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Ethik & Gesellschaft

Der Zwang zum Widerspruch – eine Debatte, die an die Nieren geht

In Sachen Organspende bewegt sich Deutschland weiter auf einem traurigen Tiefstand: Auf eine Millionen Einwohner kommen gerade mal 11,5 Organspender. In Spanien hingegen sind es 46,9 Organspender. Was genau läuft bei den Spaniern anders und warum kommen wir nicht aus dem Dauertief? Die Politik hat sich des Themas angenommen – sogar überparteilich – und debattiert seitdem über Ethik, Moral, Aufklärung und die Grundrechte.

Veröffentlicht von Silke Hirschfeld am 17. Juli 2019

Wären wir in den Vereinigten Staaten von Amerika, wäre die Debatte vermutlich schon beendet, denn dort arbeitet der amtierende US-Präsident derzeit daran per Dekret neue Organspende-Richtlinien zu erlassen. Nun sind wir hier nicht in den USA und das ist auch gut so. Dafür wird bei uns etwas mehr und vermutlich auch länger diskutiert, vor allem wenn es um Leben, Tod und die persönliche Freiheit geht.

Immerhin haben alle das gleiche Ziel, nämlich die Zahl der Organspender deutlich zu erhöhen, denn täglich sterben drei Menschen, die auf der Warteliste für eine Organspende stehen. Bemühungen aus der Vergangenheit, wie z. B. der regelmäßige Versand von Informationsunterlagen und blanko Spender-Ausweisen durch private und gesetzliche Krankenversicherungen hatten keinen spürbaren Effekt. Doch woran liegt das eigentlich? Ist es die gleiche Bequemlichkeit, wegen der wir immer noch den gleichen Stromvertrag haben wie vor 20 Jahren? Einfach, weil wir uns nicht die Zeit nehmen, uns zu informieren? Oder meiden wir das Thema, weil wir uns nicht mit dem Tod auseinandersetzen wollen? Was aber, wenn wir in die Situation kämen, in der wir oder ein geliebter Mensch dringend ein Spenderorgan benötigen würden, um zu überleben?

Viele Fragen, zu denen es viele Meinungen gibt. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn plädiert klar für eine Widerspruchslösung. Nach dieser gelten Menschen nach dem Hirntod automatisch als Organspender, wenn sie zu Lebzeiten nicht widersprochen haben und ihre Angehörigen keinen anderen Willen kennen.

Die Bundesvorsitzende der Grünen, Annalena Baerbock, hält von dieser Vorgehensweise nichts, weil sie ihrer Meinung nach zu sehr in das Recht auf körperliche Unversehrtheit und das Recht am eigenen Leben eingreift. Sie schlägt stattdessen vor, allen Bürgern mit Aushändigung des Personalausweises ausführliches Informationsmaterial zur Verfügung zu stellen, damit sie sich anschließend freiwillig in ein Online-Register eintragen können. „Das Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper ist ein sehr hohes Gut. Unser gesellschaftliches Zusammenleben fußt darauf, dass man ein Zustimmungsrecht hat, also gut informiert ist und bewusst einwilligen kann. Eben weil die Organspende so wichtig ist, muss die Lösung ja auch vor dem Verfassungsgericht standhalten.“, begründete sie ihren Ansatz gegenüber dem SPIEGEL.

Spahn hält dagegen, denn für ihn beschränkt die Widerspruchslösung das Selbstbestimmungsrecht nicht. Immerhin wird jeder Bürger dreimal innerhalb von sechs Monaten angeschrieben und informiert. Er kann jedes Mal widersprechen. Widerspruchslösung ist keine Pflicht zur Organabgabe, sondern eine Pflicht sich zu entscheiden. Dieses Vorgehen gibt es in 20 von 28 EU-Ländern, unter anderem in Spanien.

SPD-Abgeordnete Sabine Dittmar findet ebenfalls klare Worte für die Widerspruchslösung: „Das Grundrecht auf Leben hat für mich einen höheren Stellenwert als das Grundrecht auf Nichtbefassung mit einem Thema.“

In einem sind sich immerhin alle einig: Es gibt verschiedene Stellschrauben, an denen gedreht werden muss, um das Thema Organspende zu verbessern. Eine entscheidende ist es, die Abläufe in den Entnahmekliniken zu verbessern, Ärzte freizustellen, die im Bedarfsfall die Angehörigen über Hirntod und Organtransplantation aufklären und beraten, um das Vertrauen ins Spendensystem zu stärken. Diese Neuregelungen werden im April des kommenden Jahres umgesetzt. Ob sie zu dem gewünschten Erfolg führen, wird sich zeigen.

Wenn Sie zu den 80 Prozent der Deutschen gehören, die Organspende richtig und wichtig finden, aber noch keinen eigenen Organspenderausweis besitzen oder wenn Sie sich nicht sicher sind, weil noch zu viele Fragen offen sind, dann können Sie sich beispielsweise bei Ihrem Hausarzt oder hier informieren. Den Ausweis zum Download gibt es auch auf unserer Website.

 

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