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Ethik & Gesellschaft

In Zeiten alternativer Wahrheiten

Die Welt schaut gebannt auf die Präsidentschaftswahlen in den USA am 3. November 2020. Der Urnengang in einem zutiefst gespaltenen Land, gebeutelt von Wirtschafts- und Gesundheitskrise, aufgewühlt von Rassismus und Polizeigewalt ist auch eine Abstimmung über Demokratie und Populismus, über ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Estabishment und Medien, die nicht als vierte Gewalt sondern zunehmend als Spreader von „Fake News“ agieren. Dass all das nicht erst mit Donald Trump angefangen hat, zeichnen die Journalisten Klaus Brinkbäumer und Stephan Lamby in ihrem faktenreichen Buch „Im Wahn“* nach. Ein Buch, zu dem am 26. Oktober in der ARD nun auch der Film erscheint.

Veröffentlicht von Heinz-Gerhard Wilkens am 23. Oktober 2020

Am 7. Oktober lief auf ZEIT ONLINE eine Livestream-Gesprächsrunde mit Klaus Brinkbäumer, ehemals Chefredakteur DER SPIEGEL, und dem vielfach ausgezeichneten Fernsehautor Stephan Lamby, zu dem aus den USA auch Anthony Scaramucci, immerhin im Juli 2017 für elf Tage Kommunikationsdirektor des Weißen Hauses, zugeschaltet war. Scaramucci, noch immer überzeugter Republikaner, gab verstörende Einblicke in den White House-Alltag mit einem selbstbezüglich agierenden Präsidenten, nahezu karikaturenhaft versunken in einem nicht enden wollenden Gedankenstrom. Dieser „amerikanische Mussolini“, so Scaramucci, dessen Intelligenz mit jedem emotionalen Ausbruch abnehme, stelle mittlerweile eine Gefahr für das demokratische System der Vereinigten Staaten dar. Er verfüge über keine Manager-Qualitäten. „He made our country weaker, poorer, sicker. He will loose the election and that will be a great day for the world and for America.“ Ein Republikaner wünscht dem Spitzenkandidaten seiner Partei die Abwahl, weil er nicht damit beschäftigt sei zu einen sondern das Land zu spalten.

Auch das Buch von Brinkbäumer und Lamby, „Im Wahn“, sollte erst „Die Spalter“ heißen. Im ZEIT Livestream zu den „Verzweifelten Staaten von Amerika“ attestierten die Autoren Trump zwar ein wahnhaftes Verhalten mit destruktiver Kraft aber eben auch, dass sich seine disruptive Energie gegen den „Deep State“ richte, gegen das Establishment. Hier könne er auf das tiefe Misstrauen seiner Anhänger bauen. Daher seien auch seine „Fake News“-Angriffe gegen die Medien so populär. Die Presse stehe in den Augen der Blue Collar Workers für die Steigbügelhalter der alten Machteliten. Da Trump aber den demokratischen Institutionen misstraue, sei der Grat hin zu faschistischen Tendenzen auch so schmal, etwa, wenn er Schlägertrupps wie die Proud Boys in einem waffen-starrenden Land ermutige, sich im Falle einer verlorenen Wahl bereitzuhalten. Wozu Rechtsmilizen wir die Wolverine Watchman in der Lage sind, zeigt der jüngst vereitelte Entführungsversuch der demokratischen Gouverneurin von Michigan, Gretchen Whitmer, Anfang des Monats.

Die Wählerbasis der Demokraten – so Lamby – sei eigentlich nicht ausreichend, um einen Machtwechsel in den USA herbeizuführen. Sie seien die Partei beider Küsten und der Klimabewegung: „Joe Biden hätte ohne die Corona-Pandemie und ‚Black Lives Matter‘ keine Chance. Aber Trump war nicht der erste US-Präsident, der seine Macht auf Lügen (immerhin mehr als 20.000 bislang nach Dokumentationen der Washington Post) aufbaute. Auch Richard Nixon operierte mit Krawallrhetorik, sah im Establishment seinen Feind, schwankte zwischen Selbstüberschätzung und Unsicherheit. Im Buch steht dazu: „Er nahm starke Medikamente gegen Angst und Schlaflosigkeit. Und mit Martini, Scotch und Rotwein half er nach.“

Was Nixon noch fehlte, war die manipulative Macht der sozialen Medien. Dazu kam, dass die US-Medien 1987 die Fairness-Doktrin aufgaben und es seither nicht mehr nötig ist, bei kontroversen Themen die Gegenseite zu Wort kommen zu lassen. Mitte der Neunziger Jahre mischten „Fox News“ die Medienszene auf. Dazu Lamby: „Über Fox News und Twitter kann Trump nach Belieben Lügen in die Welt setzen – und die amerikanische Gesellschaft weiter in zwei Lager spalten.“ Seither sehe die populistische Bewegung in Trump ihren Heiland. Das Kapitel „Senderkrieg“ im Buch über den unheilvollen Einfluss jener Medien, die sich als Geldmaschine sehen und nicht als Korrektiv im gesellschaftlichen Diskurs, gehört zu den faszinierenden und gleichzeitig desillusionierenden im Buch. Es zeichnet auch den Aufstieg der populistischen Talk Radios im ganzen Land nach und die niederschmetternde Erkenntnis, dass Fakten gegen Fiktion kaum noch eine Chance haben. Der Medienwissenschaftler Prof. Dr. Bernhard Pörksen beschreibt das so: „Bis Menschen im Gestöber der Halbwahrheiten und im frei umher-wirbelnden Informationskonfetti auf das zurückgreifen, was sie ohnehin glauben oder doch glauben wollen.“ Im Brinkbäumer/Lamby-Buch heißt es dazu über einen Superstar der FM-Radio-Szene: „Das ist die Methode Rush Limbaugh: unhaltbare Behauptungen verbreiten, Verwirrung stiften, und sich dann über die Verwirrung empören.“

Gespannt sein darf man auf den Film zum Buch. Seit Juni 2019 haben Stephan Lamby und Klaus Brinkbäumer Donald Trump und den US-Wahlkampf beobachtet. „Im Wahn – Trump und die amerikanische Katastrophe“ wird am 26. Oktober 2020 um 22.50 Uhr in der ARD ausgestrahlt. 

*Klaus Brinkbäumer, Stephan Lamby: Im Wahn. Die amerikanische Katastrophe. C.H. Beck, München 2020, 391 Seiten, ISBN 978-3-406-75639-9, 22.95 Euro. 

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