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Ethik & Gesellschaft

Wüstenblume im Kampf gegen FGM

Es klingt wie eine Geschichte aus Hollywood. Die Somalierin Waris Dirie, geboren 1965, wird mit 18 Jahren vom englischen Starfotografen Terence Donovan als Model entdeckt und für den Pirelli-Kalender fotografiert. Als eines der ersten „Supermodels“ siedelt sie von London nach New York über, erhält als erste Afrikanerin einen Exklusivvertrag vom Kosmetikkonzern Revlon, ziert die Titelseiten der großen Modemagazine, ist gefeierter Gast auf den Laufstegen von Paris, Mailand, London und New York und wird in „Der Hauch des Todes“ Bond Girl an der Seite von Timothy Dalton. Doch niemand kenn ihre dunkle Geschichte, bis sie 1997 ihren Ruhm nutzt, um die widerwärtige Praxis der Female Genital Mutilation (FGM), der weiblichen Genitalverstümmelung anzuprangern. Sie selbst war Opfer dieses destruktiven Eingriffs, den sie in ihrem 2008 auch verfilmten Roman „Wüstenblume“, der zwölf Millionen mal verkauft wurde, zum Thema macht.

Veröffentlicht von Heinz-Gerhard Wilkens am 2. Februar 2021

Nach Angaben von UNICEF gibt es weltweit 125 Millionen Mädchen und Frauen, die FGM-Opfer sind. Da die weibliche Beschneidung aber meist im Verborgenen geschieht, geht man von einer hohen Dunkelziffer aus. Alle 11 Sekunden wird auf dieser Welt ein Mädchen beschnitten, vor allem im nördlichen Afrika – im Sudan sind 90 Prozent der Frauen betroffen – und in Südostsasien. Jedes dritte stirbt nach diesem brutalen Eingriff. Viele leiden ihr Leben lang an den grausamen Folgen. Die Ideologie: Mit dem 2000 Jahre alten Initiationsritual soll die Frau vor Verdächtigungen, Ungnade und ihrer eigenen Sexualität „geschützt“ werden, um ein korrektes moralisches Verhalten und die Treue zum Ehemann zu gewährleisten. Seit 2006 wird der Internationale Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung jährlich am 6. Februar begangen, um auf dieses brutale Ritual aufmerksam zu machen. Seit September 2013 wird die Verstümmelung weiblicher Genitalien als eigener Straftatbestand gemäß § 226a Strafgesetzbuch (StGB) eingestuft und kann mit einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren bestraft werden. 

In ihrem Buch Wüstenblume (Desert Flower)* beschreibt Waris Dirie, wie sie bereits im Alter von sechs Jahren die aus siebzig Schafen und Ziegen bestehende Herde in der Steppe hüten muss. Der Name Waris bedeutet in ihrer Sprache Wüstenblume. Sie lebt so stets drei Wochen an einem Ort, lernt weder lesen noch schreiben. Im Alter von fünf Jahren muss sie sich der in Somalia traditionellen pharaonischen Beschneidung unterziehen. Ihre Mutter besteht darauf. In ihrem autobiografischen Werk beschreibt die heute 55-Jährige detailliert, wie ihre Mutter sie aufforderte, sich mit gespreizten Beinen auf einen flachen Felsen zu setzen, wie sie ihr ein Stück Wurzel zwischen die Zähne steckte und sie sie festhielt, während die Beschneiderin eine zerbrochene Rasierklinge auspackte…. 

Anschließend wird Waris Dirie von der alten Zigeunerin zugenäht. Nur ein kleines Loch erlaubt es ihr zu urinieren. Die Beschneidung macht dies zu einem ewig schmerzhaften Vorgang. Einen Monat lang musste das sonst so lebhafte Mädchen mit fest zusammengebundenen Beinen liegen. Harn brennt wie Säure. Sie schreibt: „Mein Geschlecht war versiegelt, unzugänglich wie hinter einer Steinmauer, und kein Mann konnte in mich eindringen, bis mich mein Ehemann in meiner Hochzeitsnacht mit einem Messer aufschnitt oder sich mit Gewalt Einlass verschaffte.“ 

Die Veränderungen in ihrem Leben beginnen mit Mohammed Chama Farah. Ihr Onkel geht als somalischer Botschafter nach London. Die sechzehnjährige Waris bittet ihn, sie als Hausmädchen mitzunehmen. Nach vier Jahren geht Farah zurück nach Somalia, aber Waris Dirie bleibt in England, flüchtet aus der Botschaft, schlägt sich als Putzkraft bei einer Fast-Food-Kette durch und kommt bei ihrer Freundin Halwi unter. Sie ist es, die eines Tages die Telefonnummer auf einer Geschäftskarte, die der Modefotograf Malcolm Fairchild Waris Dirie gegeben hat, anruft und ihre Freundin dann auch zum Studio begleitet. 

Bald darauf wird Waris Dirie über eine Modelagentur zu einem Casting eingeladen. Für den James-Bond-Film „Der Hauch des Todes“ wird sie als Bond Girl verpflichtet. Doch die Illegalität verfolgt das Modell über Jahre und wird immer wieder zum Stolperstein für ihre Karriere. Noch mehr jedoch leidet sie an ihrer Genitalverstümmelung. Die monatlichen Blutungen kosten sie fast ihr Leben. Die Gefühlslosigkeit frisst an ihrer Seele. 1997 – dem Jahr der Veröffentlichung von „Wüstenblume“ – beschließt Waris Dirie, ihre genitale Verstümmelung nicht länger zu verheimlichen, sondern ihre Bekanntheit zu nutzen, um den Kampf gegen die Beschneidung von Mädchen aufzunehmen. Sie sagt in ihrem Buch: „Ich fühle mich unvollständig, behindert, und ich weiß, dass ich nichts dagegen tun kann; das gibt mir ein Gefühl der Ohnmacht.“ Noch im selben Jahr macht UN-Generalsekretär Kofi Annan Waris Dirie zur Sonderbotschafterin der Vereinten Nationen gegen weibliche Generalverstümmelung. Und sie findet einen Spezialisten, der die Genitalverstümmelung rückgängig machen kann.

Ein bewegendes Buch, das die Brutalität der Genitalverstümmelungen von Mädchen und Frauen sowie deren Folgenschonungslos darstellt. Gleichzeitig bewegt dieses Buch die Seele und das Glück der Autorin über ihren persönlichen Ausweg beseelt am Ende auch den Leser. 

Bis heute kämpft Waris Dirie mit ihrer 2002 in Wien gegründeten Desert Flower Foundation gegen FGM. Die Stiftung sammelt Spenden, um Betroffenen zu helfen und baut Schulen in Afrika. 2013 setzte die Desert Flower Foundation mit der Eröffnung des ersten Desert Flower Centers in Berlin einen nächsten Meilenstein. In Kooperation mit dem Krankenhaus Waldfriede wurde das weltweit erste ganzheitliche Betreuungszentrum für FGM-Opfer eröffnet. Das Desert Flower Center bietet Rückoperationen nach FGM-Verstümmelungen, gynäkologische, urologische und psychologische Betreuung an. Mit der Karolinska Klinik in Stockholm und dem Hôpital Delafontaine in Paris wurden weitere Center eröffnet. In Amsterdam wurde 2014 das „Desert Flower Surgical Center“ eingerichtet, ein Trainingszentrum für Chirurgen, Gynäkologen sowie Urologen spezialisiert auf FGM-Fälle. 

Die Menschenrechtsaktivistin wurde bereits mit dem „World Women’s Award“ (2004), verliehen von Michael Gorbatschow in Hamburg, ausgezeichnet und von der Afrikanischen Union zum „Ambassador for Peace and Security“ in Africa“ ernannt. Heute ist Waris Dirie österreichische Staatsbürgerin, Mutter von zwei Söhnen (Aleeke, Leon) und lebt in Danzig und in Wien. 

*Waris Dirie, Wüstenblume, Knaur Taschenbuch, 392 Seiten, 9,99 Euro, ISBN 978-3-426-78985-8

Titelbild Fotocredits: Waris Dirie in St. Gallen (Uraufführung Musical „Wüstenblume“), Desert Flower Foundation

Bildungsaktion Desert Flower Schulrucksack
Foto: Desert Flower Foundation
Patenkinder der Desert Flower Foundation in Sierra Leone
Foto: Desert Flower Foundation
Buchcover Wüstenblume
Foto: Knaur Taschenbuch

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