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Ethik & Gesellschaft

Wie viel Genie steckt in Ihnen?

Genie oder Wahnsinn? – Die Abgrenzung ist nicht leicht. Etwa fünf Prozent der Menschen leiden an einer bipolaren Störung. In Deutschland sind somit mehr als vier Millionen Menschen betroffen und doch fehlt oft das Verständnis für sie und ihr wechselndes Verhalten. Dazu kommen die Genies, die keine bipolare Störung haben, sondern einfach genial Ideen oder (Insel-) Begabungen haben und auf einen gewissen Teil der Gesellschaft damit respekt- oder angsteinflößend wirken.

Veröffentlicht von Pia Kracke am 2. September 2021

Vincent van Gogh, Sylvia Plath, Ernest Hemingway, Aristotles und Shakespeare sind nur einige Namen, bei denen eine biopolare Störung vermutet oder sogar diagnostiziert wurde. Es wird vermutet, dass gewisse Werke dieser Menschen nur so entstanden sind, weil sie unter der Krankheit litten. Der Wechsel zwischen Manie und Depression führen zu extreme Gefühlsschwankungen, die sich auf unterschiedliche Weise auf die Werke der Kunst schaffenden Menschen auswirkten und auch immer noch auswirken. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen vermuten auf Grund von durchgeführten Studien, dass Menschen mit erhöhter Kreativität und Intelligenz zu bipolaren Störungen neigen.

Doch wie kann man sich das vorstellen? Was geht in den Köpfen der Menschen vor? Wie reagiert das Umfeld? Lässt sich die Störung behandeln? Und wenn ja, fühlt sich dies wie ein Einschnitt ins Leben der betroffenen Menschen an oder ist ihnen nur so das Führen eines „normalen“ Lebens möglich?

Fünf Tage nicht schlafen, größenwahnsinnig barfuß mit erhöhter Geschwindigkeit durch die Stadt zu fahren, um die Kreditkarte glühen zu lassen hört sich nach einem schlechten Scherz oder einer Person auf Drogen an. Doch es gibt auch Menschen, die genau dies tun ganz ohne den Zusatz von Alkohol, Drogen oder anderen aufheiternden Substanzen. In der Regel befinden sie sich gerade in der Hochphase ihrer bipolaren Störung. Sie sind manisch-depressiv, was bedeutet, dass sie von einem extremen Hochgefühl ungebremst in die Phase der Depression verfallen.

Während sie sich in der Manie, den Hochpunkt, großartig, unschlagbar, rastlos und voller Energie fühlen. Löst die Depression das genaue Gegenteil aus. Sie sind kraft- und antriebslos, ängstlich und lebensmüde.

Die betroffenen Menschen selbst lassen sich in der Phase der Manie nicht behandeln. Es geht ihnen schließlich gut. Die Personen verfallen oft in eine Art Kaufrausch, weil sie sich und den Bedarf unterschätzen. Die Folge: Sie treiben sich und ihre Familie nicht selten in den Ruin und verspielen ihren Besitz. Für Familienangehörige ist es schwer die erkrankte Person zu greifen, sie sind in ihrer eigenen Welt und verstehen nicht, wo die anderen das Problem sehen. Es geht ihnen schließlich gut. Sie genießen das Leben, was will man mehr?

Doch nach jedem Hoch kommt ein Tief. So ausgelutscht dieser Spruch ist, bei manisch-depressiven Menschen ist es genauso. Sie fallen nach der Manie in eine schwere Depression, die in der Regel sechs bis zwölf Wochen andauert und unterschiedlich schwer verläuft. Während einige lediglich von Antrieblosigkeit und Schweremut sprechen, kommt es bei anderen zu Selbstmordgedanken oder -handlungen. Das Leben verliert die bis vor kurzem noch so strahlende Farbe und Schönheit, wirkt grau und düster. Angehörigen erreichen die Familienmitglieder nicht mehr. Die Angst den geliebten Menschen ganz zu verlieren ist allgegenwärtig.

Eine weitere Erkrankung, die oft mit Genies in Verbindung gebracht wird, ist die Schizophrenie. Das übersteigerte Wahrnehmen und Fehlinterpretieren des normalen Erlebens, durch Wahnvorstellungen, Halluzinationen und die Überzeugung von anderen gedanklich beeinflusst zu werden, werden als Positivsymtome bezeichnet. Den Gegenspieler bilden die Nagativsymtomen, wie mögliche Verluste von kognitiven und motorischen Fähigkeiten, sowie die Einschränkung des normalen Erlebens. Zusammen machen sie es den betroffenen Menschen nicht immer leicht in einer Gesellschaft wie unserer Fuß zu fassen und nicht als verrückt dargestellt zu werden.

Medikamentös eingestellt soll ein „normales“ Leben für beide Erkrankungsformen möglich sein, doch immer wieder werden Medikamente abgesetzt, weil die betroffenen Menschen das Gefühl haben mit ihrer Erkrankung klarzukommen und diese selbst kontrollieren zu können. Nicht selten führt dies zu einem weiteren Schub und die Spirale lässt sich nur durch eine Behandlung aufhalten.

Immer wenn ich mir Gedanken über psychische Probleme oder Erkrankungen mache, fällt mir auf, dass niemand weiß, wie es in mir vor geht. Wie ich diese Situation gerade erlebe und ob meine innerliche als auch die nach außen getragenen Reaktion „normal“ ist. Wie können wir etwas als „normal“ oder „abnormal“ bezeichnen, was wir selbst nicht greifen können? Ist die schwarze Katze da gerade wirklich langegelaufen oder habe ich mir das eingebildet, nur weil mein Gegenüber in eine andere Richtung geschaut und diese nicht gesehen hat? Ist die rote Farbe, die ich irgendwo sehe, wirklich rot oder nur das was mir als rot beigebracht wurde? Das Thema ist so viel größer als man anfangs denkt und doch zeigt es wieder einmal, wie wichtig es ist, die Menschen, so wie sie sind zu betrachten. Mit allen was bei ihnen funktioniert oder auch nicht richtig -im Sinne der Gesellschaft – funktioniert. Genauso sollten wir uns die Zeit nehmen uns selbst einmal zu betrachten und zu schauen, wie viel Genie und Wahnsinn in uns steckt und wohin uns genau diese (Fehl-)Funktionen geführt haben. Es wird bestimmt spannend.

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