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Kultur

Niemand tanzt: Corona und die Jugendkultur

Niemand tanzt…oder doch? Kinder, Jugendliche und junge Künstler der Stiftung Kultur Palast Hamburg setzen über einen Flashmob auf dem Heiligengeistfeld einen Hilferuf ab. Als starke Tanzperformance, erarbeitet in nur einer Woche mit der Choreographin Andy Calypso zu Beyoncés Song „Freedom“ aus dem Jahre 2016.

Veröffentlicht von Heinz-Gerhard Wilkens am 3. August 2020

Die Schauspielerin Annette Frier  sagte kürzlich: „Ich höre viel über die Automobilindustrie und andere Wirtschaftszweige. Über die Kultur wird nur wenig gesprochen, außer dass man sich freut, wenn gemeinsam Lieder gesungen werden. Aber das kann natürlich nicht die Lösung sein.“ Recht hat sie, denn die Kulturszene hat Corona besonders hart getroffen. Clubs und Theater geschlossen, größere Konzerte unmöglich. Kino mit Abstand kein kostendeckendes Vergnügen. Ja, es gibt in Hamburg den „Corona Recovery Fonds, die Neustartprämie (2.000 €) für Künstler. Aber was ist mit der Jugendkultur in Stadtteilen wie Billstedt, abfällig auch gern mal die Bronx der Elbmetropole genannt? In Stadtteilen, wo seit 40 Jahren die Stiftung Kultur Palast Hamburg  über Tanz und Musik Brücken baut, Werte vermittelt und für Teilhabe und Integration jener jungen Menschen sorgt, die sonst schnell abgehängt wären?

Als Beispiel mag ein Projekt dienen: die HipHop Academy  (HHA), gegründet 2007, vermittelt alle wichtigen Disziplinen der HipHop-Kultur und vermochte auch bei uns zur 38. Verleihung des HanseMerkur Preises für Kinderschutz am 15. Juni 2018 mit Gastmoderatorin Gifty Lartey und Rap, Gesang und Tanz zu begeistern. Nun also am 1. Juli 2020 um 11.00 Uhr auf dem Gelände des Autokinos auf dem Heiligengeistfeld ein beeindruckender Auftritt, erarbeitet in nur einer Ferienwoche. Und darüber, an die Outdoor-Kinoleinwand projiziert das Plakat „Niemand tanzt, Stadt braucht Impulse. Stadt braucht Seele.“ Niemand tanzt? Es ist wie bei René Magritte, der unter ein Ölgemälde mit einer Pfeife schrieb: „Ceci n’est pas un pipe“. Surreal eben, wie die finanziell äußerst angespannte Situation der Stiftung Kultur Palast Hamburg. Eingerahmt je in 1,50  coronakonforme Kreise brachten 35 Jugendliche d a s auf den harten Untergrund, was in COVID-19-Zeiten eben nicht mehr möglich ist. Statt 30 bis 40 Jungen und Mädchen pro Kurs können sich derzeit nur sechs bis sieben Kids zum Training treffen. Seit März brechen Spenden weg, Veranstaltungseinnahmen für die Finanzierung fehlen. Das Budget schrumpft, die Wartelisten werden länger. Da haben wir gern den Film der Medienstudenten Gregor Hense und Max Brandt unterstützt, der auf die prekäre Lage der qualitativ hochwertigen Jugend-Kulturförderung in dieser Stadt aufmerksam macht.

Dass Tanzauftritte ungeahnte Kräfte freisetzen können, hat schon der britische Choreograph Royston Maldoom in seiner Autobiographie Tanz um Dein Leben zum Ausdruck gebracht: „Jungen und Mädchen erhalten die Bestätigung…dass durch Anstrengung, Engagement und Hingabe etwas Wertvolles entstanden ist. Durch einen solchen Auftritt bekommen Kinder Macht. Sie haben die Kontrolle, werden Gebende und Wohltäter – sind nicht mehr auf die Wohltaten anderer angewiesen. Viele Kinder sind das erste Mal in ihrem Leben in einer solchen Position, und das kann ihr ganzes Leben verändern.“

Eigentlich war der Song „Freedom“ von Beyoncé für die Tanzperformance vorgesehen. Er passte hervorragend zum Auftritt der jungen Billstedter Tänzer und ihren Selbstwirksamkeitserlebnissen, was ein Blick auf den Refrain des Liedes deutlich macht: „Freedom! Freedom! I can‘t move / Freedom, cut me loose! / Freedom! Freedom! Where are you? / ‘Cause I need freedom, too! / I break chains all by myself / Won’t let my freedom rot in hell / Hey! I’ma keep running / Cause a winner don’t quit on themselves.“ ABER: Die Musikrechtefrage war so schnell nicht zu klären. Und da war es ein Segen, dass die HipHop Academy über Talente verfügt wie Linda Ellen Tessloff (Nala), die als HHA-Trainerin für Gesang arbeitet und als Komponistin und Studiosängerin tätig ist. Ihr Song „Break Free“ fängt treffsicher das Lebensgefühl junger Menschen ein, die ihr künstlerisches Schaffen grad nicht auf die Bühnen dieser Republik bringen können.

Aber der ursprünglich vorgesehene Song „Freedom“ hat auch andere Aktivisten inspiriert, die starke Botschaften zu transportieren haben. Beyoncé selbst unterstützte am 11. Oktober 2017 mit einem neuen „Freedom“-Video den Internationalen Mädchentag. Gedreht von der britischen Regisseurin MJ Delaney zeigt es trotzige, wütende, starke und entschlossene Mädchen, welche die Ungleichheit der Geschlechter, die bis 2030 im Rahmen der Global Goals beendet werden soll ebenso ansprechen wie die Themen Kindsheirat, Ausschluss vieler Mädchen von Bildung, Genitalverstümmelung und HIV-Infektionen bei Frauen, häusliche Gewalt und Mädchenhandel. Mehr dazu auf #DayoftheGirl und #FreedomforGirls.

Kleiner Tip: „Freedom“ als Audiofile hochladen, das „Niemand tanzt“-Video stumm stellen und das Gesamt-Kunstwerk auf sich wirken lassen. Mega!

Das Spendenkonto der Stiftung Kultur Palast Hamburg:

Stichwort: Kultur Palast

IBAN: DE49 2512 0510 0009 4427 00

BIC: BFSWDE33HAN

Eingerahmt in coronakonformen Kreisen, die 35 jugendlichen Tänzer der HipHop Academy.
Foto: Max Brandt
„Niemand tanzt, Stadt braucht Impulse. Stadt braucht Seele.“
Foto: Max Brandt

One thought on “Niemand tanzt: Corona und die Jugendkultur”

  1. Tolle Perfgormance, fördernswerte Stiftung Kulturpalast, vielen Dank für den Beitrag!
    Und der Tipp „Freedom“ als Audiofile plus „Niemand-tanzt-Video“ bringt Spaß und Kultur ins Wohnzimmer – und macht Lust zum Mittanzen.

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