normal wie möglich zuzulassen. Vor Kritik ist bei diesem Balance-Akt zwischen Leben lassen und Leben retten sicherlich keine Regierung gefeit. Angesichts von 80.000 Toten innerhalb eines Jahres allein in Deutschland, steigenden Infektionen, die immer jüngere Menschen betreffen, eine rasant anschwellende Auslastung der Intensivstationen, Menschen, die einfach um ihr Leben kämpfen und Menschen, die mit und für sie kämpfen, ist es wohl aber nicht mehr fraglich, ob Satire und Ironie die richtigen Stilmittel für eine Kritik sind. Es ist die Frage, wer oder was hier noch ins Ungleichgewicht gefallen ist.

Wem hilft diese Aktion? Eigentlich niemandem. Weder den Betroffenen, die an Corona erkrankt sind oder Angehörige daran verloren haben, noch den Menschen, die tagtäglich an vorderster Front stehen, sei es in Krankenhäusern, Arztpraxen, Impf- oder Pflegeeinrichtungen. Es hilft auch denjenigen in unserer Gesellschaft nicht, die auf jeder Ebene mit den Einschränkungen und Auswirkungen der Pandemie fertig werden und Leben müssen – sei es im Zurückgezogenen, Verborgenen oder im Sichtbaren, Öffentlichen. Die Aktion bewirkt eher das Gegenteil, sie verletzt.

#allemalneschichtmachen

Ähnlich sehen es auch diejenigen, die tagtäglich den Auswirkungen von Corona entgegenstehen: Als Reaktion auf die Videobotschaften von #allesdichtmachen reagierten Ärzte und Krankenhauspersonal mit einer Gegenaktion, initiiert von der Notärztin und Bloggerin Carola Holzner, im Netz bekannt als „Doc Caro“. Die leitende Oberärztin am Universitätsklinikum Essen richtete sich an die Beteiligten von #allesdichtmachen per Instagram und Youtube-Video und machte deutlich: „Ihr habt eine Grenze überschritten. Und zwar eine Schmerzgrenze all jener, die seit über einem Jahr alles tun.“ Zynische Diskussionen, Sarkasmus und Ironie hätten in der aktuellen Situation nichts verloren. Mit #allemalneschichtmachen lud sie die Beteiligten dazu ein, selbst einmal eine 24-Stunden-Schicht im Rettungsdienst, in der Notaufnahme oder auf Intensivstationen in Krankenhäusern zu machen. Wir dürfen gespannt sein, ob sich zumindest einer der Beteiligten darauf einlassen wird.

#allenichtganzdicht

Auch vom Präsidenten des Deutschen Bühnenvereins und Kultursenator Hamburgs Carsten Brosda kam Kritik an der Aktion: Sie zeige zwar, „dass wir uns kümmern müssen und die Widersprüche unserer Zeit aussprechen und diskutieren müssen“, so Brosda gegenüber dem NDR, „aber bitte konstruktiv und nicht bloß sarkastisch. Das, was sich im Moment falsch anfühlt, ist schließlich bei aller Kritik im Detail im Kern richtig und notwendig“, so der SPD-Politiker in Bezug auf die Corona-Maßnahmen. Bei allem Frust könne Zynismus nicht die richtige Haltung sein. Er warb auf NDR.de dafür, „jetzt klar und wirklich konsequent gegen die Ausbreitung des Virus zu handeln, damit eine klare Perspektive für den Neustart der Kultur entsteht. So muss das gehen.“

Viele Schauspiel-Kollegen distanzierten sich in den vergangenen Tagen von den Akteuren von #allesdichtmachen unter #allesschlichtmachen. Und während die Moderatorin des NDR-Kulturjournals Julia Westlake sich in ihrem Kommentar noch fragte „Sind die noch ganz dicht?“, rief Jan Böhmermann, der mit seiner nicht immer unumstrittenen Satire des Öfteren in den Schlagzeilen steht, den #allenichtganzdicht ins Leben. Er schreibt dazu: „Das ist das einzige Video, das man sich ansehen sollte, wenn man Probleme mit den Maßnahmen hat“, und verlinkt auf die Dokumentation über die Intensivstation der Berliner Charité.

 

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