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Beruf & Familie

Pandemie-Team Lehrerschaft

Die aktuell geschlossenen Bildungseinrichtungen stellen unser Schulsystem vor eine große Aufgabe. In der HomeSchool sind Schüler, Lehrer und Eltern gefragt, dass aus dieser Situation das beste gemacht wird. Letzte Woche beleuchteten wir in einer ersten Bestandsaufnahme, die Situation der Schüler und Eltern. Im heutigen Beitrag dreht sich alles um die Lehrer mit der HomeSchool. Dazu konnte ich mit Lehrkräften aus Hamburg und München sprechen, die in unterschiedlichen Schulformen unterrichten.

Veröffentlicht von Marie Mävers am 8. April 2020

Ich habe im Interview drei Lehrer getroffen und Ihnen ein paar Fragen zu der aktuellen HomeSchool-Situation gestellt – natürlich auf virtuellem Weg. Mit dabei war eine Gymnasiallehrerin aus München (H.K.) und zwei Lehrkräfte aus Hamburg, der Grund- (A.M.) und Stadtteilschule (K.G.). Hier mit Kürzeln versehen, weil sie namentlich nicht erwähnt werden wollen. Sie alle kommen aus der Junglehrer-Generation, vergessen dabei aber nicht ihre älteren Kollegen zu erwähnen, die sich während der HomeSchool-Zeit mit ganz anderen Problemen als sie auseinandersetzen müssen.

Wie läuft aktuell der Unterricht ab?

K.G.: Zurzeit arbeiten wir größtenteils über Arbeitsblätter und Telefonate. Manche Kollegen nehmen unterstützend Videos für die Schüler auf und an weiteren digitalen Lösungen wird gearbeitet.

H.K.: In Bayern arbeiten wir derzeit mit zwei digitalen Plattformen. Da die erste  nach kürzester Zeit vollständig überlastet war, sind wir fast vollständig auf Microsoft Teams umgestiegen. Darüber können sowohl Arbeitsblätter ausgetauscht werden, als auch eine Kommunikation stattfinden. Bei Live-Besprechungen sehen die Schüler meinen Bildschirm, nehmen aber selbst nicht mit Bild und Ton teil. Mit dieser Hilfe kann ich z.B in Chemie einen Versuch demonstrieren, Formeln wie auf einem Tafelbild einzeichnen, erklären und somit auch neue Themenfelder aufmachen. Eine weitere Möglichkeit, die ich für mich entdeckt habe, ist es Powerpoint-Präsentationen zu besprechen. Diese können sich die Schüler dann mit meinen eingesprochenen Anmerkungen angucken.

A.M.: In der Grundschule läuft längst nicht alles auf digitalem Weg ab. In ihren Arbeitsheften können die Schüler Aufgaben erfüllen und Arbeitsblätter werden teilweise verschickt oder von den Lehrern im Notdienst nach Hause gebracht. Die Online-Plattform wird vor allem zum kurzfristigen Austausch von Arbeitsaufträgen oder Nachfragen genutzt. Außerdem haben die Schüler die Möglichkeit als Belohnung kleine Online-Spiele zu spielen. Außerdem habe ich vor eine Live-Sprechstunde einzurichten, wo eine 1:1 Betreuung stattfinden kann. Ein Live-Unterricht kommt für mich mit Grundschülern nicht in Frage.

Wie wird mit den Schülern kommuniziert?

K.G.: Hauptsächlich per Mail.

H.K.: Wir kommunizieren in den Besprechungen oder direkt im Chatverlauf über Microsoft Teams. Das funktioniert ganz gut, vor allem weil die Schüler Push-Benachrichtigungen über neue Nachrichten und Infos auf ihr Smartphone bekommen. Auch hier sind natürlich große Unterschiede zwischen den Jahrgängen. Mit Fünftklässlern konnte ich teilweise bisher noch gar nicht kommunizieren und kann mich nur auf die Klassenlehrer verlassen, dass sie einen Online-Zugang haben und die Nachrichten und Aufgaben abrufen können.

A.M.: In der Grundschule findet die Kommunikation über die Eltern statt. Im Fall der Fachlehrer über Mailkontakt und die Klassenlehrer sollen einmal die Woche mit den Eltern telefonieren. In dieser einseitigen Kommunikation besteht auch das Hauptproblem – wenn als Lehrer der Kontakt zu den Schülern fehlt, geht insbesondere in der Grundschule super viel an zwischenmenschlicher Nähe verloren, der für das Lernen und den Fortschritt unverzichtbar ist.

Kann der vorgegebene Lehrplan erfüllt werden?

K.G.: Ich würde sagen in der Oberstufe in etwas reduziertem Umfang ja, bei den jüngeren Schülern eher nicht. Die Bearbeitung der Aufgaben hängt auch sehr individuell davon ab wie viel Unterstützung die Kinder zuhause von ihren Eltern bekommen, ob sie überhaupt Internet, einen Arbeitsplatz etc. haben und wie die sonstigen Bedingungen zuhause sind. Im Prinzip gibt es in so einer Situation meiner Ansicht nach kaum Chancengleichheit und auch nicht die Möglichkeit, gerecht zu bewerten.

A.M.: Aktuell ist das noch möglich. Wie bereits erwähnt, fehlt aber der Kontakt zu den Schülern also die Kontrolle, ob etwas zuhause erarbeitet werden konnte. Ein Gesamtüberblick wird also erst möglich sein, wenn wir uns wieder im Unterricht sehen. Je nachdem wie lange die Schulen noch geschlossen bleiben, werden natürlich Themen ausgelassen werden müssen. In der Grundschule sehe ich das aber als nicht so dramatisch an.

Können auf diese Weise neue Thema angefangen und bearbeitet werden?

K.G.: Es ist theoretisch möglich, aber wir sind was den online Unterricht angeht noch nicht so gut aufgestellt, außerdem bräuchte es dazu extrem kleinschrittig aufgebaute Arbeitsblätter, Erklärvideos und wahrscheinlich auch Videokonferenzen, was Lehrer die parallel Kinder betreuen und Lehrer die Korrekturen von anderen übernehmen die Kinder betreuen und auch Lehrer die Abiturienten betreuen vom zeitlichen Aufwand her gar nicht leisten können.

H.K.: Hier unterscheide ich vor allem zwischen den unterschiedlichen Jahrgangsstufen. In der 5.Klasse ist das relativ schwierig. In der Mittel- und Oberstufe hingegen ist auch das relativ gut möglich. Meine Erfahrung ist bisher aber, dass deutlich mehr Zeit benötigt.

A.M.: Ganz neue Themen anzufangen ist in der Grundschule schwer bis gar nicht möglich. Auch wenn man vermehrt Videos als Werkzeug nutzen würde, sehe ich die Aufmerksamkeitsspanne bei z.B. Zweitklässlern als viel zu gering.

Welche Probleme und Hürden sind in den letzten Wochen aufgekommen?

K.G.: Digitalisierung kostet Zeit und bedeutet zunächst erheblichen Aufwand für Schüler und Lehrer. Dadurch kam es zunächst zu einer Überforderung vieler Schüler, aber auch eine Chance zu mehr Selbstständigkeit. Bei mir in der Schule spielen außerdem die unterschiedlichen, teilweise auch schwierigen, häuslichen Situationen mancher Schüler eine große Rolle.

H.K.: Definitiv, allen Schülern gerecht zu werden. Zum einen, dass man gerade nicht kontrollieren kann, ob es alle verstanden haben und die dafür nötige Kommunikation. Denn die Schüler nicht zu sehen, schränkt einen in seiner Wahrnehmung sehr ein. Insbesondere auf die Frage hin, ob alles verstanden wurde. Außerdem bestehen große Unterschiede im Feedback und Nachfragen zwischen der 5. und 11. Klasse – bei den jüngeren Schülern werden kaum Fragen gestellt. Das war noch anzunehmen, aber innerhalb einer Klasse ist es dann noch schwieriger den Überblick zu behalten und sich besonders um jemanden zu kümmern.

A.M.: Definitiv die Kommunikation mit den Eltern, die sich nicht um die Schulbetreuung ihrer Kinder kümmern wollen oder leider nicht können.

Wie siehst du den nächsten Wochen entgegen?

K.G.: Ich sehe sowohl Chancen als auch große Herausforderungen. Sorgen bereiten mir vor allem die Schüler, die zuhause nicht die Unterstützung bekommen die sie brauchen.

A.M.: So komisch sich das anhört, ich habe Respekt vor der Situation, wenn die Schüler wieder zurück in die Schule kommen. Denn je nachdem wie lange diese Situation noch andauern wird geht es gar nicht in erster Linie um den Lehrplan, sondern um die Gewöhnung an den Schulalltag. Insbesondere die jungen Schüler brauchen erstmal eine gewisse Zeit, um sich wieder an diesen Tagesablauf zu gewöhnen und es wird seine Zeit brauchen, wieder einen geregelten Schulablauf zu haben.

Sehen Sie in dieser Krise eine Chance für das deutsche Schulsystem, besser zu werden? 

K.G.: Auch wenn die Digitalisierung jetzt ziemlich übers Knie gebrochen ist, halte ich es natürlich für sehr wichtig, dass Schulen digital gut aufgestellt sind um die Schüler auf die moderne Arbeitswelt vorzubereiten. Die häusliche Arbeit kann den Lehrern helfen, sich mehr auf die digitale Welt einzulassen und den Schülern, selbstständiger und strukturierter zu lernen. Insgesamt glaube und hoffe ich aber auch, dass ganz viele Menschen merken wie wichtig das normale Schulleben mit seinen ganzen zwischenmenschlichen Aspekten, der Struktur, den Diskussionen usw. für unsere Kinder ist.

H.K.: Eine gewisse Chance der Digitalisierung besteht sicherlich, weil es jetzt, zwar aus der Not geboren, einmal komplett verfügbar gemacht werden musste. Die Frage ist ob die Probleme, die sich hier ergeben haben, auch behandelt werden, wenn alles wieder in den Schulalltag übergeht. Für mich ist die HomeSchool keine alternative Option, als zur Schule zu gehen, aber man könnte für die Zukunft digitale Lösungen ableiten, die es Schülern zum Beispiel durch eine Online-Plattform, Material leicht zugänglich macht oder auch einmal Themen individuell nacharbeiten lässt, wenn etwas nicht verstanden wurde.

A.M.: Auf jeden Fall. In Bezug auf eine digitale Schule hinken wir meiner Meinung nach viel zu weit hinterher. Es gibt quasi keine digitalen Lernmethoden, was auf der anderen Seite aber die Zukunft unsere Kinder bestimmen wird. Außerdem könnte in vielen Bereichen viel effektiver gearbeitet und auf die individuellen Situation der Schüler eingegangen werden z.B. durch Online-Lern-Plattformen. Man darf auch nicht vergessen, dass für die ältere Generation der Lehrer die jetzige Situation teilweise nicht lösbare Probleme aufwirft.

Alle drei sind sich einig, dass es für sie persönlich aktuell das „Schöne“ an ihrem Beruf verloren geht – mit Menschen täglich zu kommunizieren und zu interagieren. Denn genau das beschreibt auch die Grundlage unseres Schulsystems. Es ist wenig bis gar nicht auf digitale Lösungen und die HomeSchool vorbereitet gewesen. Neben Online-Plattformen, über die alle Lehrer jetzt mit ihren Schülern kommunizieren müssen, ist es vor allem an ihnen selbst gelegen, Lösungen zu finden um Inhalte bestmöglich zu vermitteln. Zudem ist es fast nicht möglich auf individuelle Probleme der Schüler einzugehen bzw. zu erfahren ob alles verstanden wurde. Auch wenn Eltern nicht den Job der Lehrer übernehmen sollen, ist es gerade von der Grundschule bis Mittelstufe unabdingbar, dass Eltern diesen digitalen Weg begleiten. Wenn das nicht möglich ist, können einzelne Schüler auf der Strecke bleiben. Die ganzheitlichen und vor allem Bundesländer-übergreifenden-Lösungen sollten weiter voran getrieben werden, damit die Pandemie-Teams nicht größtenteils aus den Lehrer und ihren Ideen bestehen.

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