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Umwelt & Nachhaltigkeit

Zero Waste in Leipzig

Es gibt Ausstellungen, denen hätte man mehr Aufmerksamkeit gewünscht, aber die Werkschau „Zero Waste“ internationaler Künstler im Museum der bildenden Künste Leipzig vom 25. Juni bis zum 8. November 2020 fiel weitgehend den Corona-Beschränkungen zum Opfer. Mit Installationen, Videos, Skulpturen und Fotografien wurde uns dort der Spiegel zu unserem ökologischen Fußabdruck vorgehalten. Schließlich verhält sich die Weltbevölkerung mittlerweile ja so, als hätte sie 1,75 Erden zur Verfügung. Insofern ging von der sächsischen Metropole in diesem Jahr der dringliche Appell aus, Ressourcen zu schonen, weniger zu konsumieren und nachhaltiger zu leben. Realisiert wurde die Ausstellung in Kooperation mit dem Umweltbundesamt.

Veröffentlicht von Heinz-Gerhard Wilkens am 8. Januar 2021

Es gibt auch Ereignisse vor unserer Haustür, die uns erahnen lassen, wie dramatisch die Plastikmüll-Belastung auf den Weltmeeren sein muss. Als im Januar 2017 im Sturm ein Frachter in der Nordsee havarierte, wurden zehntausende Überraschungs-Eier an den Strand der Insel Langeoog gespült. Im Juni 2020 fanden Forscher des Kieler GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung einen nach mehr als 20 Jahren unversehrten Quarkbecher im Ostpazifik in 4.000 m Tiefe. Derzeit werden jährlich über 350 Millionen Tonnen Kunststoff produziert. Aber nur ein Bruchteil der entstehenden Plastikabfälle wird recycelt. Das Gros landet auf Deponien, in Verbrennungsanlagen oder in der Umwelt. In die Meere gelangen Jahr für Jahr acht Millionen Tonnen Plastikmüll.

Die Konzeptkünstlerin Swaantje Güntzel zeigte in Leipzig einen Spielzeugautomaten. Die Objekte in den Plastikkugeln waren keine Reminiszenzen an unsere eigene Kindheit sondern Kunststoffpartikel, gewonnen aus dem Mageninhalt verendeter Lysan-Albatrosse auf einem Hawaiianischen Atoll. Ein weiteres Kunstwerk Güntzels ist ihr eigenes Gesicht, übersäht mit bunten Plastikteilen, um darauf zu verweisen, was wir bereits in uns tragen und täglich mit Kosmetikprodukten in die Haut einmassieren.

Künstlerkollege Raul Walch hat sich mit vermeintlicher Bio-Ware beschäftigt. Bei Almeria in Südspanien wächst auch im Winter das für Europas Norden massenproduzierte Sommergemüse, angebaut unter einer riesigen Landschaft aus Polyäthylen. Täglich wehen Teile der Gewebeplanen, Netze, Silber- und Schattierungsfolien fetzenweise ins Meer und in die Landschaft. Aus den gesammelten Plastikresten erstellte Walch ein raumgreifendes Mobile aus Drachen und Segeln. Versatzstücke aus einer surrealen Welt.

Auch das Künstlerduo aus Indonesien, Irwan Ahmett & Tita Salina, zeigte in Videoinstallationen von einer gemeinsam mit lokalen Fischern aus Abfällen und Plastikmüll erbaute künstliche Insel. Die großen Probleme Jakartas sind Müll und Wasserverschmutzung, die den vom Fischfang lebenden Familien langsam die Lebensgrundlage entziehen. 

Nur drei Beispiele zum Thema Kunststoff und Umweltzerstörung. Aber die „Zero Waste“-Ausstellung war wesentlich breiter angelegt. Künstlerische Antworten gab es u.a. zum stetig wachsenden Problem des Elektroschrotts oder zum Thema Feinstaub. Erik Sturm sammelte dazu rund um das Stuttgarter Neckartor dessen Ablagerungen, behandelte sie wie ein Pigment und verarbeitete alles mit Leim und Wasser zur „Staubfarbe Neckartorschwarz“. Der Nachteil: schon während des Trocknens riss die Farbe und verformte sich zu fragilen Reliefs. Schon 2012 hatte der Künstler Feinstaubpartikel am Neckartor fotografiert und analysiert. Unter dem Rasterelektronenmikroskop der Max-Planck-Gesellschaft und dem Karlsruher Institut für Technologie zeigte sich ein nahezu unsichtbarer Umweltmüll wie verklebte Rußpartikel, Reifen- und Bremsabrieb, Sand, Pollen, Bakterien, Fasern, Mikroplastik, Salzkristalle und Glas. 

Die Kuratorinnen der Ausstellung, Hannah Beck-Mannagetta und Lena Fließbach gaben der Hoffnung Ausdruck, dass die Kunst mit ihrer Innovationskraft zu einer echten Ressource im Kampf gegen Umweltzerstörung werden könne. Der Anfang ist gemacht. Mit den Erlösen aus dem Verkauf des 130-seitigen Ausstellungskatalogs werden zu 100 Prozent Baumpatenschaften – einschließlich ihrer langfristigen Pflege – an verschiedenen Standorten Leipzigs finanziert. 

*Aufmacherbild: Vibha Galhotra, Breath

Raul Walch, Laborant’s Pause
Foto: PUNCTUM / A. Schmidt
Raul Walch, Ocean Nine
Foto: PUNCTUM / A. Schmidt
Swaantje Güntzel, Microplastics II
Foto: VG Bild-Kunst, Bonn

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