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Ethik & Gesellschaft

Wir drücken so lange, bis der Arzt kommt…

Nur 14 Prozent der Deutschen schätzen ihre Kenntnisse über lebensrettende Sofortmaßnahmen im medizinischen Notfall als ausreichend ein. Kein Wunder, sind doch die meisten von uns nur im Zusammenhang mit dem Erwerb einer Fahrerlaubnis über Erste-Hilfe-Kurse mit der Herzdruckmassage in Berührung gekommen. Im Ernstfall drohen also Panik, Angst und Überforderung. Damit dies nicht so sein muss, bringt der Hamburger Verein „Ich kann Leben retten!“ schon Schülern mit Schauspielern die Laien-Reanimation bei, so auch am 18. November 2021 in drei dritten Klassen der Stadtteilschule Alter Teichweg, an der ich seit August arbeiten darf.

Veröffentlicht von Heinz-Gerhard Wilkens am 24. November 2021

Eine eindringliche Szene der Fußball-Europameisterschaft aus diesem Jahr bleibt Millionen Fernsehzuschauern mit Betroffenheit im Gedächtnis. Christian Eriksen, Mittelfeldspieler in der dänischen Nationalmannschaft, erlitt beim ersten Gruppenspiel gegen Finnland ohne Vorwarnung einen Herzstillstand. Das schnelle Eingreifen der Helfer und eines Arztes konnte Schlimmeres verhindern. Er hatte Glück: die Retter waren nicht weit und leiteten die Reanimation umgehend ein. Das rettete sein Leben. Doch was passiert im Alltag bei einem Spaziergang? Bei Freizeitaktivitäten, im Urlaub oder gar Zuhause? 240.000

Menschen erleiden in Deutschland alljährlich ein akutes Herz-Kreislauf-Versagen. Daher sollte jeder die Wiederbelebungstechniken beherrschen. Der Hamburger Arzt Dr. med. Martin Buchholz hat nach persönlicher Betroffenheit im Jahr 2016 den gemeinnützigen Verein „Ich kann Leben retten!“ e.V. gegründet, spezielle Herzretter-Trainings für Kinder und Jugendliche entwickelt und so schon über 25.000 Schülerinnen und Schüler in Hamburg erreicht.

Dr. Martin Buchholz („Ich kann leben retten! e.V.) wird von Schülerin Theresa in die stabile Seitenlage gebracht

Denn jedes Jahr sterben in Deutschland rund 70.000 Menschen nach einem akuten Herz-Kreislauf-Versagen, von denen 10.000 gerettet werden könnten, wenn die Zeit zwischen Vorfall und Eintreffen professioneller Hilfe durch Laien kompetent überbrückt werden würde. Hier geht es um einen Zeitraum zwischen acht und 15 Minuten, bis das Rettungsteam eintrifft. Aber bereits nach drei Minuten ohne Sauerstoff nimmt das menschliche Gehirn irreparablen Schaden. Selbst wenn die Betroffenen überleben, sind sie oftmals lebenslang mit den Folgen der Gehirnschädigungen belastet. Das Leben zu retten und schwerwiegende Folgeschäden für die Betroffenen zu verhindern: darum geht es also in den Minuten unmittelbar nach Eintreten der kritischen Situation. Und hier setzen die 90-minütigen Herzretter-Trainings in den Schulen an.

Unter den kritischen Augen von Trainerin Heidrun Fiedler üben die SuS die Herzdruckmassage an Reanimationspuppen

In der Klasse 3c am Alten Teichweg führt die Schauspielerin Heidrun Fiedler das Herzretter-Training durch. Das hat den großen Vorteil, dass die Kinder spielerisch und doch real in eine kritische Situation hineingeführt werden – wissend, dass alles eine Übung ist –, die sie durch ihr neu erlerntes Wissen auflösen können. Die Trainings sind körperlich, lebendig und interaktiv. So werden die Barrieren zu helfen gesenkt und der Mut einzuschreiten geweckt, wenn es zu einem Herzstillstand im Umfeld kommt.

Und dann legt Heidrun Fiedler los. Erklärt den Unterschied zwischen Gefahr und Lebensgefahr, arbeitet mit den Kindern heraus, warum der Unterricht eigentlich „Gehirnretter-Training“ genannt werden sollte und erzählt die traurige Geschichte von Florian, der beim Fußballspiel einen Herzstillstand erlitt, nicht rechtzeitig durch Mitspieler versorgt und nie mehr gesund wurde. Und dann appelliert sie an Mut und Zivilcourage: „Ich möchte, dass Ihr in einer Stunde wisst, wie man hilft!“

Auch mit dem Defibrillator wurde geübt

An einer Puppe – die Kinder haben sie „Julian“ getauft, wird dann geübt. Wie sieht der Mund- und Nasenraum aus? Was passiert, wenn die Zunge – auch ein Muskel – die Luftröhre versperrt? Wie überstrecke ich den Kopf und stelle fest, ob Atmung noch vorhanden ist? Wie und warum drehe ich den Betroffenen auf die Seite, um aufgenommene Nahrung und Flüssigkeit abfließen zu lassen? Die mutige Theresa dreht sogar Dr. Martin Buchholz, der sich die Herzretter-Trainings auch gern persönlich anschaut, in die stabile Seitenlage. Spielerisch lernen so die Mitschüler, dass sie auch Erwachsenen helfen können. Es folgt ein Exkurs zur Notrufnummer mit Eselsbrücke: „112 und der Arzt kommt vorbei!“. Sie üben, wie man mit dem iPhone einen Notruf an den lokalen Rettungsdienst absetzen kann. Und sie lernen, genaue Angaben zu machen: Name, Aufenthaltsort (Straße, Hausnummer), Schilderung der Situation und in keinem Fall das Gespräch vor dem Satz „Du darfst jetzt auflegen“ zu beenden.

Und dann proben die Schüler parallel an drei Puppen zum Rhythmus von „Atemlos durch die Nacht“ die Herzdruckmassage. Dazwischen die Kommandos der Trainerin: „Tief drücken ohne Pause!“, „Wir sind das Herz!“, „Wir drücken so lange, bis der Arzt kommt!“ Und vor dem Verteilen des zwischen 8.30 Uhr und 10.00 Uhr erworbenen Herzretter-Passes zeigt Heidrun Fiedler an einer Puppe noch, wie ein Defibrillator funktioniert. Eine wichtige Hausaufgabe schließt sich an: sich den Standort des Defis in der Schule merken und zuhause das Erlernte mit Teddys oder Puppen (Herzdruckmassage) und mit Eltern (Kopf überstrecken & stabile Seitenlage) üben. Auf die Frage, ob die Kinder sich jetzt sicher fühlen würden, im Notfall beherzt einzuschreiten, folgt ein herzerwärmendes „Ja“ aus vielen Kehlen. Fazit der Trainerin: „Die Kinder und Ersthelfer können überhaupt nichts falsch machen. Falsch wäre es, fortzugehen und nichts zu tun. Für alle Menschen ist es die größte Herausforderung, Angst und Panik zu überwinden.“ Und Klassenlehrerin Gözde Crispi sekundiert: „Das konzentrierte Arbeiten über eineinhalb Stunden zeigt, dass bei den Schülern die Leidenschaft fürs Thema vorhanden ist. Die Herzretter-Schulungen sollten in den Lehrplan integrierbar sein, zumal das Thema so wichtig ist.“

In der 3c wird kein Geburtstag vergessen…

Ach ja: In der 3c am Alten Teichweg drehte das Herzretter-Training auch noch ein Team um Redakteurin Dorothea Voscherau für das NDR-Magazin „DAS!“. Asma, Helna und Fatemeh aus „meinem“ Radiokurs im Jahrgang 9 führten eifrig Interviews mit allen Beteiligten. Im Schulradio LOCKDOWN LIVE haben wir dann am 25. November eine Stunde zum Thema auf HarbourTown Radio gesendet.

Der Lohn am Ende des Kurses: der Herzretter-Pass

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